Demonstrationen für „Rojava“: Was uns auf die Straße treibt
Bundesweit protestieren Kurd*innen gegen den Vormarsch der syrischen Armee in Nordsyrien. Nun macht sich eine „Karawane“ auf den Weg dorthin.
Was mich empört: Sie verhöhnen uns auf Social Media und machen sich über uns lustig. Da ist zum Beispiel das Video, in dem ein Kämpfer von der syrischen Seite die Haare und den Zopf von einer kurdischen Kämpferin zeigt. Er hat ihn ihr abgeschnitten. Daher flechten wir unserer Haare jetzt zu Zöpfen: um dagegen zu protestieren.
Ich lebe erst seit einem Jahr in Berlin. Ich bin in der Türkei aufgewachsen und habe mein ganzes Leben lang meine Muttersprache nicht gesprochen. Meine Mutter spricht Kurmanci, aber ich verstehe es nicht gut. Ich lerne die Sprache erst, seitdem ich in Berlin bin.
In der Türkei habe ich nichts über meine Sprache und meine Kultur gelernt. Wenn Leute dort gehört haben, dass ich kurdisch bin, haben sie oft direkt gesagt, ich sei eine Terroristin. Niemand akzeptiert uns dort als Kurden, überall sind wir ausgeschlossen. In Berlin sind die Menschen offener und freundlich. Hier zu leben ist besser für meine Zukunft: Hier kann ich meine Sprache und Kultur leben, und hier können wir auch für unser Land und unsere Menschen auf der Straße demonstrieren.
Appelle und offener Brief Die internationalen Netzwerke RiseUp4Rojava und WomenDefendRojava riefen angesichts der militärischen Eskalation in Syrien gemeinsam mit 183 Organisationen und 72 Einzelpersonen aus 39 Ländern zu „Globalen Aktionstagen zur Verteidigung von Rojava“ vom 25. Januar bis zum 1. Februar 2026 auf. Sie wollen zu öffentlichen Aktionen ermuntern und fordern eine politische und rechtliche Anerkennung der Demokratischen Autonomen Administration in Nord- und Ostsyrien. Mit einem offenen Brief forderten außerdem politische Jugendorganisationen wie Jusos, Grüne Jugend und der Bund der alevitischen Jugendlichen die Bundesregierung auf, die Angriffe auf die kurdischen Gebiete öffentlich zu verurteilen und diplomatischen Druck auf Damaskus und Ankara auszuüben.
Demonstrationen Auch am Samstag haben in Berlin und in vielen weiteren deutschen Städten mehr als 20.000 Menschen aus Solidarität mit den syrischen Kurden demonstriert. In Berlin beteiligten sich nach Polizeiangaben 4.300 Menschen, in Frankfurt 4.500 und in Mannheim 6.000. Auch in Köln, München, Bremen und weiteren Städten fanden Proteste statt. Die Veranstalter in München forderten die Bundesregierung auf, den Schutz der Zivilbevölkerung und die Sicherstellung von humanitärer Hilfe zur Priorität zu machen.
Karawane nach Kobanê Am Freitag hatten sich außerdem aus Hannover und Köln Autokonvois auf den Weg gemacht. Ihr Ziel ist es, zur Unterstützung der Menschen vor Ort bis nach Kobanê zu fahren und Aufmerksamkeit auf die Situation vor Ort zu richten. Zunächst führten sie ihre Route über Berlin und Leipzig bzw. Frankfurt und München nach Wien. Dort wollten Konvois aus Frankreich und Osteuropa dazustoßen.
Anhaltende Gewalt Anlass ist die aktuelle Situation der Kurden in Syrien und die Angst vor einer weiteren Eskalation. Regierungstruppen und die kurdisch angeführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) liefern sich Kämpfe um Macht, Einfluss und Gebietskontrolle in Nord- und Ostsyrien. Dabei geht es auch um den kurdisch verwalteten Nordosten Syriens, der als Rojava bekannt ist. Ungeachtet eines Waffenstillstands werfen die Kurden den Regierungstruppen und deren Verbündeten Angriffe auch auf Zivilisten vor.
