Das WM-Tagebuch des Fifa-Präsidenten: Ein Fußballherz aus Gold
Gianni Infantino macht eine WM-Pause und fliegt kurz nach Katar. Der Tod des einstigen Emirs erschüttert ihn. Beide haben sich viel zu verdanken.
14. Juli
Das große Herz des Fußballs schlägt in diesen Tagen so schnell und kräftig wie noch nie. Aber ein anderes Herz, das im Grunde genommen auch ein Herz des Fußballs war, oder besser gesagt für den Fußball ein Herz aus Gold war, schlägt seit Sonntag nicht mehr. Der Tod von Hamad bin Chalifa Al Thani betrübt mich. Noch nie hat mich mein WM-Tagebuch so traurig gesehen.
Erst heute kann ich darüber schreiben. Was für eine Tragik. Dieses großartige Halbfinale und Finale dieser WM kann der einstige Emir von Katar nicht mehr miterleben. So etwas wünscht man nicht einmal seinem schlimmsten Feind. Mein großes Herz und seines standen immer in Verbindung, egal wie viele Kilometer zwischen uns lagen. Aber auch er hat dafür gesorgt, dass mein Herz jederzeit zu seinem fliegen kann. Wer konnte und wollte schon ahnen, als mir von Qatar Airways für die WM ein Privatjet zur Verfügung gestellte wurde, dass das so kommen wird. Vielleicht hat es Hamad bin Chalifa Al Thani gespürt.
Gianni Infantino ist immer am Ball. Überall. Bei der Fußball-WM in Mexiko, Kanada und den USA natürlich erst recht. Da kommt niemand mehr hinterher. Außer der Fifa-Präsident selbst. Vielleicht. Die taz hat Zugang gefunden zu seinem geheimen Tagebuch. Alle Tagebucheinträge finden Sie hier.
Ein berührender Satz
Es brauchte nicht wirklich vieler Worte mit der Kabinencrew. Allen war klar: Nur ein kleiner Umweg konnte uns zum Halbfinale zwischen Frankreich und Spanien nach Dallas führen. Der Zwischenstopp in Doha im Lusail-Palast bei seinem Sohn, Emir Scheich Tamim bin Hamad Al Thani, war mir eine Herzensangelegenheit. Im Flieger konnte ich ein paar bewegende Worte für meine Rede notieren. Den vielleicht berührendsten Satz haben zum Glück auch die katarischen Medien zitiert: „Heute hat uns der Vater verlassen, aber er ist nicht fort.“
Ja, er war wie ein Vater für mich. Deshalb habe ich schon damals vor der WM in Katar gesagt: „Ich fühle mich katarisch.“ Dass dieser Satz meine Lippen zu diesem traurigen Anlass erneut verlassen würde, das habe ich mir freilich nicht gewünscht. Hamad bin Chalifa Al Thani hat damals die WM nach Katar geholt. Und ich habe ihm immer wieder gesagt, der Weltfußball habe Katar viel zu verdanken. Worauf er mir stets antwortete: „Katar hat Infantino viel zu verdanken. Die ganze arabische Welt hat Infantino viel zu verdanken. Das ist noch viel mehr wert.“ Ja, uns verband auch Offenheit und Ehrlichkeit.
Im Nachhinein hadere ich damit, dass wir die Spielsperre für die beiden katarischen Rotsünder im zweiten Gruppenspiel gegen Kanada nicht ausgesetzt haben. Vielleicht konnte mich mein Emir gar nicht mehr anrufen, weil es ihm so schlecht ging, denke ich mir jetzt. Andererseits war er immer diskreter als Donald. Das habe ich an ihm geschätzt. Was er wollte, geschah, ohne dass er viel reden musste. Hat mich mein Feingefühl verlassen? Das beschäftigt mich schon.
Was ist zu tun? Eine Gedenkminute vor den letzten WM-Spielen kann seiner Größe nicht gerecht werden. Vielleicht sollten wir das nächste zu vergebende Turnier wieder den Kataris anvertrauen. Es könnte als Hamad-bin-Chalifa-Al-Thani-Gedächtnisturnier organisiert werden. Das ist doch eine fantastische Idee.
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