Demo für Clubs auf dem RAW-Gelände: „Bewegt euren Arsch für ein besseres Morgen!“
Auf dem Kurfürstendamm wird für den Erhalt des RAW-Geländes demonstriert – direkt vor dem Büro des Investoren, der die Zukunft des Areals bedroht.
Auf dem Mittelstreifen des Kurfürstendamms raven rund 40 Menschen in der Mittagshitze – sichtlich nicht aus Charlottenburg. Sie tragen „FCK AFD“-Shirts und Anarcho-Kutten, trinken Sterni-Bier und rauchen Joints. Von vorbeilaufenden Businessleuten und Touris erhalten sie verwirrte Blicke und Gelächter. „Was für Assis seid ihr?“, ruft ein Typ aus einem vorbeifahrenden Mercedes.
Für die Raver ist das weniger Beleidigung als Eigenbezeichnung.„Warum holen wir die Druffis, Punks und Freaks aus Kreuzberg an den Ku’damm und gehen den armen Anwohnern auf den Keks?“, fragt Arian Wendel von Rave against the Zaun. Die Antwort liegt schräg gegenüber: im Kurfürstendamm 199. Dort befindet sich das Büro der Kurth-Immobiliengruppe – „dieser existenzvernichtenden Idioten“.
„RAW für alle – Cassiopeia & Co. müssen bleiben!“ lautet das Motto der Kundgebung, zu der Musiker*innen, Kulturinitiativen und Politiker*innen aufgerufen haben. Hintergrund sind die gescheiterten Verhandlungen zwischen dem Eigentümer, der Kurth-Immobiliengruppe und dem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Bereits in der kommenden Woche droht dem Club Cassiopeia die Schließung, weitere Einrichtungen, Künstlerateliers, Clubs und die Skatehalle auf dem Gelände sind bedroht.
Die Kurth-Gruppe hatte das Areal 2015 gekauft. Seither versucht der Bezirk das Unmögliche: die wirtschaftlichen Interessen des Eigentümers mit dem Erhalt der kulturellen Nutzung in Einklang zu bringen. 2022 versprach der Bezirk dem Investor einen 100 Meter hohen Büroturm, dafür sollte das RAW für mindestens 30 Jahre als Kulturstandort gesichert werden.
Am Montag erklärte die Kurth-Gruppe das Planungsverfahren nach 11 Jahren Verhandlungen überraschend als endgültig gescheitert. Ob der Investor das Projekt aufgibt oder auf eine weitere Verhandlungsrunde hofft, ist unklar. Klar ist aber: Ohne den Bezirk und ein abgeschlossenes Planungsverfahren kann er das Projekt nicht realisieren.
Clubkultur als Wirtschaftsfaktor
„Bürotürme gibts auch in Hannover und Paderborn!“, ruft Wendel. „Das RAW war das, was Berlin besonders gemacht hat.“ Neben der kulturellen Bedeutung ist das Areal auch ein Wirtschaftsfaktor. Es zieht jährlich Hunderttausende Besucher*innen aus Berlin und dem In- und Ausland an und trägt so wesentlich zur Attraktivität des Standorts Friedrichshain bei. Davon profitieren auch Gastronomie, Hotellerie und zahlreiche weitere Gewerbebetriebe. Eine Petition für die Rettung des Cassiopeias hat inzwischen fast 17.000 Unterschriften.
„Wenn das RAW zerstört wird, ist es das Ende eines langen Gentrifizierungsprozesses, der die gesamte Stadt zerstört“, kritisiert Wendel. Diese „wahnwitzige Idee von Kurth“ sei ein Schlag ins Gesicht für die Kulturräume in Berlin. Dagegen wehren sich im Verlauf des Nachmittags weitere Berliner Künstler*innen mit Musik-Acts, etwa Chefket und 6euroneunzig. Außerdem gibt es Redebeiträge der Berliner Linken-Vorsitzenden Kerstin Wolter und des grünen Wahlkreiskandidaten für Friedrichshain, Enad Altaweel. Sie fordern von der Kurth-Gruppe eine Rückkehr an den Verhandlungstisch.
Die Menge tanzt unermüdlich vor dem Wagen, der als Bühne dient. Darauf weht eine kommunistische Flagge, unten sind Pappen angebracht mit der Aufschrift: „Kurth enteignen“. Bis in die frühen Abendstunden beschallen die Demonstrierenden die Kurth-Gruppe mit Hip-Hop, Techno und Punkrock. „Wenn uns die Räume für unsere Kultur genommen werden, müssen wir die Kultur halt zum Ku’damm bringen“, ruft Wendel. „Bewegt euren Arsch für ein besseres Morgen!“
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