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Comic über Jugendliche im ArrestWir kennen das Gelaber der Sozialarbeiter

Der Comic „Im Jugendarrest“ gewährt Einblicke in eine selten skizzierte Welt: die Jugendarrestanstalt. Die Jugendlichen griffen dafür selbst zum Stift.

Auszug aus „Im Jugendarrest“ Foto: Verlagshaus Jacoby & Stuart

In der Schule lernen sie Mathe, Chemie und Kunst, aber nicht, „wie wir im Leben klarkommen“. Der Comic „Im Jugendarrest“ rückt junge Menschen ins Bild, die sich von der Gesellschaft verkannt und fallengelassen fühlen – und diejenigen, die täglich um sie kämpfen: die Inhaftierten und Mit­ar­bei­te­r:in­nen der Jugendarrestanstalt Berlin-Brandenburg.

Die Künstlerin, Illustratorin und Autorin Patrica Thoma, deren Bücher regelmäßig in Zusammenarbeit mit Kindern und Erwachsenen entstehen, wählte für ihre aktuellen Werke Orte, die die Allgemeinheit zu kennen glaubt, die jedoch nur wenige mit eigenen Augen gesehen haben: das Gefängnis und den Jugendarrest. Jugendliche, die wiederholt straffällig geworden sind, müssen für vier Wochen in die von Grün umsäumte Arrestanstalt an der Grenze zu Brandenburg: ein Freiheitsentzug, bei dem über ein Handy- und Suchtmittelverbot hinaus nicht die Bestrafung, sondern ein Erziehungsauftrag im Zentrum steht. Die Jugendlichen leihen dort etwa zum ersten Mal in ihrem Leben ein Buch aus, zum Beispiel Leo G. Linders „Die Klitschkos“-Biografie.

Solche kleinen Durchbrüche motivierten ihn, erzählt Ulf Thur, Leiter der Arrest-Bibliothek, im skizzierten Interview mit der Autorin. Die Gesellschaft erwarte, dass hier in kürzester Zeit alles glattgebügelt würde, was über Jahre schiefgelaufen sei. Was der Arrest dagegen tatsächlich leisten könne, sei Denkanstöße zu geben und den Jugendlichen „ein Verantwortungsgefühl für das eigene Leben“ zu vermitteln. Die jungen Straf­tä­te­r:in­nen setzen sich im Arrest mit ihrer Straftat auseinander.

Dazu gehören auch die Überzeugungen und Glaubenssätze, die ihren Handlungen häufig zugrunde liegen: „Viele Männer glauben übrigens“, heißt es etwa im Kapitel über „Männer- und Frauenbilder“, „sie seien Frauen überlegen. Anbaggern und beleidigen bedeutet für sie, stark zu sein.“ Oder aber im Kapitel „Stärke“: „Wir kennen das Gelaber der Sozialarbeiter: „Gewalt ist doch auch keine Lösung! Geh doch einfach aus dem Weg, bla, bla … Doch Weglaufen bedeutet für uns, schwach zu sein.“

Das Buch

Patricia Thoma und Jugendliche der Jugendarrestanstalt Berlin-Brandenburg: „Im Jugendarrest“. Verlagshaus Jacoby&Stuart, Berlin 2025. 96 Seiten, 22 Euro

Nah an der Realität

Patricia Thoma ließ die Jugendlichen erzählen und hörte zu, während sie über Schule, Liebeskunde und Geschlechterfragen, falsche Freunde, vermeintlichen Mannesmut oder verheerende Gruppendynamiken sprachen. Sie schrieb ihre Gedanken auf, anschließend zeichneten die jungen Menschen ihre Geschichte(n).

Das macht „Im Jugendarrest“ sowohl sprachlich als auch visuell zu einem realitätsnahen Erlebnis: Die Jugendlichen wurden Co-Autor:innen des künstlerisch-sozialen Projektes, das durch das Comic-Stipendium des Berliner Senats für Kultur und Europa finanziert wurde und dessen Honorar die Autorin zu einem Drittel an den Förderverein der Jugendarrestanstalt Berlin-Brandenburg spendet. Ihre jungen Künstler-Kolleg:innen dürfen im Arrest nämlich nicht entlohnt werden.

Um die vorherrschende Skepsis im Hinblick auf das Zeichenunterfangen zu überwinden und sicherzustellen, dass alle Inhaftierten am Comic-Workshop teilnehmen können, arbeitete die Künstlerin mit einer einfachen Technik: Die Jugendlichen stellten ihre Aufzeichnungen szenisch nach und Patricia Thoma fotografierte die entstandenen Bildergeschichten, damit die Jugendlichen die Fotos auf Transparentpapier abpausen konnten.

Diese Vorgehensweise lieferte geschwind zufriedenstellende Ergebnisse – je nach Zeich­ne­r:in mal filigranere, mal gröber und düsterer anmutende Schwarzweiß-Panels, denen Thoma ihre eigenen farbigen Zeichnungen der Jugendarrestanstalt hinzufügte – ließ den Jugendlichen aber ebenso Raum, um Gesichter und Kleidung individuell zu gestalten.

Jugendliche selbst kommen selten zu Wort

Ein Gewinn für beide Seiten: Zeichenfrust blieb aus, und die Künstlerin lernte die Menschen hinter den biografischen Bruchstücken kennen, auf die sich die mediale Berichterstattung sonst häufig konzentriert. Und, noch wesentlicher: Die jugendlichen Straf­tä­te­r:in­nen kommen selbst zu Wort.

Diese Perspektivierung sei ihr wichtig gewesen, erzählt Patricia Thoma auf der Buchpremiere im Arrest, wo sie gemeinsam mit den Jugendlichen Einsicht in den Arbeitsprozess gibt: über problematische Teenager aus sozial benachteiligten Familien würde zwar rege diskutiert, fast immer jedoch geschehe dies paternalistisch bevormundend, ohne Mitspracherecht für die Betroffenen.

Im Comic dagegen stellen sich die Jugendlichen mit Spitznamen vor – „Nennt mich bitte Jamila – das bedeutet Schönheit auf Arabisch“ – und möglicherweise heikle Ausdrücke oder Passagen – wie „Mordshunger“ (durchgestrichen) oder „Die Zeit totschlagen“ (durchgestrichen) – wurden nicht etwa ausradiert, sondern durch optische Tilgung augenfällig hervorgehoben: „Im echten Knast ist Rauchen übrigens geduldet; und dort wird auch Alkohol gepanscht, illegal natürlich. […] Der wichtigste Unterschied zum Knast ist aber – der Erziehungsauftrag! Dabei hängen die ‚Erzieher‘ selbst am Handy, rauchen, trinken Alkohol und nehmen heimlich Drogen.“ (letzter Satz auch durchgestrichen)

Diese stilistische Entscheidung verweist einerseits auf das der Sprache bereits inhärente Gewaltpotenzial, andererseits weist es die Frage nach individueller Schuld auf die Überprüfung fragwürdiger gesamtgesellschaftlicher Strukturen und Verordnungen zurück. Die massiven finanziellen Kürzungen des Berliner Senats in den Bereichen Bildung, Kultur und soziale Arbeit beispielsweise: Entscheidend sei hingegen, zeigt sich die Jugendarrestleiterin im Interview mit Patricia Thoma überzeugt, „dass Fachkräfte für soziale Arbeit bereits an Schulen und Kitas zum Einsatz kommen“.

Das Buch soll auch in Schulen zum Einsatz kommen

Auch das antiquierte, an staatlichen Schulen nach wie vor praktizierte eines für Alle-Schulmodell wird den individuellen Stärken von Kindern und Jugendlichen nicht gerecht. Viele der Inhaftierten entdeckten ihr handwerkliches Talent erst im Arrest: „Ich bin gut mit meinen Händen“, erzählt zum Beispiel Alex. „Hier in der Holzwerkstatt kann ich mich schon mal ausprobieren. Ich möchte nämlich Tischler werden. Wir bauen hier 'ne Ritterburg für 'ne Kita.“ Der Leiter der Holzwerkstatt beschreibt seine Arbeit ebenfalls als „sehr erfüllend“: „Das klingt für Menschen, die den Jugendarrest nur aus den oft negativen Berichten in den Medien kennen, vielleicht erstaunlich.“

Trend zu Friede-Freude-Eierkuchen

Umso bedeutsamer ist es, dass Patricia Thoma, gleichfalls Autorin des Buch- und Ausstellungsprojekts „Willkommen in Deutschland“, dieses im florierenden Kinder- und Jugendsachbuch-Segment nur selten aufgegriffene Thema nun beleuchtet. Denn zahlreiche Verlage wie auch Eltern scheinen sich umso mehr auf empowernde, oft realitätsferne Friede-Freude-Eierkuchen-Botschaften zu versteifen, je mehr es mit dem tatsächlichen Weltgeschehen bergabgeht.

Erfreulicherweise wurde der im Verlagshaus Jacoby & Stuart erschienene Comic nun nicht nur in den aktuellen Buchempfehlungskatalog der internationalen Jugendbibliothek „The White Ravens“ aufgenommen, sondern auch von der „Berliner Landeszentrale für Bildung“ angekauft und soll in Schulen zum Einsatz kommen.

Vielleicht können einige Jugendliche ihre gedruckten Kunstwerke also bald ihren Mit­schü­le­r:in­nen präsentieren. In jedem Fall böte ein Blick hinein Kids wie Erwachsenen aller gesellschaftlichen Schichten Gelegenheit, sich endlich einmal selbst in einem Buch wiederzuerkennen, eine nie aktivierte oder lange schon eingeschlafene Leselust von neuem zu wecken oder die eigenen Vorurteile auf den Prüfstand zu stellen. Am besten – wie der fast hundertseitige Comic selbst – eine Mischung aus allem.

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