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„Das Problem sind nicht wir“

Die männderbasierte Medizin hätte sie fast das Leben gekostet, sagt Christine Pingel. Ärzte sagten, sie sei hysterisch – und übersahen einen Herzfehler. Über diese Erfahrungen hat sie ein Buch geschrieben

Interview Katharina Schipkowski Foto Miguel Ferraz Araújo

taz: Frau Pingel, dass sich gleich eine ganze Reihe von Ärzt*nnen bei Ihnen geirrt hat, hätte Sie beinahe das Leben gekostet. Was ist da passiert?

Christina Pingel: Ich hatte zehn Jahre lang starke Symptome, die sich zunehmend verschlechtert haben. Aber mir wurde von zahlreichen Ärz­t*in­nen gesagt, das sei psychosomatisch.

taz: Was waren das für Symptome?

Pingel: Ich hatte Herzrhythmusstörungen, die mir große Angst gemacht und mein Leben sehr eingeschränkt haben. Ich hatte Druck auf der Brust und bekam schlecht Luft, vor allem im Liegen. Mir war permanent schwindelig und ich konnte kaum schlafen.

taz: Und das ertrugen Sie zehn Jahre lang?

Pingel: Es war nicht durchgehend so schlimm, aber es wurde immer schlimmer. Während meine Freun­d*in­nen viel unterwegs waren, war ich nur noch zu Hause, ich war permanent müde. Irgendwann war es so weit, dass ich im Büro fast ohnmächtig geworden bin. Eine Kardiologin diagnostizierte schließlich eine hochgradige Mitralklappeninsuffizienz, die wahrscheinlich angeboren war.

taz: Was ist das?

Pingel: Die Klappe zwischen dem linken Vorhof und der linken Herzkammer schließt nicht richtig. Dadurch fließt bei jedem Herzschlag ein Teil des Blutes zurück in den Vorhof.Das Herz muss mehr arbeiten, um den Körper ausreichend mit Blut und Sauerstoff zu versorgen.

taz: Hatte Ihre Mutter die gleiche Krankheit?

Pingel: Wahrscheinlich nicht genau das Gleiche, aber auch einen Herzfehler. Meine Mutter wurde 1995 klinisch tot im Büro aufgefunden. Nach mehreren Versuchen konnte sie reanimiert werden. Aber sie trug schwere Hirnschäden davon und war seitdem schwerbehindert.

taz: Lebte sie im Pflegeheim?

Pingel: Ja, sie lebte noch 25 Jahre im Heim, aber sie erkannte mich nicht mehr. Ich war damals neun Jahre alt. Für ein Kind in dem Alter ist das schwer zu verstehen. Irgendwann konnte ich sie nicht mehr besuchen, es war zu belastend für mich.

taz: Bekamen Sie als Familie Hilfe?

Pingel: Nein, wir lebten im Osten und die Möglichkeiten für Therapie waren damals andere als heute. Mein Vater hat immer gesagt, meine Mutter wird wieder gesund. Ich war zwar noch klein, wusste aber, dass das nicht stimmt. Sie konnte anfangs nur liegen, dann lernte sie wieder zu laufen und selbstständig zu essen. Sie war erst 33 und hatte ihr ganzes Leben eigentlich noch vor sich. Aber was das Denken, die Emotionen angeht, war sie stark eingeschränkt.

taz: Hätte sich ihr Zustand bessern können, wenn sie besser versorgt worden wäre?

Pingel: Nachdem sie reanimiert worden war, war ein selbstständiges Leben für sie nicht mehr möglich. Sie war vorher in kardiologischer Behandlung gewesen, aber sie wurde falsch behandelt. Sie hätte vermutlich längst einen Herzschrittmacher gebraucht. Aber ich habe ja später selbst erlebt, wie einem als junge Frau mit Herzproblemen begegnet wird. Auch bei ihr wurde das offenbar nicht ernst genommen. So schwer es für Außenstehende vielleicht nachzuvollziehen ist, haben wir uns in der Familie oft gefragt, ob die Wiederbelebung in ihrem Fall wirklich das Beste für sie war. Eine Patientenverfügung hatte sie nicht, weil sie so jung war.

taz: Haben Sie überlegt, die Ärzte, wegen der falschen Behandlung zu verklagen?