Waffenstillstand Die syrische Regierung und kurdische Kräfte haben eine in der Nacht zum Sonntag auslaufende Waffenruhe um 15 Tage verlängert. Das syrische Verteidigungsministerium begründete den Schritt am späten Samstagabend mit der Unterstützung eines US-Einsatzes zum Transfer von Gefangenen der Extremisten-Miliz Islamischer Staat (IS) von Syrien in den Irak. Die von den Kurden angeführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) erklärten, die Einigung sei durch internationale Vermittlung zustande gekommen. Der Dialog mit der syrischen Regierung dauere aber an. Die neue Waffenruhe trat um 23.00 Uhr Ortszeit in Kraft.
Hintergrund In den vergangenen zwei Wochen hatten Regierungstruppen große Gebiete im Norden und Osten des Landes von den SDF erobert. Präsident Ahmed al-Scharaa hatte den kurdischen Kämpfern eine Frist bis Samstagabend gesetzt, die Waffen niederzulegen und sich in die syrische Armee zu integrieren. Kurz vor Ablauf der Frist hatten sich beide Seiten noch gegenseitig eine Eskalation vorgeworfen. Kurdischen Sicherheitskreisen zufolge verstärkten die SDF ihre Verteidigungsstellungen in den Städten Kamischli, Hasaka und Kobane.
Gewalt gegen Minderheiten Die USA und Frankreich haben Scharaa einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters zufolge aufgefordert, nicht in die verbleibenden von Kurden gehaltenen Gebiete einzumarschieren. Diplomaten sagten, es werde befürchtet, dass neue Kämpfe zu massiven Übergriffen auf die kurdische Zivilbevölkerung führen könnten. Im vergangenen Jahr töteten regierungsnahe Kräfte bei konfessioneller Gewalt fast 1500 Angehörige der alawitischen Minderheit und Hunderte Drusen. Die USA bemühen sich um eine dauerhafte Waffenruhe und eine Integration der SDF, die jahrelang Washingtons wichtigster Partner in Syrien waren. Scharaa, dessen Truppen Ende 2024 den langjährigen Machthaber Baschar al-Assad stürzten, will ganz Syrien unter staatliche Kontrolle bringen. Dies schließt auch die von den SDF gehaltenen Gebiete im Nordosten ein. Die kurdischen Behörden, die dort seit einem Jahrzehnt autonome zivile und militärische Einrichtungen unterhalten, widersetzen sich aber einer Eingliederung in Scharaas islamistisch geführte Regierung. (taz, mit dpa)
Ich bin jetzt am dritten Tag auf den Demos. Vorher wusste ich nicht, dass sie stattfinden. Jetzt ist Krieg in Kobanê und Rojava, das ist sehr schlimm und traurig. Mein Volk wird zerstört, weil es kurdisch ist. Die Welt blickt weg und wendet sich ab und ignoriert die Verbrechen. Es dürfen nicht noch mehr Menschen sterben. Wir wollen Freiheit und dass das Sterben und Töten aufhört. Wir sind alle Menschen – ob wir kurdisch, deutsch oder syrisch sind, das ist unwichtig. Wichtig ist nur, dass wir in Frieden leben.
Layla Q., 18 Jahre alt, studiert in Berlin (Name geändert)
Die letzten Tage war ich regelmäßig auf Demos. Denn seit einer Woche ist wieder Krieg in Rojava. Die Lage ist schlecht. Ich wünsche niemandem, dass sie Krieg erleben. Ich bin selbst im Krieg geboren, in Quamischlo. Ich habe den Krieg auch selbst erlebt.
Seit sieben Jahren lebe ich in Berlin, und jetzt mache ich mir Sorgen um meine Familie dort. Normalerweise telefonieren wir, aber gerade haben sie in Kobanê kein Internet. Wir haben Angst um sie. Die Lage dort ist so schlecht. Wir hören auch, dass sie kein Essen haben und es ist extrem kalt. Sie wollen nur Freiheit – und dass die Angriffe und das Töten aufhören.
