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Debatte um Wim Wenders AussageWie politisch darf die Berlinale sein?

Derya Türkmen

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Derya Türkmen

Im Umgang mit Politik zeigt die Berlinale sich seit Jahren unentschlossen. Gerade wenn es um Gaza geht. Dabei wäre eine klare Position möglich.

Eigentlich geht es bei einem Filmfestival um Filme, doch beizeiten verschiebt sich der Fokus Foto: Steinach/imago

E s sind oft nicht die Filme, die auf der Berlinale für die größten Kontroversen sorgen, sondern die Sätze dazwischen. Einer davon fiel auf der Auftakt-Pressekonferenz der Internationalen Jury. Auf eine Frage des Journalisten Tilo Jung zum Nahostkonflikt und zur Rolle des Festivals antwortete Jurypräsident Wim Wenders: „Wir müssen uns aus der Politik heraushalten.“

Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Die indische Autorin Arundhati Roy sagte ihre Teilnahme am Festival ab und kritisierte die Vorstellung, Kunst könne oder solle unpolitisch sein. Und wieder rutscht hier eine Debatte ins Zentrum, die die Berlinale seit Beginn des Gaza-Krieges im Herbst 2023 begleitet: Wie politisch darf ein Filmfestival sein?

Neu ist dieser Konflikt nicht. Politische Kontroversen entstehen beim Berliner Filmfestival meist punktuell. Die Preisverleihung 2024 wurde zu einem solchen Moment. Als der Dokumentarfilm „No Other Land“ ausgezeichnet wurde und der israelische Filmemacher Yuval Abraham von „Apartheid“ und der US-Filmemacher Ben Russell Israels Vorgehen im Gazastreifen als Genozid bezeichnete, verschob sich der Fokus vom Kino auf die Bühne selbst. Applaus im Saal, politische Distanzierungen im Nachhinein und der Vorwurf einer einseitigen Positionierung machten das Festival zum politischen Streitfall.

Auch andere Entscheidungen wurden zuletzt politisch gelesen – etwa die Debatte um Einladungen von AfD-Politikern zur Festivaleröffnung oder Kritik an Kommunikation und Leitung des Festivals. Seit dem Gaza-Krieg kehrt die Diskussion damit immer wieder zurück. Dann geht es weniger um einzelne Filme als um die Frage, welche politische Bühne die Berlinale bietet – und wie sie mit ihr umgeht.

„Schaufenster der freien Welt“

Dass solche Konflikte immer wieder auftreten, hat auch mit der Geschichte des Festivals zu tun. Die Berlinale entstand 1951 im Kalten Krieg als kulturelles „Schaufenster der freien Welt“. Kultur und Politik waren hier von Anfang an eng miteinander verbunden. Heute zeigt sich dieser Zusammenhang anders: Weil das Festival öffentlich finanziert wird, wächst der Druck, Neutralität zu wahren. Öffentliche Kulturförderung ist jedoch nie vollständig neutral, sondern Teil staatlicher Kulturpolitik und gesellschaftlicher Selbstverständigung. Verständlich ist der Wunsch nach Zurückhaltung – realistisch jedoch kaum.

Kultur wirkt in solchen Momenten wie ein Seismograf gesellschaftlicher Spannungen. Filme, Literatur oder Theater entstehen aus den politischen und sozialen Bedingungen ihrer Zeit und machen sichtbar, was in einer Gesellschaft ohnehin verhandelt wird. Wenn Konflikte eskalieren, wird auch Kultur konfliktreicher. Die wiederkehrenden Debatten um die Berlinale sind deshalb kein Betriebsunfall, sondern Ausdruck derselben Spannungen, die sich auch anderswo zeigen.

Die Berlinale steht damit vor einem strukturellen Dilemma. Einerseits soll sie ein Raum der Kunstfreiheit sein, andererseits wird sie als öffentlich finanzierte Institution politisch bewertet. Wenn Filmschaffende auf der Bühne sprechen, verschwimmen die Grenzen zwischen individueller Meinung, kulturellem Ausdruck und institutioneller Verantwortung.

Zwischen Freiheit und Distanz

Das eigentliche Problem ist dabei nicht, dass politische Aussagen stattfinden, sondern wie das Festival mit ihnen umgeht. Die Berlinale wirkt in solchen Momenten unentschlossen: Mal betont die Leitung die Freiheit der Kunst, mal versucht sie, sich von politischen Äußerungen zu distanzieren. Diese Unklarheit verstärkt den Eindruck, das Festival reagiere auf Konflikte defensiv, statt eine eigene Rolle im Umgang mit ihnen zu definieren.

Dabei wäre eine klarere Position durchaus möglich: Ein Festival kann politisch sein, ohne parteipolitisch zu werden. Es kann Meinungsvielfalt ermöglichen, ohne jede Aussage zu seiner eigenen zu machen. Es kann Konflikte sichtbar machen, ohne den Anspruch zu haben, sie zu lösen.

Gerade ein internationales Festival sollte widersprüchliche Stimmen zulassen, auch zum Nahostkonflikt. Die Forderung, Politik aus der Kultur herauszuhalten, klingt nach Ruhe, widerspricht aber der Geschichte des Kinos und der Berlinale selbst. Filmfestivals sind Teil der Öffentlichkeit, und Öffentlichkeit ist immer politisch. Vielleicht liegt genau darin die Aufgabe der Berlinale: nicht unpolitisch zu sein, sondern politisch genug, um Vielfalt auszuhalten.

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Derya Türkmen
Ist seit Oktober 2023 bei der taz, schreibt am liebsten über Gesellschaftthemen, Filmpolitik, Migration und die türkische Diaspora in Deutschland. Hat TV- und Filmproduktion in Hamburg, Angewandte Medien in Mittweida studiert, sowie Asian Cinema und TV-Broadcast in Ayr/Schottland.
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