Corona und Anstieg häuslicher Gewalt: Schattenpandemie

Der gefährlichste Ort für Frauen ist das eigene Zuhause. Das Familienministerium schickt derweil Grüße zum Muttertag.

eine Frau, die Ministerin, steht neben einer Supermarktkassierin

Sie bemüht sich: Familienministerin Giffey mit Gewaltschutz-Plakat Foto: Michael Sohn / dpa

Dreimal so viele zu Hause getötete Frauen seit dem Lockdown in Großbritannien, berichtet eine NGO. 30 Prozent mehr häusliche Gewalt in Frankreich. Fast 20 Prozent mehr Anrufe beim bundesweiten Hilfetelefon in Deutschland und 40 Prozent mehr beim argentinischen: Corona ist nicht nur als Virus gefährlich. Es führt auch dazu, dass Männer ihre Frauen noch öfter zusammenschlagen als sowieso schon, und das offenbar bis hin zum Tod.

Die Tatsache, dass der gefährlichste Ort für Frauen nicht die nächtliche Straße ist, sondern ihr eigenes Zuhause, bewahrheitet sich in Coronazeiten. Angesichts von vielem, was Männer dazu bringt zuzuschlagen, wirkt die Pandemie wie ein Brandbeschleuniger: beengte Verhältnisse, Arbeitslosigkeit, Zukunftsangst. Und kaum Möglichkeiten, die Wut draußen abzureagieren.

Schon sprechen die Vereinten Nationen von einer globalen „Schattenpandemie“. Im Schatten von Corona – und in dem der öffentlichen Aufmerksamkeit. Denn während auf die Kliniken derzeit das Scheinwerferlicht gerichtet ist, bleibt das, was hinter verschlossenen Türen passiert, weitgehend im Dunkeln. Auch deshalb erwarten Frauenhäuser den eigentlichen Anstieg der Zahlen erst nach den Lockerungen.

Schon im April sprach UN-Generalsekretär António Guterres von einem weltweiten Ansteig von häuslicher Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Hilfsorganisationen vieler Ländern warnen, dass sie mehr Hilferufe empfangen – andere fürchten eine extrem hohe Dunkelziffer. Vier Korrespondenten berichten, eine Redakteurin kommentiert.

Armenien: Gewalt nach der Ausgangssperre

Großbritannien: Kann ein neues Gesetz helfen?

Kommentar: Schattenpandemie

Frankreich: Codewort und SMS-Alarm

Argentinien: Die Täter vor der Haustür

Viele Frauen, so die Befürchtung, sind momentan regelrecht zu Hause eingeschlossen. Sie können weder ihre Flucht noch die ihrer Kinder vorbereiten, sind nicht in der Lage, ihre Sachen zu packen oder auch nur zu telefonieren. Und auch Schulen und Kitas, über die sonst Hinweise auf Gewalt in Familien kommen, arbeiten längst nicht wieder im Normalbetrieb.

Am Sonntag war übrigens Muttertag. Und was macht das Bundesfrauenministerium, anstatt die Istanbul-Konvention gegen Gewalt gegen Frauen umzusetzen und die Finanzierung der chronisch klammen Frauenhäuser zu sichern? Vor dem Foto einer Frau in der Küche dankt es Müttern, den Laden während der Pandemie am Laufen zu halten. „Alles Gute“, schreiben die, die Frauen schützen und politisch handeln sollten, „zum Muttertag“.

Einmal zahlen
.

Jahrgang 1979, ist seit 2012 bei der taz. Sie war Chefin vom Dienst in der Berlinredaktion, hat die Seite Eins gemacht und arbeitet jetzt als Genderredakteurin im Inland. 2019 erschien von ihr (mit M. Gürgen, S. am Orde, C. Jakob und N. Horaczek) "Angriff auf Europa - die Internationale des Rechtspopulismus" im Ch. Links Verlag

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben