Boxer Tyson Fury: PR ohne Faszination

Tyson Fury führt ein Boxerleben wie aus dem Roman. Wie viel davon echt ist und wie viel PR, kann längst keiner mehr so ganz genau sagen.

Blutende Boxer im Ring

Lohnender Treffer: Tyson Fury haut den Schweden Otto Wallin Foto: MB Media/imago

Wenigstens kämpfen sie nicht in Saudi-Arabien, mag sich denken, wer verfolgt, was so alles berichtet wird vor dem Kampf der Schwergewichtsboxer Tyson Fury und Deontay Wilder um den Weltmeistertitel des Verbands WBC. Die beiden werden im Februar gegeneinander boxen. Bis dahin gilt es, das Publikum zu füttern. Vor allem die Geschichte von Tyson Fury wird ein ums andere Mal erzählt werden.

Dann werden wir wieder lesen, was der heute 31 Jahre alte Brite so alles durchgemacht hat in seinem Leben. An seinen Sieg gegen Wladimir Klitschko 2015 wird erinnert werden, der ihm eine Handvoll Weltmeistertitel eingebracht hat. Sein Absturz danach wird Thema sein, dass er gesoffen hat wie ein Loch, Drogen konsumiert hat, in eine tiefe Depression gefallen ist, seinen Ferrari auf über 300 km/h beschleunigt hat, um sich mit ihm zu Tode zu rasen.

Über seine bipolare Störung wird zu lesen sein und darüber, dass er wegen homophober Äußerungen für die Rolle als Musteropfer des Leistungssports vielleicht doch nicht wirklich geeignet ist; dass er also ein guter Boxer und ein begnadetes Arschloch sein kann. Ein Leben wie ein Roman, möchte man meinen. Doch den wird keiner schrei­ben wollen.

Geplante Wertsteigerung

Auch das hat mit Furys Geschichte zu tun. Der hat schon einmal gegen den Amerikaner Deontay Wilder um einen WM-Titel gekämpft. Vor gut einem Jahr war das. Unentschieden ist der Kampf ausgegangen. Und als alle Boxwelt auf die Bekanntgabe des Termins für einen erneuten Kampf zwischen den beiden gewartet hat, unterschrieb Fury einen Vertrag mit dem US-Sportsender ESPN und begab sich in die Hände des 88-jährigen Promoters Bob Arum, der schon dabei war, als Muhammad Ali seine Profikarriere begonnen hatte. Arum hat entschieden, dass Fury in den USA bekannter werden muss, bevor die beiden wieder in den Ring steigen.

Beim Hinkampf hatten in den Staaten 325.000 Boxfans je 74 Dollar bezahlt, um sich den Kampf am Fernseher anzuschauen. Da geht noch mehr, entschieden Furys Manager, schickten den 2,06-Meter-Hünen zu zwei Kämpfen in den Ring, schrieben so die Geschichte des ungeschlagenen Boxers weiter, erzählten sein irres Leben und ließen sich so viel Gedöns einfallen, dass man die wahre Lebensgeschichte nicht mehr von der PR um den Kämpfer unterscheiden konnte. Auch der Flirt mit einer Wrestling-Karriere gehört dazu. Damit sollte Fury so groß gemacht werden wie der große Muhammad Ali, der sich ja auch einmal auf ein ­Duell im Wrestling-Ring eingelassen hat.

Wer hat da in all diesem Werbemüll noch Lust, sich wirklich mit dem irren Leben dieses Mannes zu beschäftigen? Dabei haben die Geschichten einfacher Kerle, die sich im Ring zu einem würdigen Leben hochboxen, viele Literaten und Filmemacher fasziniert. Eine davon, die des deutschen Boxers Paul Samson-Körner, wird derzeit auf der Bühne des Berliner Ensembles erzählt. Aufgeschrieben hat das Leben des Boxers einst Bertolt Brecht für eine Sportzeitschrift. Warum ihn Boxen im Gegensatz zu anderen Sportarten so fasziniert hat? Es sei eben ein Kampf, heißt es im Text, kein Spiel wie etwa Fußball.

Heute ist Boxen PR und alles andere als ein Faszinosum.

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1968 geboren und dann lange Münchner. Studiert hat er Slawistik und wäre um ein Haar Lehrer geworden. Zehn Jahre lang war er Kabarettist (mit Helmut Schleich und Christian Springer). Dann ist er Sportreporter geworden. Von April 2014 bis September 2015 war er Chefredakteur der taz. Jetzt treibt er wieder Sport.

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