Pingel: Ich habe mich bewusst dagegen entschieden, meine Energie für eine juristische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu nutzen. Ich möchte etwas für die Zukunft verändern und Menschen erreichen. Die Gesellschaft muss verstehen, dass der Gender Health Gap uns alle betrifft – ob als Pa­ti­en­t*in­nen oder als Menschen, die einen geliebten Menschen verlieren. Gesundheit darf nicht von Geschlecht, Herkunft, sozialem Hintergrund oder anderen Merkmalen und Privilegien abhängen.

taz: Nochmal zu Ihrer Geschichte. Wenn die Mutter an einem Herzfehler stirbt und die Tochter sich später mit Druck auf der Brust und Atemnot beim Arzt vorstellt, gehen da nicht alle Alarmglocken an?

Pingel: Leider nicht. Oft sagten mir die Ärzt*innen: Das ist natürlich eine anstrengende Geschichte mit Ihrer Mutter. Aber Sie sind eine junge Frau – das wird schon wieder. Sie sind ein bisschen hysterisch. Das nennt man Medical Gaslighting.

taz: Was ist das?

Pingel: Medical Gaslighting bedeutet, dass Pa­ti­en­t*in­nen nicht ernst genommen werden oder ihre Wahrnehmung infrage gestellt wird. Als ich 26 war, begannen meine Beschwerden immer häufiger aufzutreten. Ich war bei zahlreichen Ärz­t*in­nen und mehrfach in der Notaufnahme. Oft wurde ich belächelt, Ärz­t*in­nen fielen mir ins Wort und teilten mir von oben herab mit, dass ich mir das alles einbilde. Sie gaben mir immer wieder das Gefühl, dass meine Wahrnehmung nicht stimmt und dass ich meinen eigenen Körper nicht verstehe. Ich sage „Ärzt*innen“, aber es waren zu 95 Prozent Männer.

taz: Wie erklären Sie sich, dass die Ihre Beschwerden nicht ernst nahmen?

Pingel: Unsere Medizin ist, genau wie alle anderen Bereiche der Gesellschaft, patriarchal organisiert. Über Jahrhunderte wurde der männliche, weiße Körper als medizinische Norm betrachtet. Menschen, die dieser Norm nicht entsprechen, werden in Forschung, Diagnostik und Behandlung nicht ausreichend berücksichtigt. Dazu gehören unter anderem Frauen, trans Menschen, intergeschlechtliche Menschen und marginalisierte Gruppen. Dabei unterscheiden sich Medikamentenwirkungen, Krankheitssymp­tome und Krankheitsverläufe teilweise deutlich.

taz: Was ist denn anders?

Pingel: Körper unterscheiden sich grundsätzlich viel mehr, als die Medizin jahrhundertelang angenommen hat. Zum Beispiel brauchen viele Medikamente bei Frauen länger um vom Körper aufgenommen zu werden. Auch der Abbau von Medikamenten dauert oft länger, das liegt an der Funktionsweise der Leber und am Anteil von Körperfett und Körperwasser. Wenn wir hormonelle Schwankungen durch Zyklus, Schwangerschaft oder Wechseljahre haben, wirkt sich das auch aus. Aber da gibt es kaum Forschung.

Christina Pingel

Der Mensch

Christina Pingel, geboren 1986 in Neubrandenburg, lebt seit 17 Jahren in Hamburg. Sie ist Autorin, Aktivistin und Speakerin zu den Themen Gender Health Gap und intersektionale Medizin. Auf Instagram spricht sie unter _chrissle_ über den Gender Health Gap.

Das Buch

„Diagnose Frau“ erschien 2024 im Piper Verlag. Pingel erzählt darin die Geschichte ihrer Mutter, die aufgrund eines falsch behandelten Herzleidens schwere Schäden erlitt, und berichtet über ihre eigene Odysee durch die männerbasierte Medizin.

taz: Müssten wir diese biologistische Trennung von Mann und Frau nicht eigentlich aufgeben? Hatten wir das Paradigma vom fundamental unterschiedlichen Körper nicht mit Judith Butler überwunden?

Pingel: Judith Butler hat uns einen Werkzeugkasten gegeben, um zu erkennen, dass das, was wir als „naturgegeben“ betrachten, oft sozial geformt ist. Wir sollten nicht in binären Kategorien von Männern und Frauen denken. Ein intersektionaler Ansatz bedeutet, dass wir die Vielfalt menschlicher Körper und Lebensrealitäten berücksichtigen. Es geht darum, dass Medizin alle Menschen mit ihren unterschiedlichen Voraussetzungen, Erfahrungen und sozialen Bedingungen mitdenkt

taz: Wie würde intersektionale Medizin konkret aussehen?

Pingel: Ärz­t*in­nen müssten bei Diagnostik und Therapie berücksichtigen, dass Gesundheit und Heilung von vielen Faktoren abhängt. Sexuelle Identität, Herkunft, sozialer Status, Behinderung oder der Wohnort können die Behandlung beeinflussen. Das muss schon im Medizinstudium vermittelt werden.

taz: Inwiefern spielt mein Wohnort eine Rolle bei der Frage, wie viel Schmerzmittel ich zum Beispiel brauche?

Pingel: Der Wohnort beeinflusst nicht direkt, wie viel Schmerzmittel ein Mensch benötigt. Aber er hat viel mit sozialem Status und dem Zugang zu Ressourcen zu tun. Auf der Packungsbeilage steht immer ein errechneter Durchschnitt, der für die meisten Menschen überhaupt nicht passt. Da gibt es nur zwei Kategorien: Kinder und Erwachsene. Mit „Erwachsene“ ist ein 75 Kilo schwerer, 1,80 Meter großer Mann von etwa 30 Jahren gemeint. Aber auf wie viele Menschen trifft das zu?

taz: Solange es nur diese Durchschnittswerte gibt – kann ich mir das selbst umrechnen?

Pingel: Die Dosierung von Medikamenten hängt von vielen Faktoren ab und lässt sich nicht einfach anhand von Durchschnittswerten berechnen. Deshalb brauchen wir dringend Veränderungen in Forschung und Lehre – wir brauchen eine bessere Datengrundlage.

taz: Geht der Gender Health Gap auf den Gender Data Gap zurück?

Pingel: Es gibt auf jeden Fall große Datenlücken. Wie lange wissen wir jetzt, wie die Anatomie der Vagina aussieht? Das ist erst vor 10, 15 Jahren in den Mainstream eingesickert. Zwar gibt es mittlerweile einen Frauenanteil in medizinischen Studien, aber es gibt kaum frauenspezifische Studien. Da wird einfach kein Geld in die Hand genommen, weil man nicht so viel damit verdienen kann, wie mit der Entwicklung von Kosmetik oder Konsumartikeln.

taz: Wie kann so eine fundamentale Neuausrichtung im chronisch unterfinanzierten Gesundheitssystem gelingen?

Unsere Medizin ist, genau wie alle anderen Bereiche der Gesellschaft, patriarchal organisiert

Pingel: Natürlich kostet das Geld. Aber auf Dauer ist es für die Gesellschaft teurer, Medizin nur für einen Teil der Menschheit zu entwickeln und alle anderen müssen gucken, wo sie bleiben. Wenn Menschen jahrelang ausfallen, bedeutet das ja auch wirtschaftlichen Schaden. Ein wichtiger Anfang wäre, das Medizinstudium zu verändern, und die Forschung so anzulegen, dass sie Menschen als Individuen verseht.

taz: Haben Sie eigentlich den Ärzten geglaubt, die Ihre Symp­tome für eingebildet hielten, oder wussten Sie immer, das etwas nicht stimmt?

Pingel: Insgeheim wusste ich, dass ich mir meine Beschwerden nicht einbilde. Aber ich habe auch eine Panikstörung entwickelt, die bis heute nicht weg ist. Wenn du zehn Jahre lang hörst, „Die Geschichte deiner Mutter ist nicht deine Geschichte“ und gleichzeitig weißt, es stimmt etwas nicht, dir aber niemand glaubt, dann bist du psychisch irgendwann durch. Es war alles zu viel.

taz: Wie kamen Sie da raus?