Außer demonstrieren können wir nichts machen. Viele Leute machen sich jetzt auf den Weg dahin. Aber das wird nicht so viel bringen. Die Leute werden weiter sterben, es wird noch mehr Verluste geben. Was der IS macht, ist unterirdisch. Nur weil unsere Frauen kämpfen, sagen sie, ihr seid keine Muslime. Sie stehen null Prozent zu Frauenrechten. Bei uns stehen die Rechte der Frauen an oberster Stelle. Es tut einfach weh, zu sehen, was sie mit unseren Frauen und Mädchen machen. Wir sind nicht nach Deutschland gekommen, um hier zu demonstrieren. Aber gerade bleibt uns nichts anderes übrig: Wir wollen schreien, damit alle sehen, dass die Menschen in Rojava in einer schlechten Lage sind. Wir wollen Präsenz zeigen, und hoffen, dass alles gut wird in Quamischlo.
Deutschland unterstützt uns, und ich glaube auch, dass sie am Ende etwas machen werden. Wenn ich die Videos und Bilder sehe von meiner Stadt und von der Straße, in der ich aufgewachsen bin, das nimmt mich sehr mit. Da sterben jetzt Leute. Mein Onkel und meine Tante leben noch dort. Ich weiß aber nicht, was mit ihnen ist, weil es kein Internet gibt. In der Schule habe ich syrische Freunde, mit denen ich auch darüber spreche, und wir haben auch syrische Nachbarn. Ich habe nichts gegen Syrer – mit denen, die hier sind, verstehen wir uns gut.
Azad A., 19 Jahre alt, Schüler aus Berlin (Name geändert)
Es war alles sehr spontan. Die Lage ist sehr dynamisch hier, aber auch vor Ort in Rojava. Daher haben wir die Notwendigkeit gesehen, vieles hier einfach stehen und liegen zu lassen und loszufahren. Donnerstag haben wir uns entschieden, das hieß dann, Freitag nach der Arbeit Tasche packen und auf geht’s. Denn Rojava wird angegriffen und Kobanê ist abgeriegelt. Mit der Karawane geht es uns darum, Grenzen zu überwinden, und das möglichst so, dass die Öffentlichkeit darüber und über die Situation in Rojava informiert bleibt. Es ist für uns ein Mittel des zivilen Widerstands. Wir wollen Kobanê verteidigen als Symbol für den Widerstand gegen den Faschismus weltweit.
Rojava wird seit 2012 selbst verwaltet. Alle Menschen dort werden in Entscheidungen vor Ort einbezogen, besonders auch die Stimmen von Frauen, und Frauenstrukturen werden aufgebaut. Es ist eine internationalistische Bewegung, die auf Frauenbefreiung, Ökologie und Demokratie aufbaut, und inspiriert Menschen weltweit.
In Rojava erproben sie einen anderen Weg, miteinander zu leben. Sie zeigen, dass es eine realistische Alternative zu unserem System gibt, in dem niemand unterdrückt wird. Aber aktuell geht es auch darum, die Bevölkerung dort zu unterstützen. Wir sind in Berlin Teil der jungen Frauenkommune von Yuna – Demokratische Jugend, das ist eine bundesweite sozialistische Jugendorganisation. Wir arbeiten schon länger zur Solidarität mit Rojava.
Unser Ziel ist, dort auch anzukommen. Aktuell sind wir mit unseren Arbeitgeber*innen im Kontakt, um etwa extra Urlaubstage auszuhandeln. Wir versuchen einfach, Lösungen zu finden für alles und so viel Zeit wie möglich auszuhandeln. Mit unseren Genoss*innen sind wir im Bus unterwegs. Am Samstag waren wir dann schon in Leipzig, von wo aus wir direkt nach Wien weitergefahren sind.
Hannah S., 21 Jahre, Teilnehmerin der Karawane, die am Freitag von Hannover über Berlin nach Kobanê gestartet ist (Name geändert)
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