Debütfilm „Shiva Baby“ auf Mubi: Die blanken Nerven zupfen

„Shiva Baby“ von Emma Seligman schickt seine Protagonistin an den Rand des Zusammenbruchs. Der Maseltov-Cocktail hat es in sich.

Rachel Sennott guckt entnervt schräg an der Kamera vorbei, Nahaufnahme

Steigender Schrecken im Gesicht: Danielle (Rachel Sennott) in „Shiva Baby“ Foto: Mubi

Wenn man eine junge Frau aus gutem jüdischem Hause in New York ist; wenn man Männer und Frauen liebt; wenn man keine Lust auf ein Studium hat und – über die spendable familiäre Unterstützung hinaus – Penunzen braucht; wenn einen die Eltern zu Familientreffen zwingen, nur um einen dort durch Plappern zum Wahnsinn zu treiben; was soll man dann machen!?

Emma Seligmans Langfilm-Debüt „Shiva Baby“ schüttet all diese Nöte, Zwänge, Eigenschaften und Entscheidungen zusammen, um sie, in einer Art Maseltov-Cocktail, auf der Leinwand explodieren zu lassen: Danielles (Rachel Sennott) Nebenverdienste stammen aus dem „Sugar Dating“, einer euphemistischen Bezeichnung für Prostitution zwischen jüngeren Frauen und älteren Männern (und umgekehrt), bei der die Beziehungen als „persönlicher“ wahrgenommen werden als üblich.

Auch Danielles „Sugar Daddy“ Max (Danny Deferrari) fühlt sich wie ein Mäzen: „Ich unterstütze gern junge Unternehmerinnen“, raunt er ihr ironiefrei ins Ohr, als er ihr nach dem Sex in seinem Soho-Apartment die Scheine zusteckt.

„Shiva Baby“. Regie: Emma Seligman. Mit Rachel Sennott, Dianna Agron u.a. USA/Kanada, 78 Min. Der Film ist lief auf Filmfestivals 2020, kommt wegen der Coronapandemie aber erst 2021 ins Kino und läuft auf Mubi.

Doch Danielle scheint sich ihrer Grenzen ebenfalls nicht sicher zu sein. Denn auf einer traditionellen Schiv'a, einem jüdischen Ritual, bei dem die Hinterbliebenen im Haus des oder der Verstorbenen zusammenkommen, um zu trösten, zu trauern und zu essen, taucht kurz darauf nicht nur ihre Exfreundin Maya (Molly Gordon) auf, die als fleißige Jurastudentin all die Dinge richtig macht, die Danielle vermurkst hat.

Spalierlauf durch die Trauergemeinde

Sondern auch Max – samt (nichtjüdischer „Shiksa“)-Ehefrau und Baby. Für Danielle entwickelt sich das eh bereits klaustrophobische Treffen zu einem Horror-Kammerspiel.

Für Regisseurin Seligman sind Horror und Humor zwei Seiten einer Medaille: In Großaufnahme fängt sie den steigenden Schrecken in Danielles blassem Gesicht ein; verfolgt ihre Heldin beim Spalierlaufen durch die fragende Trauergemeinde und schneidet Bilder von (Lachs, Bagels, Cookies) fressenden Verwandten dazwischen. Auch der von Ariel Marx komponierte Score ist ein echter Streicherschauder – als ob es die blanken Nerven der Pro­tagonistin selbst sind, die gezupft werden.

Die stufenweise Kulmination der Ereignisse dagegen verfolgt eine klassische, vor Situationskomik und irren Zufällen wimmelnde „Das Bild hängt schief“-Dramaturgie: Erst „passiert“ Maya, dann Max, dann dessen Frau und Kind, dann ein verdächtiges Armband (das Max ihr schenkte), dann verschludert Danielle irgendwo im Verwandtengetümmel ihr Handy, dessen verdächtige SMS-Inhalte ihr zum Verhängnis werden könnten. Und schließlich liegt einiges in Scherben, echten und symbolischen.

Beiläufig, aber detailgetreu integriert Seligman Themen wie Judentum, Familie und Bisexualität (obwohl Danielles Eltern in sämtlichen Bereichen offener reagieren als viele andere ihrer Generation) und lässt ihre Heldin konsequent am Rande des Zusammenbruchs balancieren.

Ambivalenz irritiert

Am Ende bleibt man dennoch etwas irritiert zurück: Wie kohärent ist die Figur Danielle, wenn sie mal frech und selbstbewusst, mal schüchtern und stumm auftritt; wenn sie einerseits cool Max ausnimmt und Freier-Meetings plant, sich andererseits anscheinend mehr versprochen hatte?

Und wenn all diese Wendungen den Charakter als ambivalent beschreiben sollen – wie viel Spaß macht es dann noch, dieser anscheinend verwöhnten, egoistischen und faulen jungen Frau zu folgen?

„Shiva Baby“ ist aus einem Kurzfilm entstanden – dass man seiner Hauptfigur eine gewisse charakterliche Unterentwicklung anmerkt und auch die zunehmende Redundanz der Story schmälern das Vergnügen an Eskalation jedoch glücklicherweise nur wenig.

Das Werk passt zur Riege der Regisseur:innen, die lustvoll leicht selbstsüchtige Unglücksräbinnen inszenieren: Danielle ist eine Schwester im Geiste von Lena Dunhams „Girls“, von Noah Baumbachs „Frances Ha“, von der Protagonistin in Elizabeth Woods zu Unrecht kaum beachteten Dramas „White Girl“. Und einen Vorteil hat Danielles verfahrene Situation allemal: Aus Schaden wird man endlich klug. Hoffentlich.

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