Studie zu Unterbringung von Geflüchteten: „Das bedeutet Entmündigung“
Für Geflüchtete ist die Unterbringung in Heimen ein Problem, sagt Birgit Behrensen von der Uni Senftenberg. Auch für Kommunen wären Wohnungen günstiger.
taz: Frau Behrensen, Sie haben eine Studie zur dezentralen Unterbringung von Geflüchteten in Brandenburg gemacht. Mit welchem Ergebnis?
Birgit Behrensen: Ich hole mal kurz aus. Die Studie entstand im Rahmen eines dreijährigen EU-geförderten Projekts, in dem es darum ging, wie man die Lebensbedingungen für Geflüchtete verbessern kann. Dafür haben unsere Partner aus der Praxis verschiedene Angebote für Flüchtlinge gemacht: Beratung, Vernetzung, Fortbildungen und Lobbyarbeit. Das haben wir als Fachgebiet „Soziologie für die Soziale Arbeit“ an der BTU (Brandenburgische Technische Universität, Anm.d.Red.) wissenschaftlich begleitet. Die Interviews, die wir für unsere Studie geführt haben, waren sehr ausführlich und verfolgten einen subjektorientierten Ansatz. Es ging uns darum, die ganze Lebenswelt von Geflüchteten zu verstehen.
taz: Was kam dabei heraus?
Behrensen: Kurz gesagt ist unsere Schlussfolgerung: Dezentrale Unterbringung – also in Wohnungen – tut Menschen gut und sollte eigentlich die normale Form sein, in der Geflüchtete in Deutschland leben. Es gibt überhaupt keine Gründe, Menschen in Heimen unterzubringen. Und das Brandenburger Landesaufnahmegesetz gibt das auch her: Die Landkreise und kreisfreien Städte haben die Möglichkeit, selber zu entscheiden, wie sie Geflüchtete unterbringen.
taz: Aber die meisten entscheiden sich für Heime, oder?
Behrensen: Ja. Die Landkreise und kreisfreien Städte – auf dieser Ebene wird das entschieden – hätten die Möglichkeit, mit den Kommunen ins Gespräch zu gehen und zu sagen: Bringt die Menschen dezentral unter, sorgt dafür, dass Menschen ihre eigenen Wohnungen haben können. Einige machen das: In Cottbus, Frankfurt (Oder), Oder-Spreewald-Neiße und in der Prignitz leben keine oder nur sehr wenige Menschen in Sammelunterkünften. Andere Landkreise wie Oberhavel, Teltow-Fläming und die Uckermark setzen dagegen nahezu voll auf Sammelunterbringung.
taz: Warum machen sie das?
Behrensen: Ich würde die Antwort in mehrere Aspekte untergliedern. Auf der Ebene von Landkreisen gibt es viele Akteure, die daran interessiert sind, Geflüchtete und ihren Zuzug stärker zu kontrollieren. Das kann ich natürlich besser, wenn ich sie zentralisiert unterbringe. Dann kann ich auch ordnungspolitisch schön agieren: Ich kann Sanktionen aussprechen, habe kurze Wege bei Abschiebungen. Auch das erzählen uns Geflüchtete: Wie Menschen nachts aus ihren Zimmern im Heim zur Abschiebung geholt werden.
taz: Welche Aspekte gibt es noch?
Behrensen: Viele Menschen haben von ihrem Aufenthaltsstatus her die Möglichkeit, die Sammelunterkunft zu verlassen, aber dafür müssen sie einen Antrag stellen. Und wir stellen immer wieder fest, dass sehr viele Mitarbeitenden in der Verwaltung – den Ausländer- und den Sozialbehörden – im Zweifel lieber restriktiv entscheiden. Das heißt, das Landesaufnahmegesetz bietet zwar einen Ermessensspielraum, aber die einzelnen Mitarbeitenden sagen überdurchschnittlich häufig „Nein“. Es herrscht die Einstellung, der Betroffene kann ja klagen oder sich beschweren, und dann müssen eben „die da oben“ entscheiden. Das ist eine stark ausgeprägte Haltung, die ich sehr bedenklich finde.
taz: Was berichten die Geflüchteten noch?
Behrensen: Dass der am meisten belastende Faktor für sie tatsächlich die zentrale Unterbringung ist. Egal, wie sehr sich andere Mitarbeitende bemühen: Diese Form der Unterbringung bedeutet Entmündigung. Die Menschen können nicht entscheiden, mit wem sie zusammenleben, meistens können sie auch nicht über ihre Tagesgestaltung entscheiden.
taz: Wieso?
