Debatte um „Die Odyssee“ : Nolan auf Irrfahrt im besetzten Land
Christopher Nolans neuer Film wurde zum Teil in der besetzten Westsahara gedreht. Das scheint den genialen Filmemacher wenig zu interessieren.
Foto: Universal Pictures/imago
E s gab kaum einen Weg vorbei an Christopher Nolans neuem Film „Die Odyssee“, der seit letztem Donnerstag in den Kinos läuft. Ein Marketing Budget von 125 Millionen US-Dollar und eine Starbesetzung mit Elliot Page, Matt Damon, Zendaya, Tom Holland, Anne Hathaway und Robert Pattinson schrie einem quasi ins Gesicht: Geh ins Kino!
In Vergessenheit geriet dabei die Debatte, die bereits letztes Jahr diskutiert wurde: Christopher Nolan drehte Teile seines Films in der völkerrechtswidrig besetzten Westsahara, einem Gebiet, das als „die letzte Kolonie Afrikas“ bezeichnet wird. Bis heute wird jegliche Äußerung oder Einordnung seitens Nolan vermisst.
Ziemlich genau vor einem Jahr rief das Sahara International Film Festival „FiSahara“ Christopher Nolan und den Cast dazu auf, die Dreharbeiten in Dakhla, einer Küstenstadt in Westsahara, zu stoppen. Bereits seit 1975 besetzt Marokko große Teile der Westsahara, direkt nach dem Abzug der Kolonialmacht Spanien.
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Eigentlich hätte es damals ein Referendum geben sollen, bei dem die Bevölkerung über die Unabhängigkeit und Zukunft des Landes hätte abstimmen können. Das ist bis heute nicht passiert. Es folgte ein jahrzehntelanger bewaffneter Konflikt mit der Unabhängigkeitsbewegung Frente Polisario und die Vertreibung der indigenen Sahrauis.
Gutes Marketing für Marokko
Zu den Vertriebenen gehören auch die Macher:innen des „FiSahara“ Filmfestivals, die in ihrer Heimat keine Filme drehen können, sondern aus einem Flüchtlingslager im Südwesten Algeriens agieren. „Der einfache Akt, eine Kamera zu halten, kann in meinem Heimatland Westsahara ein Vergehen sein“, schreibt auch der Journalist Mohamed Sleiman Labat in einem Kommentar für den Guardian.
Denn wenn nicht Christopher Nolan die Kamera hält, sondern ein sahrauischer Filmemacher wie Labat, dann kann das im Gefängnis enden. Reporter ohne Grenzen bezeichnen deshalb die Westsahara auch als „Wüste für den Journalismus“.
Während Marokko also internationale Pressevertreter:innen und Menschenrechtsorganisationen die Einreise verweigert, stehen dem Tourismus inklusive Yoga-Retreats, Surfcamp und Luxusresort sowie der Filmbranche alle Türen offen. Eine Strategie, die von imperialistischen Staaten gern angewendet wird, um von territorialen Konflikten und Menschenrechtsverletzungen abzulenken und gleichzeitig die eigene Besatzung zu legitimieren. In anderen Worten: Gutes Marketing.
Die gelebte Odyssee der Sahrauis
Seit letztem Sommer fordert das Filmfestival deshalb von Nolan eine Solidarisierung mit den Sahrauis und das Aufklären über die Besatzung Marokkos. An dem Aufruf beteiligten sich zahlreiche Journalist:innen, Aktivist:innen und Filmemacher:innen. In den aktuellen Filmkritiken ist nur wenig davon zu hören.
Während Nolands Verfilmung von Homers Epos Themen wie Vertreibung, Familientrennung und den Kampf um die Rückkehr in die Heimat behandelt, grenzt es an Ironie, dass sich diese Parallelen in der real gelebten Odyssee der Sahrauis widerspiegeln. Dabei ist die Frage nicht, ob eine einflussreiche Person wie Christopher Nolan diesen kulturell aufgeladenen und komplexen Konflikt mit einem Statement hätte lösen können.
Es stellt vielmehr die Verantwortlichkeit weißer, reicher, privilegierter Menschen in den Mittelpunkt, die auch dann nicht handeln wollen, wenn ihnen die Fakten auf einem Silbertablett serviert werden. Selbst wenn das Rechercheteam der „Odyssee“ von dem Konflikt in der Westsahara vor den Dreharbeiten nichts wusste, hatten Nolan, Universal Pictures und auch die Schauspieler:innen ein Jahr lang Zeit, sich zu äußern.
Oder – wie „FiSahara“ forderte – die gedrehten Szenen auf besetztem Gebiet im finalen Schnitt nicht zu zeigen. Jemand wie Nolan, der sich damit brüstet, menschliche Konflikte und philosophische Fragen in seinen Filmen zu zentrieren, um damit gesellschaftliche Diskurse anzuregen, verkennt hier seine Chance, bei einem aktuellen Konflikt Stellung zu beziehen. Und das Publikum feiert ihn weiterhin als genialen Filmemacher. Denn er hat doch als erster einen ganzen Blockbuster auf der analogen IMAX-70-mm-Filmkamera gedreht.
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