Pingel: Ich hatte die Geschichte meiner Mutter immer vor Augen Ich dachte immer wieder: Was ist, wenn mir doch das Gleiche passiert? Das wollte ich unbedingt verhindern. Wahrscheinlich wäre mir tatsächlich das Gleiche passiert, wenn mir nicht irgendwann eine Kardiologin geglaubt hätte.

taz: Was fühlten Sie, als Sie die Diagnose bekamen?

Pingel: Es war ein Schock, aber ich war gleichzeitig erleichtert und unendlich dankbar. Sie war sehr straight und gleichzeitig empathisch. Sie sagte „Das ist ein schwerer, vorangeschrittener Herzfehler und wahrscheinlich wird eine größere Operation unumgänglich.“

taz: Das dauerte aber?

Pingel: Bei der Planung der OP wurde nicht bedacht, dass ich als Mitte dreißigjährige Frau einen Zyklus habe. Ich war schon stationär aufgenommen, hatte alle Unterlagen unterschrieben, darunter auch eine Organspendeverfügung und dass ich lebenserhaltende Maßnahmen ablehne.

taz: Was passierte dann?

Pingel: Am Abend vor der OP war ein junger Arzt in meinem Zimmer, ich sagte ihm, dass ich in zwei bis drei Tagen meine Periode bekäme, ob das irgendwelche Auswirkungen habe. Er wirkte irritiert, verließ den Raum und sagte, er würde sich noch einmal informieren. Als er zurückkam, sagte er die OP ab.

taz: Warum?

Pingel: Während einer OP am Herzen wird man an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen. Das Herz schlägt ja in der Zeit nicht, die Maschine übernimmt das. Man bekommt hochgradige Blutverdünner. Wenn du dann deine Periode bekommst, kann das echt schief gehen. Unter dem OP-Tuch bekommen die Ärzte vielleicht nicht mit, dass du viel Blut verlierst. Das wird offenbar im Voraus kaum bedacht.

taz: Sind Sie mittlerweile am Herzen geheilt?

Pingel: Jein. Die Operation fand später erfolgreich statt; ich habe jetzt nur noch eine leichte Mitralklappeninsuffizienz. Damit kann man gut leben, wenn man ein paar Sachen beachtet. Ich muss zum Beispiel im Winter, wenn viele Leute erkältet sind oder Bronchitis haben, immer ein spezielles Antibiotikum nehmen, weil sich die Bakterien an der Herzklappe absetzen könnten. Das wäre gefährlich.

taz: Und Ihr Herz im übertragenen Sinne?

Pingel: Das Erlebte wird immer ein Teil meiner Geschichte bleiben. Aber ich habe einen Umgang damit gefunden und kann heute sehr gut damit leben. Auch die Angst, dass mit meinem Körper etwas nicht stimmen könnte, begleitet mich manchmal noch.

taz: Haben Sie auch etwas Positives aus alldem mitgenommen?

Pingel: Ich gehe achtsamer mit mir und anderen um und genieße die Momente bewusster. Und ich habe eine sehr starke Resilienz entwickelt. Es gibt wenig Sachen, dich mich richtig aus der Bahn werfen könnten. Außerdem habe ich gelernt, stolz auf mich zu sein und mich an kleinen Dingen im Leben zu erfreuen.

taz: Was können Frauen tun, um im männerbasierten Gesundheitssystem nicht unterzugehen?

Pingel: Frauen müssen verstehen, dass es nicht an ihnen selbst liegt, wenn etwas nicht stimmt. Das ist der erste und wichtigste Punkt. Uns wird in vielen Lebensbereichen eingeredet, dass wir schuld sind, dass wir unsere Meinung nicht sagen dürfen, dass wir „hysterisch“ sind. Aber das Problem sind nicht wir, sondern das System, denn das basiert auf Männern. Nicht nur das Gesundheitssystem.

taz: Was würden Sie Gesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) gern sagen?

Pingel: Dass die 11,5 Millionen Euro bis 2029, die die Bundesregierung für genderbasierte Medizin bereitgestellt hat, bei Weitem nicht ausreichen. Und: Wenn nur Frauen mitgedacht werden und Medizin nicht intersektional verstanden wird, also auch nicht alle Menschen gleich zählen, werden wir in 100 Jahren noch große Defizite haben.

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