piwik no script img

Debütroman von Şeyda KurtSchleichende Versumpfung in sieben Tagen

Fiebertraum statt Revolution: Vor dem Hintergrund der Apokalypse macht sich Şeyda Kurt in ihrem ersten Roman an die Abschaffung bürgerlicher Normen.

Der Unterhaltungswert von Apokalypsen bemisst sich nie an ihrem Ende. Eher setzt er sich zusammen aus dem, was man auf dem Weg dorthin erfährt, aus den Eskalationsstufen, den eiligen Vorbereitungen, den Verteidigungsstrategien. Sie verleihen einer Geschichte Spannung, deren Ende ausgemacht scheint. Nach der Logik hat auch Şeyda Kurt ihre Geschichte angeordnet. In ihrem Roman „Zeit der Monster“ bringt sie ihre Figuren in Stellung zum Kampf um ihr Stadtviertel – und nimmt dabei Bezug auf Antonio Gramscis berühmte Krisenformel „Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster.“

Doch bei Kurt kommt die Apokalypse nicht mit einem großen Knall. Sie ist eine schleichende Versumpfung in sieben Tagen: Das Viertel überflutet, und die Figuren verfallen einer rätselhaften Krankheit, die sie mit hohem Fieber aus dem Leben und damit aus der Handlung schießt. Gegen diesen Untergang hilft selbst die bewaffnete Kommunist:innen-Brigade im Viertel nichts, dabei wüsste man gern, wie so eine „Game of Thrones“ -Schlacht eigentlich sozialkritisch, links und „radikal zärtlich“ aussähe.

„Zeit der Monster“ ist das literarische Debüt von Şeyda Kurt. Bekannt geworden ist die 34-Jährige durch ihre Sachbücher „Radikale Zärtlichkeit. Warum Liebe politisch ist“ (2021) und „Hass. Von der Macht eines widerständigen Gefühls“ (2023). Der nun erschienene Roman entstammt Kurts intensiver Auseinandersetzung mit bürgerlichen Normen und deren Abschaffung.

Der Roman

Şeyda Kurt: „Zeit der Monster“. Hanser Verlag, München 2026. 288 Seiten, 23 Euro

So gelingt es ihr, Figuren wie die mafiös anmutende Fitnessstudiobetreiberin und Kiezchefin Mira zu zeichnen, ohne sie darauf zu reduzieren, dass sie auf den Rollstuhl angewiesen ist. Oder es als eine Beiläufigkeit zu beschreiben, wie der Bürgermeister, der in anderen Geschichten ein klassischer Säufertyp wäre und auch hier nicht ganz ohne Plattheit auskommt, einen Geliebten hat, den er täglich mit Linsensuppe versorgt. Das Buch erzählt in einer Selbstverständlichkeit von Menschen, die in den meisten Geschichten gar nicht erst vorkommen. Und es erzählt von Orten, die übersehen oder lieber gleich vergessen werden.

Mitten drin die Chemiefabrik

Das Viertel, in dem „Zeit der Monster“ spielt, hat starke Ähnlichkeit mit dem Kölner Stadtteil Kalk. Mittendrin liegt eine stillgelegte Chemiefabrik, die Ende des 19. Jahrhunderts für Industrialisierung und Wohlstand sorgte. Der Aufschwung gipfelte im Verkauf der Chemieprodukte zu Rüstungszwecken, zum Beispiel dem Einsatz von lokal produziertem Giftgas im Mord an den Kurd:innen. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts wurde die Fabrik gegen den Widerstand der Arbeiter:innen geschlossen, die damit ihre Lebensgrundlage und oft auch den Grund ihrer Migration in das Viertel, die Stadt, auf den Kontinent verloren.

Kurts Roman erzählt vom Widerstand gegen die Missstände eines vergessenen Milieus. Da sind zum einen mystisch anmutende Szenen im alten Fabrikgebäude, in dem die streikenden Arbeitnehmer:innen seit Jahrzehnten in ihren grauen Overalls beim Plenum zusammensitzen, als hätte der Fabrikschluss die Zeit eingefroren.

Da ist Mira, die alle Probleme des Viertels im Nachbarschaftsrat zu besprechen versucht und sich schließlich aus Frust eine Prophezeiung über den nahenden Weltuntergang ausdenkt, um ihre Leute anzuheizen. Oder der Pfarrer Angelo, der, wenn auch äußerst missmutig, Menschen aufnimmt, die aus Angst angesichts der Prophezeiung Unterschlupf in seiner Kirche finden. Die Menschen haben dabei ganz alltägliche Sorgen, so ärgert sich etwa der Pfarrer, der schon wieder das Klopapier zu kaufen vergisst: „Er kam einfach nicht hinterher. Die Leute in seiner Kirche schissen seit Tagen unaufhörlich. Und das in Gottes Haus. Che vergogna!“

Wirklich nah kommt man den Figuren allerdings selten, so bleiben auch ihre kleinen Eigenheiten eher Slapstick, wenn etwa Mira über ihre Fitnessstudiokundschaft sagt: „Auch Faschos zahlen Abos.“

Wuchernder Text

Der Text ist trotz der tageweise erzählten Kapitel formal unübersichtlich, sumpfartig wuchert er in alle Richtungen. Handlungsstränge werden aufgenommen und wieder fallengelassen, Hauptfiguren treten in den Hintergrund und ständig wechselt die Erzählperspektive. Neben den Figurenperspektiven gibt es auch eine Erzählstimme in zwischengeschobenen „Bestandsaufnahmen zu Mitternacht“, die der Handlung durch Bezüge zum Assyrischen Reich und einem mesopotamischen Mythos eine gewollte Tiefe verleiht.

Der Mythos lohnt dabei einen näheren Blick, weil er etwas über die Erzählweise dieses Romans verrät. Er handelt von sogenannten Schicksalstafeln, die das Wissen über den gesamten Menschheitsverlauf bergen, der bereits festgelegt ist und den die Menschen nur wenig beeinflussen können. Kurt verhandelt hier nicht weniger als die Frage nach dem historischen Determinismus: Wenn das Ende – eine befreite Welt – schon ausgemacht ist, müssen die Menschen dann nur ausharren, bis das Leid so groß wird, dass es zur Revolution kommt? Wird es diese historische Notwendigkeit im Moment der Krise geben? Oder wird man von der schleichenden Verschlechterung aller Dinge eingelullt sein?

Kurt vermeidet weitgehend den Revolutionskitsch, ihr ganzes Buch ist ein Eingeständnis, dass dem Untergang nicht mit großem Widerstand, sondern allenfalls mit Plänen für ein Danach begegnet wird. Lediglich in der Erzählstimme liegt ein Raunen über eine bessere Welt, die den Untergang der alten Welt schicksalshaft erfordere.

Die mythische Monstrosität darin hätte das Buch nicht nötig, denn so überliest man beinahe, dass es reale Feinde wie die in der Erzählung angedeuteten „grauen Wölfe“ gibt, gegen die sich die Figuren durchaus wehren könnten. Sie legen Brände und blockieren die Abwasserkanäle, kurz: Sie laden zum Showdown. Währenddessen verfallen die Handelnden wie die Lesenden einem Fiebertraum, der sie immer tiefer in den Sumpf hineintreibt.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare