Comiczeichner über Homophobie im Sport

„Das eine Mal zu viel“

Reinhard Kleist hat einen Comic über den schwulen schwarzen Boxweltmeister Emile Griffith vorgelegt. Der hatte im Ring einen Menschen totgeschlagen.

Gezeichneter Boxer im Ring

Emile Griffith schlägt zu: Pof Foto: Illustration: Reinhard Kleist/Carlsen Verlag

taz am wochenende: Herr Kleist, der Profiboxer Emile Griffith, über den Sie die Graphic Novel „Knock Out!“ vorgelegt haben, hat 1962 seinen Gegner Benny Paret ins Koma geschlagen, aus dem er nie wieder aufwachte. In Parets Wikipedia-Eintrag steht der Satz: „Dieser Kampf wird als der Anfang vom Ende des Boxens als Familienunterhaltung betrachtet.“ Wird das diesem Kampf gerecht?

Reinhard Kleist: Er war auf jeden Fall eine Zäsur. Die Schlussphase des Kampfs war unglaublich brutal, und meines Wissens waren in den USA danach für eine ganze Weile Boxübertragungen im Fernsehen verboten. Ob Boxen aber wirklich jemals Familienunterhaltung war, weiß ich nicht.

Was passiert war, lässt sich kurz schildern: Emile Griffith galt in der Szene als schwul, Benny Paret hat ihn homophob beleidigt. „Schwuchtel, ich krieg euch beide, dich und deinen Ehemann“, soll er zu Griffith gesagt haben.

… und Emile ist ausgerastet. Es war eine unglückliche Verkettung von Umständen. Vielleicht war es aber auch die eine Beleidigung zu viel. Jedenfalls hat Griffith aufs Brutalste zugeschlagen. Und der Ringrichter hat den Kampf zu spät beendet.

Herkunft: Geboren wurde Griffith 1938 auf den Virgin Islands, gestorben ist er 2013 in Hempstead/New York. Griffith boxte während seiner Karriere vor allem in New York City.

Karriere: Als Profiboxer war er Weltmeister im Welter-, Halbmittel- und Mittelgewicht. Von 112 Profikämpfen, die er zwischen 1958 und 1977 bestritt, gewann er 85 (23-mal durch K. o.) und verlor nur 24-mal. Am 24. März 1962 schlug er in einem WM-Kampf seinen Gegner Benny Paret ins Koma. Im Jahr 1990 wurde er in die Boxing Hall of Fame aufgenommen.

Coming-out: In einem 2008 publizierten Buch äußerte sich Emile Griffith über seine seit Jahren vermutete Homosexualität erstmals öffentlich. Unter anderem schrieb er: „Wenn ich auch nicht im Gefängnis gelandet bin, so war ich trotzdem fast mein ganzes Leben lang eingesperrt.“

Man könnte empathielos sagen, Boxen bilde gesellschaftliche Realität ab.

So hat es zumindest Griffith’ Trainer im Anschluss getan: Auf der Straße sei es viel schlimmer, da sterben viel mehr Leute. Das sind halt diese Rechtfertigungsmuster, die in solchen Fällen immer abgerufen werden.

Zeigt Boxen Realität?

In gewisser Weise ja. Boxen ist vielleicht die am deutlichsten auf den Punkt gebrachte Form der Auseinandersetzung. Vergleichen Sie es etwa mit dem um Längen populäreren Fußball, bei dem es ja auch um das Siegen zwischen zwei Parteien geht. Boxen ist da direkter.

Warum?

Boxen war – und ist es immer noch – ein Sport der Underdogs. Und gerade in der Zeit von Emile Griffith war es für die meisten Schwarzen die beinah einzige Möglichkeit des sozialen Aufstiegs. Bei der Wiegeszene vor einem der Kämpfe von Griffith gegen Paret sieht man die zwei schwarzen Boxer nebeneinander und dahinter nur weiße Männer. Das wirkt wie Gladiatoren, die von ihren Herren in den Ring gestellt wurden.

Waren Griffith' tödliche Schläge gegen Paret eine Antwort auf Homophobie?

Griffith hat sich zu dem Thema nie positioniert. Er tat immer so, als tangiere ihn das nicht. Erst kurz vor seinem Tod sprach er über seine Homosexualität. Da sagte er unter anderem: „Wenn ich auch nicht im Gefängnis gelandet bin, so war ich trotzdem fast mein ganzes Leben lang eingesperrt.“ Nie hatte er das vorher auch nur angedeutet.

War es nicht in seinem Umfeld bekannt?

Doch, Trainer, Manager, seine Frau, die er 1971 geheiratet hatte – die wussten, dass er schwul ist.

Vor einigen Jahren hatten Sie eine Graphic Novel über Hertzko Haft vorgelegt, einen jüdischen Boxer, der Auschwitz überlebte und in den USA Profi wurde. Sind Sie über Ihre Faszination fürs Boxen auf die Geschichte von Emile Griffith gestoßen?

Nur zum Teil. Ich wollte auch eine schwule Geschichte erzählen. Als ich dann von Emile Griffith las, war alles wie weggeblasen: Wow. Was für eine Geschichte! Da ist alles drin! Ein Schwarzer, der das Boxen zum sozialen Aufstieg nutzt, obwohl er gar nicht gerne boxt. Ein Schwuler, der nicht darüber ­redet, dass er schwul ist. Dann ist er beruflich noch Designer von Damenhüten …

… das kam mir derart klischeehaft vor, dass ich erst einmal nachgeschlagen habe, ob das wirklich stimmt!

Doch, es stimmt, er hat Damenhüte entworfen. Und zugleich war er einer der besten Boxer der Welt.

Noch so ein Klischee: Er hatte eine unglaublich hohe Stimme.

Ja, auch das stimmt. Damit hat ihn Benny Paret auch aufgezogen.

Und zumindest in Ihrer Darstellung war Griffith einer, der nicht gerne boxte. Stimmt das auch?

Es scheint zu stimmen. Er war wohl einer dieser Menschen, die sich in einer Sportart ausprobieren und diese dann sofort sehr gut beherrschen. Er hat sehr gut Tischtennis gespielt, aber davon konnte man ja nicht leben. Er wäre gerne Baseballprofi geworden, aber die Color Line war damals kaum zu durchbrechen. Sein Chef in der Hutfabrik hatte früher selbst geboxt und empfahl ihm, er solle doch boxen. Einmal, kurz vor seinem Tod, fragte sich Griffith auch, wie seine Homosexualität und das Boxen zueinander passen: „Ich töte einen Mann, und die meisten Leute verstehen das und verzeihen mir. Hingegen, ich liebe einen Mann, und so viele halten das für eine unverzeihliche Sünde, die mich zu einem schlechten Menschen macht.“

In Ihrer Graphic Novel stellen Sie Griffith trotz solcher reflektierender Gedanken zumindest teilweise als naiv dar.

So kam er mir vor. Als jemand, der nett sein wollte, immer fröhlich, der wollte, dass sich alle gut fühlen. Er war einer, der niemanden vor den Kopf stoßen mochte.

49, Comiczeichner und Illustrator. Zuletzt ausgezeichnet wurde er für das Werk „Der Traum von Olympia. Die Geschichte von Samia Yusuf Omar“.

Und der dann so zuschlug?

Ja, das ist schwer zu erklären. Es war wohl dies eine Mal zu viel. Vielleicht weil es vor seiner Familie und seinem Team geschah – ich weiß es nicht.

Es hätte ja eine wunderbare Geschichte sein können: der als schwächliche „Schwuchtel“ beleidigte Boxer schlägt zurück …

… wenn der Gegner nicht gestorben wäre.

Ja?

Ja.

Wie ging es weiter?

Nach diesem Vorfall im Ring hat er kaum noch durch K. o. gewonnen. Er hat nicht mehr voll durchgezogen.

Aber mit dem Boxen aufgehört hat er nicht?

Richtig. Mit verschiedenen Begründungen: dass er es für die Fans tue, dass er seine Familie finanzieren müsse oder dass er seine Entdecker und Förderer, das Ehepaar Alberts, dem die Hutfabrik gehörte, nicht enttäuschen wolle. Letztlich aber wollte er wohl nicht aufhören, weil es dann still um ihn geworden wäre. Keine Fans, keine Kämpfe, keine Partys mehr, dann wäre er womöglich ins Nachdenken gekommen, und das wollte er nicht.

Wenn man Boxen beschreibt als körperliche Auseinandersetzung zweier durchtrainierter, halbnackter Männer, die versuchen einander zu dominieren – dann könnte man eine Faszination für viele Schwule darin erkennen.

Ja, es ist aber in der Schwulenszene kaum populär. Es gibt auch keinen Boxfetisch, obwohl es auch schöne Boxer gibt, die das Zeug zur Ikone hätten. Aber das gibt es nicht – oder kaum. Ganz anders beim Ringen, da gibt es diesen Fetisch.

Was fasziniert Sie selbst am Boxen?

Boxen ist eine sehr visuelle Sportart. Das verbunden mit dem Mythos, den das Boxen und die Kämpfer umgibt, wirkt schon sehr stark. Wenn sich zwei gleichwertige Boxer im Ring gegenüberstehen und sie tänzeln – das ist sehr ästhetisch. Boxen ist eben nicht das simple Sich-auf-die-Mütze-Hauen.

Ihr Buch über Emile Griffith stellen Sie derzeit auch mit Lesungen in Boxgymns und -studios vor. Wie sind da die Reaktionen?

Es kommen tatsächlich etliche Boxer, und es gibt ein sehr gutes Feedback. Die Leute finden die Geschichte spannend: diese doppelte Unterdrückung als Schwarzer und als Schwuler.

Geht man im Boxen offener mit schwulen Athleten um als in anderen Sportarten?

Es ist schon verblüffend, dass es im Boxen mehr offen lebende Schwule gibt als im Fußball – da gibt es ja meines Wissens keinen einzigen. Im Boxen gibt es etwa Orlando Cruz. Oder Marc Leduc, der aber erst nach seiner Karriere sein Coming-out hatte. Aber schon einer wie Panama Al Brown, 1929 erster Weltmeister aus Lateinamerika, hat für die damalige Zeit vergleichsweise offen schwul gelebt. Im Boxen geht das anscheinend. Das gilt übrigens auch für lesbische Boxerinnen.

In Ihrem Buch spielt eine Szene aus dem Jahr 1992, Emile Griffith war da 54 Jahre alt, eine tragende Rolle: Griffith war beim Verlassen einer New Yorker Schwulenbar brutalst zusammengeschlagen worden. Da ist ihm der tote Benny Paret wieder erschienen. War das wirklich so ein Dämon, der Griffith immer verfolgt hat?

Ja, er berichtet an anderer Stelle, dass er sich nicht mehr vor dem Spiegel rasieren konnte, weil er dort Parets Gesicht sah. Oder einmal, dass er, wenn er aufwachte, am Fußende des Bettes Paret glaubte stehen zu sehen.

Er wollte vergessen, konnte aber nicht?

Ja, und ausgerechnet nachdem ihn diese homophoben Schläger beim Verlassen einer Bar verprügelt hatten, begann bei ihm die Demenz. So erst konnte er vergessen. Das ist schon dramatisch.

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