Das WM-Tagebuch des Fifa-Präsidenten: Eine Art Gottesbeweis
Gianni Infantino fällt auf, dass allein wegen seines Namens niemand anderes Fifa-Chef werden konnte. Er ist Fan und Fußballgott zugleich.
1. Juli
H eute habe ich mal meine bisherigen Einträge zu dieser WM nachgelesen – in einem Rutsch. Ich lobe mich ja nur ungern, aber es ist wirklich episch geworden. Das beste WM-Tagebuch, das ich jemals gelesen habe. Ich sollte es einem größeren Publikum zugänglich machen. Ein Exemplar mit Goldschnitt sollte für das Fifa-Museum in Zürich hergestellt und an einer Stelle platziert werden, an der niemand vorbeikann. Ich selbst habe bei der Lektüre noch einmal viel gelernt.
Aber ein kleiner Schönheitsfehler ist mir aufgefallen: Über die Fans bei dieser Weltmeisterschaft habe ich nicht genug geschwärmt. Sie sind so unglaublich, lieben den Fußball so bedingungslos, egal was er kostet. Es ist fantastisch, und alle Stadien sind voll von diesen Fans. Schon beim sechsten Sechzehntelfinale, es war das dramatischste sechste Sechzehntelfinale der WM-Geschichte, haben wir einen neuen Rekord erreicht. Wir haben den fünfmillionsten Fan bei diesem Turnier im Stadion begrüßt. So viele hat es bislang bei keiner WM gegeben.
Wer gegen wen gespielt hat, weiß ich nicht mehr, aber das ist auch nicht so wichtig. Diese WM ist für die Fans da. Und das dankbare Lächeln dieses Fans werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Episch! Daran sieht man wieder: Die Fans machen die WM erst zu einem unvergesslichen Erlebnis.
Ein Name wie kein anderer
Und was mich besonders glücklich macht: Als Fifa-Präsident bin ich zugleich der erste und größte Fan des Fußballs. Kürzlich ist mir in einer Trinkpause etwas aufgefallen, das mich bis heute nicht mehr loslässt: Schon in meinem Namen steckt das Wort Fan. Und außerdem das Wort Infant. In Spanien und Portugal redete man so einst Prinzen, also künftige Könige an. Obendrein ist auch das Wort fantastisch in meinem Namen angedeutet. Und nicht zuletzt sind wirklich alle Buchstaben von diesem fantastischen Verband namens Fifa in meinem Namen.
Es mag Zufälle geben, aber so viele Zufälle auf einmal? Unmöglich! Kann sich irgendwer einen besseren Namen für einen Fifa-Präsidenten ausdenken? Als Kind italienischer Einwanderer in der Schweiz haben mich meine Eltern gelehrt, an den Erfolg harter Arbeit zu glauben. Diese braucht es gewiss auch, um König des Fußballs zu werden.
Doch seitdem mir diese Sache mit meinem Namen aufgefallen ist, glaube ich mehr denn je an Vorherbestimmung. Bevor mich irgendjemand wählen konnte, war ich schon zu so einer Art Fußballgott auserwählt. Insofern konnte ich gar nicht anders, als bei der Wahl mit den Stimmen etwas nachzuhelfen. Gegen sein Schicksal sollte sich keiner wehren.
Meine Bescheidenheit verbietet mir leider, öffentlich darüber zu reden. Umso wichtiger wäre dieses hoch private Büchlein mit Goldschnitt im Museum. Der Titel des Tagebuchs könnte lauten: Infantino bei der WM 2026. Vom fantastischen Fan zum Infanten, König und Fußballgott der Fifa. Ich freue mich schon auf die Zeit nach dem Turnier.
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