Politologe über die Macht der Uefa: „Das Grölen ist neu“

Andrei S. Markovits beobachtet die EM aus den USA. Er hört Hymnen, sieht kosmopolitische Fußballer und eine Uefa, die immer mächtiger wird.

Ein Fussballfan mit ausgebreiteten Armen und Regenbogen-Schirm als Kopfbedeckung

Voll patriotischem Vorfreudenstolz singen Fans die englische Hymne in London Foto: Victoria Jones/ap

taz: Herr Markovits, bekommen Sie in den USA viel von der Fußball-EM mit?

Andrei S. Markovits: Ich schaue tatsächlich viel. Ich lebe derzeit in einer Orgie von Sport: tagsüber die EM-Spiele, zwischendurch die Olympiaqualifikationen in den USA, die NHL- und NBA-Playoffs, die sehr spannend sind, und nicht zu vergessen abends die Copa America.

Vor lauter EM gehen die Meldungen von der Copa America in Deutschland beinah unter.

Das ist schade, denn sie wird in diesem Jahr auf einem sehr hohen Niveau gespielt.

Was fällt bei der EM auf?

Die Spieler sind internationaler geworden. Sie stellen eine Fraternity, eine verbrüderte Gemeinschaft dar. Etwa als Toni Kroos und Karim Benzema Cristiano Ronaldo begrüßten, umarmten, lange mit ihm sprachen. Die sind Freunde.

Das sind Kollegen, die sich von gemeinsamen Jahren bei Real Madrid kennen. Ist das so verwunderlich, dass die miteinander befreundet sind?

Nein, aber es steht dafür, dass die Verbissenheit, die ein solches Turnier auszeichnet, nicht von den Spielern kommt, sondern von den Fans. Solche Spieler, etwa Kroos, haben eher einen internationalen Habitus. Aber der Nationalismus, das fällt eben auch bei der EM auf, besteht weiterhin. Deswegen war ich auch nie ein Fan von Nationalmannschaften, ich interessiere mich mehr für Klubfußball. Die Schotten haben für ihr Vorrundenspiel gegen die Engländer irgendeine Schlacht von 1314 ins Spiel gebracht.

geboren 1948 in Timisoara/Rumänien, aufgewachsen in Wien, ist Professor für Politikwissenschaft an der University of Michigan. Seit über 30 Jahren forscht er zum Fußball und bereiste seit 1966 fast alle Welt- und Europameisterschaften. In wenigen Wochen erscheinen seine Erinnerungen: „The Passport as Home. Comfort in Rootlessness“ (CEU Press).

Nationale Konkurrenz macht doch die EM gerade aus.

Es gibt dennoch bestimmte Aspekte, die stärker auffallen als bei früheren EMs. Ich habe gerade ein Projekt begonnen, das sich mit dem Mitsingen von Hymnen beschäftigt. Es fällt auf, dass alle, wirklich alle Spieler der EM bei den Hymnen mitsingen müssen

… außer die Spanier …

… weil deren Hymne keinen Text hat. In Belgien wurde es problematisiert, dass Kevin De Bruyne und die beiden Hazard-Brüder nicht mitgesungen haben. Dieses Grölen ist etwas ziemlich Neues.

Dass Sport zusammenführt und gelebte Völkerfreundschaft ist, lässt sich erst mal nicht bestätigen?

Doch, neben dem Grölen der Hymnen, hat diese EM auch etwas Universalisierendes.

Was heißt das?

Es sind auch viele Nicht-Hardcore-Fußballfans dabei. Auffallend ist, dass es viele Frauen und viele Kinder in den Stadien sind, viel mehr als bei früheren Turnieren. Es schaut beinahe amerikanisch aus. Das hat etwas Kosmopolitisches.

Nationalismus ist ja gar nicht das große Thema dieser EM. Das sind eher die LGBT-Solidarität und die Aktionen gegen Rassismus. Warum kommt das im Fußball an?

