Corona und die Fußball-EM: Sport als Zumutung

Die EM hat gezeigt: Der Fußball ist mächtiger als der Infektionsschutz. Auch die Olympischen Spiele in Tokio werden eine Risikoveranstaltung sein.

Englische Fans grölen dicht aneinander im Wembles Stadion

Virusparty: Auch am Sonntag werden wieder 65.000 Fans im Stadion von Wembley sein Foto: Catherine Ivill/ap

Die Bilder, die uns diese Fußballeuropameisterschaft liefert, sind eine Zumutung. Auch diesen Sonntag werden wieder 65.000 Fans im Stadion von Wembley sein, wenn England gegen Italien um den Titel spielt. Die Bildregie, die im Auftrag der Europäischen Fußballunion Uefa darüber entscheidet, welche Szenen in unsere Wohnzimmer gesendet werden, wird immer wieder auch das Publikum zeigen. Wir werden sehen, wie die Menschen im Stadion bangen und wie sie sich herzen, wenn ein Tor gefallen ist. Es werden Bilder sein wie aus einer anderen Zeit, Bilder, die kaum auszuhalten sind.

Die Uefa wollte genau das. Sie wollte ein Turnier, das aussieht, als wäre da draußen nicht jenes Virus unterwegs, das die Welt seit anderthalb Jahren zu beherrschen versucht. Sie hat die Ausrichterstädte und -staaten erpresst und gegeneinander ausgespielt. Nur wer garantierte, Zu­schaue­r:in­nen zuzulassen, durfte Spiele ausrichten.

Der Fußball hat den Infektionsschutz geschlagen. Er war mächtiger. Die Folgen sind bereits messbar. Die Europäische Gesundheitsbehörde ECDC, die das Turnier beobachtet, hat mehr als 2.500 Menschen gezählt, deren Coronainfektionen mit dem Turniergeschehen zu tun hatten. Sie haben Fußball in Stadien oder auf Fanmeilen verfolgt, waren infiziert von Russland nach Finnland unterwegs oder von Wembley nach Schottland.

Kann es das wert gewesen sein? Oder hält man das starke Infektionsgeschehen, so wie in Großbritannien, trotzdem für beherrschbar? Wer kann das schon sagen? Bei jedem Eigentor dieser EM, bei jeder umstrittenen Szene, bei all der Freude über den Sport, der da getrieben wird, schwingen diese Fragen mit. Sie sind es, die den Sportkonsum derzeit zu einer Zumutung machen. Von Deutschland aus mit dem Finger auf England und die Uefa zu zeigen, so wie es Innen- und Sportminister Horst Seehofer jüngst getan hat, ist indes zu einfach.

Fußball beherrscht Politik

Der Fußball hat auch hierzulande die Politik fest im Griff. Da müssen wackere Ver­an­stal­te­r:in­nen von kleinen Kultur-Events unter freiem Himmel immer wieder neue Hygienekonzepte erstellen und markieren mit Kreidekreisen die Orte, an denen sich die Freun­d:in­nen der kleinen Kunst aufzuhalten haben. Währenddessen wird entschieden, dass zum Bundesliga­start im August wieder bis zu 25.000 Leute in die Stadien dürfen.

Und wenn die Uefa wirklich des Teufels ist, wofür ja nun wirklich einiges spricht, warum unterwirft sich Deutschland diesem Verband dann eigentlich und rollt ihm für die Fußball-EM 2024 gerade den roten Teppich aus? Die nächste Männer-EM im Fußball findet in Deutschland statt. Sie soll genau solche Bilder liefern, wie sie dieser Tage aus London gesendet werden.

Andere Bilder werden in drei Wochen von Tokio aus in die Welt geschickt. In Japan herrscht wieder Coronanotstand, und so blieb den Organisatoren und Verantwortlichen des Internationalen Olympischen Komitees nichts anderes übrig, als zu beschließen, keine Zu­schaue­r:in­nen zu den Wettbewerben zuzulassen. Die Anreise von Olympiafans aus dem Ausland hat man schon länger untersagt.

Alles gut also? Über 11.000 Sport­le­r:in­nen aus wirklich aller Damen und Herren Länder werden zu den Spielen anreisen. Dazu kommen Trainer, Funktionäre und jede Menge Berichterstatter und Techniker von Medienunternehmen. Eine Fußball-EM ist im Vergleich dazu ein Zwergenevent. Danach stehen die Paralympics an, zu denen noch einmal mehr als 4.000 Ath­le­t:in­nen erwartet werden. Nach Kontaktvermeidung sieht das nicht aus, auch wenn es Hygienekonzepte gibt.

Dass nach der Verschiebung der Spiele von 2020 in dieses Jahr nicht ernsthaft über eine Absage nachgedacht wird, liegt auch an der unheimlichen Macht des Sports. Will eine Stadt die Olympischen Spiele ausrichten, muss sie sich dem IOC unterwerfen, muss Milliarden investieren, um den Zuschlag zu bekommen. Dann sind es die Sportverbände, die den Regierenden die Regeln diktieren. Auch das ist eine Zumutung.

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