Das WM-Tagebuch des Fifa-Präsidenten: Geht’s eigentlich noch neutraler?
Gianni Infantino trifft im Stadion auf eine seiner größten Kritikerinnen. So recht kann er nicht verstehen, was sie gegen ihn vorbringt.
1. Juli 2026
A ls ich heute Morgen, so wie ich es immer nach dem Aufstehen tue, nachgesehen habe, was in den sozialen Medien über mich berichtet wird, ist mir immer wieder ein Bild begegnet, das den Fifa-Präsidenten an der Seite einer rothaarigen Frau zeigt. Oft waren merkwürdige Kommentare unter den Bildern zu lesen, ganz so, als wäre ich mit dieser Frau in einer Art Kriegszustand. Manchmal frage ich mich, was ich eigentlich noch alles tun soll, damit die Menschen endlich verstehen, dass ich ein Mann des Friedens bin? Wie viele Friedenspreise muss ich vergeben, bis endlich erkannt wird, wie gut ich es eigentlich meine?
Die Frau, die in diesem wunderbaren Stadion in Dallas neben mir saß, auch sie gehört zu meinen Kritikerinnen. Jene Frau namens Lise Klaveness leitet den norwegischen Fußballverband. Sie unterstützt ein Anliegen von Aktivisten, die erreichen wollen, dass die Ethikkommission der Fifa gegen mich ermittelt. So etwas macht mich natürlich nachdenklich. Ausgerechnet das Ausloben eines Friedenspreises soll gegen die Statuten unseres wunderbaren Verbands verstoßen, gegen das Gebot der politischen Neutralität, zu der sich die Fifa verpflichtet hat.
Gianni Infantino ist immer am Ball. Überall. Bei der Fußball-WM in Mexiko, Kanada und den USA natürlich erst recht. Da kommt niemand mehr hinterher. Außer der Fifa-Präsident selbst. Vielleicht. Die taz hat Zugang gefunden zu seinem geheimen Tagebuch. Alle Tagebucheinträge finden Sie hier.
Ich kann das nicht nachvollziehen. Sich politisch neutral zu verhalten, ist doch dann am besten möglich, wenn man im Frieden miteinander lebt, wenn man keinen Streit austragen muss, weil man eine andere politische Meinung hat. Ich selbst versuche alles, um selbst keine politische Meinung zu entwickeln.
Keine Meinung
Das war doch auch die Botschaft, die ich aussenden wollte, als ich meinem Freund Donald jene wunderschöne Trophäe für den Träger dies Fifa-Friedenspreises übergeben habe: Egal, was der US-Präsident denkt und tut, der Fifa-Präsident hat keine Meinung dazu. Mehr politische Neutralität geht nicht.
Natürlich habe ich versucht, Lise Klaveness meinen Standpunkt zu erläutern. Und eigentlich war ich mir sicher, dass sie mich verstehen wird. Sie ist eine rothaarige Frau und hat als Mädchen vielleicht die gleichen Hänseleien über sich ergehen lassen müssen wie ich. Während ich diese Zeilen schreibe, muss ich an den kleinen Gianni zurückdenken, diesen rothaarigen, sommersprossigen Jungen, über den sich seine Mitschüler so gerne lustig gemacht haben.
Aber sie wollte mich nicht verstehen und hat mir erzählt, dass jetzt auch 50 Mitglieder des Europäischen Parlaments eine Untersuchung gegen meine Person befürworten. Ich frage mich, ob Parlamentarier, die einer Partei angehören, die richtigen Ansprechpartner sind, wenn es um Fragen politischer Neutralität geht.
Ich jedenfalls sehe allen Ermittlungen gegen mich, sollten sie denn eingeleitet werden, mit großer Gelassenheit entgegen. Und wenn ich mich zur Wiederwahl stelle, ist es ja jedem Verband freigestellt, gegen mich zu votieren. Auch Gegenstimmen gehören für mich zur Demokratie, solange das Ergebnis stimmt.
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