Behrensen: Zum Beispiel sind bestimmte Küchenzeiten vorgegeben. Anders als in der Erstaufnahmeeinrichtung, kochen die Bewohnenden sich ihr Essen selbst, aber eben nicht mit der zeitlichen Entscheidungsfreiheit. Ebenso wissen wir von Heimen, in denen Computer- und Freizeiträume nur zu bestimmten Zeiten geöffnet werden. Es gibt zudem unangekündigte Zimmerkontrollen, sodass die Privatsphäre nicht einmal im eigenen Zimmer gesichert ist. In Brandenburg kommt noch hinzu, dass viele Wachdienste sich anmaßen, die Bewohner*innen und ihren Besuch beim Ein- und Ausgang zu kontrollieren. Manchmal kontrollieren sie auch in der Einrichtung selbst, obwohl das nicht ihre Aufgabe ist. All diese Elemente führen zu massiven Entmündigungserfahrungen – die sich für eine Demokratie nicht gehören.
taz: Wie meinen Sie das?
Behrensen: Sie müssen sich vor Augen halten: Die Menschen sind geflohen, oft aus diktatorischen Zusammenhängen. Sie haben eine Flucht hinter sich, auf der sie Gewalt erlebt haben. Und dann landen sie in einer Situation, in der sie ohne Not erneut kontrolliert und entmündigt werden. Dadurch werden Selbstwirksamkeitserfahrungen erschwert. Es ist aber wichtig zu erleben, dass das eigene Handeln für das eigene Leben Wirkung zeigt. Wer das erfährt, fühlt sich eher eingeladen, Verantwortung auch im Größeren zu übernehmen. Die immer wieder geforderte Integration würde eher auf die Füße gestellt, wenn das mit Ankunft in Deutschland mitgedacht würde. Entmündigung dagegen ist undemokratisch, denn sie verwandelt Menschen zu Objekten fremder Entscheidungen.
taz: Wie lange sind die Menschen im Schnitt in solchen Einrichtungen in Brandenburg?
60, leitet das Fachgebiet Soziologie für die Soziale Arbeit an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus – Senftenberg. Für die Studie hat sie mit ihrem Team 16 Geflüchtete und Aktivist*innen in 1- bis 2-stündigen Interviews persönlich befragt. Für die Auswertung wurden die Erkenntnisse aus den Interviews eingebettet in einen großen empirischen und theoretischen Zusammenhang mit anderen Studien der Flüchtlingsforschung. Das Projekt wird fortgesetzt, um mehr Geflüchtete vor allem aus dem ländlichen Raum zu befragen. Die Studie ist hier erhältlich: https://www.b-tu.de/mikowa/arbeitspapiere
Behrensen: Dazu liegen uns leider keine Zahlen vor und es unterscheidet sich stark. Es gibt aber nicht wenige Menschen, die seit vielen Jahren in Unterkünften leben. Es gibt in Brandenburg Kinder, die dort geboren und eingeschult werden.
taz: Was berichten Geflüchtete, die in eigenen Wohnungen leben?
Behensen: Das wird als richtiger Befreiungsschlag erlebt. Alle sagen, wie wichtig die eigene Wohnung ist als Ort, in dem ich selber über mein Leben bestimmen kann. Das sieht man auch daran, dass Menschen sehr häufig auch schlechte Wohnungen, etwa solche, in denen es Schimmel gibt, einer Sammelunterkunft vorziehen.
taz: Hätten die Kommunen nicht auch was davon, weil sie so doch bestimmt Geld sparen würden?
Behrensen: Das war zwar nicht der Fokus unserer Studie, aber zentralisierte Unterbringung ist kostspielig. In Oberhavel hat der Landkreis selbst veröffentlicht, dass sie ein Platz im Mehrbettzimmer – oft sind das nur 6 Quadratmeter pro Person! -- durchschnittlich 579,64 kostet. Sie berechnen dann 550 Euro „Gebühren“ von den Bewohnenden. Da kann man sich schon ausrechnen, dass eine Wohnung oft deutlich günstiger wäre.
taz: Die Kommunen nehmen „Miete“ von den Geflüchteten für Wohnheimplätze?
Behrensen: Ja, wenn diese eigenes Einkommen haben, müssen sie die „Gebühren“ bezahlen. Dazu kommt: Menschen, die selbstbestimmt in einer eigenen Wohnung leben, gehen auch selbstbestimmter ins Leben hinaus, versuchen, Arbeit zu finden, Kita und Schulplatz für die Kinder, Anschluss, Teilhabe. Bei den anderen, in den Heimen, brauche ich dagegen viel mehr soziale Arbeit, damit sie überhaupt in die Gänge kommen – ich muss sie erst wieder empowern. Da würden die Kommunen also eine Menge Folgekosten für Sozialarbeit sparen.
taz: Aber genau das wollen ja offenbar viele Kommunen und Menschen in Brandenburg gar nicht.
Behrensen: Naja, die wenigen Kommunen, die den Weg der dezentralen Unterbringung geben, die erleben das Thema viel entspannter. Diese Angst vor Flüchtlingen, die gibt ja gerade dort, wo sie konzentriert untergebracht sind – dann entstehen diese Bilder. Aber wenn die Geflüchteten verteilt werden, sind es ja nur wenige für jede Kommune.
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