Das Niederknien ist eine Geste, die aus den USA kommt, von dem NFL-Profi Colin Kaepernick, danach popularisiert durch die Basketballstars der NBA, und ohne den Mord an George Floyd hätten sich europäische Profis nie mit der Black-Lives-Matter-Bewegung solidarisiert. Dass die Geste jetzt in Europa angekommen ist, hat auch viel mit der Internationalisierung zu tun, die ich angesprochen habe. Der Österreicher David Alaba, der jetzt Bayern München verlässt, ist beispielsweise ein Freund des NBA-Profis Kyle Kuzma von den LA Lakers.

Es gab auch Pfiffe gegen diese Geste.

Diese Pfiffe gegen das Niederknien habe ich aber auch schon vor der EM gehört, im Klubfußball. In der Premier League, als es endlich wieder Fußball gab, hörte ich bei einem Chelsea-Spiel Pfiffe. Es gibt so eine Art männliche Trotzhaltung, die stolz darauf ist, nicht politisch korrekt zu sein. Das ist in den Sportarten, die ich die hegemoniale Sportkultur nenne – Fußball, Baseball, Football – sehr stark verbreitet. Das ist eine Art Gegenkosmopolitisierung.

Das bringt ja die drei Themen dieser EM zusammen: Regenbogen, Antirassismus und Covid. Fans, fast ausschließlich Männer, präsentieren sich als harte Kerle, die Queere, Antirassisten und Menschen, die wegen der Pandemie vorsichtig sind, hassen.

Ja, denen gilt all das als Verweichlichung. Das ist eine toxische Männlichkeit. Und die hat einen Platz im Fußball.

Zugleich haben sich ja bemerkenswert viele Akteure – bis hin zur Uefa selbst – mit der LGBT-Community solidarisiert. Ist das nicht etwas wohlfeil?

Dass es in der Bundesliga oder der Premier League keine erklärten Schwulen gibt, heißt nicht, dass Akzeptanz nicht immer mehr in die Gesellschaft kommt.

Aber Bundesliga, Uefa, DFL und DFB üben hier Solidarität, ohne sich klarzumachen, dass sie selbst noch ganz viel machen müssen.

Gegenfrage: Würden sie mehr machen, wenn sie sich hier nicht mit der Regenbogenfahne zeigen? Kaum.

Dass die Spiele vor Zehntausenden Fans stattfinden, die oft ohne Mundschutz und völlig distanzlos agieren, widerspricht ja aller derzeit geltenden Gesundheitspolitik. Hat die Uefa wirklich so viel Macht? Kann sie sich über Nationalstaaten hinwegsetzen?

Ja. Und sie hat die Macht, weil die Menschen den Fußball lieben und weil die Uefa in Europa Monopolist ist in Sachen Fußball. Die Fifa und Uefa haben schon oft souveräne Entscheidungen von Nationalstaaten abgestraft: Wenn ihr dieses Gesetz, das den Fußball betrifft, nicht zurücknehmt, darf eure Nationalmannschaft nicht am nächsten Turnier teilnehmen. Die Fußballverbände haben diese Macht, weil sie das Monopol haben. Sie sind wie die katholische Kirche, sie können machen, was sie wollen.

Ist das nicht sehr dreist?

Ja, ihre Macht stammt nicht von einer Armee, sie verfügen aber über ein Gut, das Millionen Menschen wichtig ist.

Jüngst hatten die Spitzenklubs ihre eigene Super League gründen wollen – gegen die Macht der Uefa.

Und wer hat es blockiert? Die Fans. Die haben sich benommen wie mittelalterliche Bauern, deren Obrigkeit angegriffen wurde, die sie verteidigen wollen. Wenn die Super League das geschickter gemacht hätte, hätte die Macht der Uefa gebrochen werden können. Deren Monopol lässt sich nur mit den Spitzenklubs brechen.

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