Covid-19-Epidemie in Spanien: In Krankheit zerstritten

Spanien verlängert die Ausgangssperre. Parteien machen sich gegenseitig für die hohe Fallzahl verantwortlich. 1.300 Tote allein in Altersheimen.

Ein Mann mit Mundschutz läuft vor einem Plakat mit riesigen Augen vorbei.

Rausgehen verboten: In Madrid wird die Ausgangssperre jetzt verlängert Foto: Susana Vera/reuters

MADRID taz | Punkt 20 Uhr erhoben sich die wenigen Abgeordneten, die bei der Parlamentsdebatte über die Verlängerung des Ausnahmestands in Spanien anwesend waren, und applaudierten. Diejenigen, die nur per Videokonferenz zugeschaltet waren, gingen auf ihre Balkone und schlossen sich parteiübergreifend dem Applaus an, mit dem die eingeschlossenen Spanier Abend für Abend das Personal im Gesundheitssystem für den verzweifelten Kampf gegen Covid-19 ehren.

Doch noch während sich die Menschen von Balkon zu Balkon „Gute Nacht“ und „Gesundheit“ wünschten, herrschte im Parlament wieder Normalzustand. Auch wenn eine überwältigende Mehrheit für die Verlängerung der Ausgangssperre bis zum 11. April stimmte, war der Opposition alles recht, um die Linksregierung unter dem Sozialisten Pedro Sánchez anzugreifen.

„Es war ein Fehler, Maßnahmen gegen das Virus aus ideologischen Gründen hinauszuzögern“, erklärte etwa der Chef der konservativen Partido Popular (PP), Pablo Casado. Er behauptete damit einmal mehr, dass sich die Pandemie verbreitet hätte, weil die Regierung lange untätig geblieben wäre, um die Demonstrationen am Frauentag nicht untersagen zu müssen.

Santiago Abascal, Sprecher der drittstärksten Kraft im Parlament, der rechtsradikalen VOX, haute in die gleiche Kerbe und verschwieg wohlweislich, dass auf seinem Parteitag am selben Wochenende in einer Stierkampfarena in Madrid der wenig später positiv geprüfte Generalsekretär ein Bad in der Menge nahm. Einer derer, die er dabei wohl ansteckte, war Parteichef Abascal selbst.

Zentralregierung gegen Regionen

Casado redete immer wieder von Material- und Personalmangel im Gesundheitssystem. Sánchez wiederum verteidigte sich: „Wann habe wir erstmals Klagen gehört, dass es kein Material gibt? Am 14. März. An diesem Tag sahen viele plötzlich das, was sie zuvor nicht wahrhaben wollten.“

Der 14. März war jener Samstag, als die Zentralregierung per Ausnahmezustand die Zügel der Krisenbekämpfung in die Hand nahm und das Gesundheitssystem, das eigentlich Sache der autonomen Regionen ist – vergleichbar mit den Ländern in Deutschland –, dem Gesundheitsministerium unterstellte.

Jetzt macht die Zentralregierung das, was unter anderem die von Casados PP regierte Hauptstadtregion verschlafen hatte. Sie kauft Material. Hunderttausende Masken seien bereits in China geordert und auf dem Weg, beteuert das Gesundheitsministerium.

Die kommenden zwei Wochen werden nicht leicht. Am heutigen Donnerstag vermeldete Spanien 56.188 bestätigte Covid-19-Fälle und 4.089 Verstorbene. Damit hat Spanien China überholt und liegt nur noch hinter Italien. Die Hälfte aller Todesfälle sind in der Hauptstadtregion zu verzeichnen. Das Gesundheitssystem im ganzen Land droht zu kollabieren.

Vergleich mit Deutschland

Während in Madrid die Intensivstationen mit doppelt so vielen Patienten belegt sind wie sonst und Notlazarette eingerichtet werden, fragen sich die Medien, warum die Sterberate in Spanien so viel höher ist als etwa in Deutschland, wo bei 41.255 Infizierten nur 224 Tote zu beklagen sind. Die Antwort dürfte eine Mischung aus mehreren Faktoren sein.

Zum einen testet Deutschland weit mehr Verdachtsfälle als Spanien. Wer hier nicht mit schweren Symptomen ins Krankenhaus eingeliefert wird, muss zu Hause bleiben und wird dort telefonisch beraten, wie etwa das Fieber zu senken sei. Diese Fälle tauchen nicht alle in den Statistiken auf.

Mann in weißem Schutzanzug sitzt an einer Art Schneekanone mit Desinfektionsmittel und besprüht damit den Eingang einer psychiatrischen Klinik

Volles Rohr: Desinfektionsmaßnahme vor einer psychiatrischen Klinik nahe Madrid Foto: Baldesca Samper/afp

Die Zahl der tatsächlich Infizierten dürfte, so schätzen Ärzte, mindestens 5- bis 6-mal so hoch sein, wie die tägliche Statistik aus dem Gesundheitsministerium glauben macht.

Anders als in Deutschland ist in Spanien das Virus schon früh in einige der 6.000 Altersheime gelangt. Mindestens 1.300 Tote – etwa ein Drittel aller Verstorbenen – sind dort zu beklagen, berechnete das meistgehörte Radio des Landes, Cadena Ser. Auch wenn Regionen wie Madrid oder Katalonien keine genauen Angaben machen.

Massive Kürzungen in der Eurokrise

Ein Großteil der Altersheime wurden in den Jahren der Krise privatisiert oder gleich von Investmentfonds bis hin zu Tochterunternehmen großer Baukonzerne errichtet, die sie nun führen. Die Betreiber schweigen sich über die Zustände in den Heimen aus. Als die Armee begann Altersheime zu desinfizieren, fanden die Soldaten nicht nur Schwerkranke, sondern auch Tote in den Betten.

Spanien gehört zu den vier Ländern, die im Zuge der Eurokrise im Gesundheitswesen am meisten gekürzt und privatisiert haben. Während hier pro Einwohner 3.300 Euro für Gesundheit ausgegeben werden, sind es in Deutschland 6.000 Euro.

In Spanien arbeiten pro 1.000 Einwohner 30,1 in Arztpraxen und Krankenhäusern, in Deutschland sind es 71. Und während Spanien 9,5 Intensivpflegeplätze pro 100.000 Einwohner zählt, sind es in Deutschland rund 34.

Am meisten gekürzt wurde ausgerechnet in der reichsten Region des Landes, in Madrid. Nur das arme Andalusien gibt noch weniger aus. Im Namen der „Wahlfreiheit für die Bürger“ förderte die konservative Regionalregierung das private System, während im öffentlichen Bereich privatisiert und stillgelegt wurde. Madrids öffentliches Gesundheitssystem verfügt heute über 33 Krankenhäuser, wovon 5 privat geführt werden.

Kliniken schließen, ausgerechnet jetzt

Dem gegenüber stehen 50 völlig private Kliniken. 7 davon haben jetzt, mitten in der Coronakrise, „für unbestimmte Zeit“ geschlossen und einen Großteil der Belegschaft entlassen. Es fehle an Patienten für Operationen und an – meist aus dem öffentlichen System ausgelagerten – Laboraufträgen, die nichts mit dem Virus zu tun hätten. „Wir brauchen eine Neuorganisierung der Arbeit, ohne eine solche wären viele Zentren nicht überlebensfähig“, heißt es seitens des Verbandes der Privatkliniken (Aspe).

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