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Christian Schwarz-Schilling gestorbenEin besonderer CDU-Minister

Er war Postminister unter Kohl, Hoher Kommissar der UN in Bosnien und Herzegowina und stets engagiert für Menschenrechte. Jetzt ist er gestorben.

Christian Schwarz-Schilling 1987 Foto: ullstein bild
Erich Rathfelder

Aus Sarajevo

Erich Rathfelder

Christian Schwarz-Schilling ist tot. Der ungewöhnliche CDU-Politiker und Unternehmer starb am 6. April 2026 im hessischen Büdingen im Kreise seiner Familie. Schwarz-Schilling wurde 95 Jahre alt. Es dauerte nur wenige Minuten, bis bosnische Medien diese Nachricht verbreiten. Denn Schwarz-Schilling war in Bosnien ein bekannter Mann.

Seine Lebensgeschichte war keineswegs von Ruhe geprägt. Am 19. November 1930 in Innsbruck geboren, mussten seine Familie und er schon in seiner Kindheit einige Prüfungen durchlaufen. Christians Vater, einem bekannten Komponisten, gelang es, seine jüdische Frau und seine Kinder letztlich unbeschadet durch die Nazizeit zu bringen.

Mit einem verschmitztem Lächeln betonte Christian, kurz CSS, immer wieder, dass es früher Leute gab, die Bedrängten halfen, ohne nach den Folgen zu fragen. So etwa der Bürgermeister von Bad Tölz, der Schwarz-Schillings Mutter einen arischen Stammbaum bescheinigte und es der Familie so ermöglichte, bis 1945 in Berlin zu überleben.

Die Mitglieder seiner Familie mütterlicherseits, die aus dem Grenzgebiet Polens und der Ukraine stammten, wurden als Juden von allen Seiten verfolgt. Deshalb verheimlichte die Mutter den Kindern gegenüber ihre wahre Identität. Das hätte ihren Kindern schaden können. Doch ihre tiefverwurzelte Angst verlor die Mutter auch Jahrzehnte später nicht.

Auch wenn Christian erst sehr viel später von der Identität seiner Mutter erfuhr, spürte er doch etwas in sich, was ihn, den späteren Chinaexperten und umtriebigen Ex-Chef einer Akkumulatorenfabrik, zu einem besonderen Minister in der Regierung Helmut Kohl werden ließ. Menschliche Schicksale und Ungerechtigkeiten berührten den zum liberalem Flügel seiner Partei gehörenden Politiker sehr.

Als er im Sommer 1992 von den Konzentrationslagern in der von serbischen Truppen beherrschten westbosnischen Stadt Prijedor hörte, war er voll des Unmuts. Er forderte Kohl, Deutschland und die Demokratien des Westens auf, gegen die sich abzeichnenden Kriegsverbrechen und die menschlichen Katastrophen aktiv zu werden. Als sein Appell folgenlos verhallte, zog er die Konsequenzen und trat am 14. Dezember 1992 von seinem Posten zurück. Fortan engagierte er sich für und in Bosnien und Herzegowina, insbesondere für Menschenrechte.

Vermittler zwischen Volksgruppen

Sein Einsatz für Menschenrechte – in Europa, den USA und weltweit – hinterließ Spuren. Die Vereinten Nationen baten ihn 1994, nachdem der Krieg im Kriege zwischen Kroaten und Bosniaken beendet war, im Land zu bleiben und zwischen beiden Volksgruppen zu vermitteln.

Aber die serbischen Angriffe auf die Bosniaken und die anderen nichtserbischen Volksgruppen gingen unvermindert weiter. So in der nordwestlich über vier Jahre von serbischen Truppen eingeschlossenen Stadt Bihac. Gemeinsam mit seinen Mitarbeitern Stephan Schwarz und Michael Brand organisierte er Hilfstransporte für die hungernden Menschen in Bihac.

Doch sie mussten am 11. Juli 1995 dem Völkermord in Srebrenica tatenlos zusehen. Erst 1995 und mit dem Eingreifen von Natotruppen wurde der Weg für nachhaltige Waffenstillstands- und Friedensverhandlungen frei.

CSS hat das alles hautnah erlebt. Seine Erfahrungen in der Region wurden weltweit anerkannt. Als der Friedensimplementierungsrat (PIC) ihn 2006 zum Hohen Repräsentanten der Internationalen Gemeinschaft in Bosnien und Herzegowina ernannt hatte, wurde er für die Überwachung des Friedensabkommens von Dayton zuständig.

Rückfall in Krieg und Barbarei

Dazu gehörte auch die Machtbefugnis, Extremisten von ihren Posten zu entfernen. Doch das passte nicht allen. Er sollte nämlich nach dem Wunsch einiger der wichtigsten Mächte, wie Russland, den Hohen Repräsentanten und damit sich selbst abschaffen. Damit wäre Extremisten der Weg zur Macht geebnet worden. Mithilfe der US-Demokraten gelang es aber, die internationale Machtstruktur in Bosnien zu erhalten. Alles andere hätte laut CSS langfristig einen Rückfall in Krieg und Barbarei bedeutet.

2007 endete sein Mandat. Seither haben Nationalisten, vor allem auf serbischer, aber auch auf kroatischer Seite mit Unterstützung von Belgrad und Zagreb, alles versucht, um das multinationale Bosnien und Herzegowina nach ethnischen Gesichtspunkten territorial aufzuteilen.

Die Mehrheit der Bevölkerung macht da jedoch nicht mit. Angesichts der Neuorientierung der internationalen Politik unter US-Präsident Donald Trump und Russlands Präsidenten Wladimir Putin, die die Nationalisten stützen, müsse man pessimistisch sein, sagte CSS bei einem letzten Gespräch vor zehn Tagen mit dem Autor. Doch für alles gäbe es einen Ausweg. Dass CSS ausgerechnet am Jahrestag des Angriffs auf Sarajevo am 6. April 1992 gestorben ist, könnte als schlechtes, aber auch als gutes Omen gedeutet werden. Seine Stimme wird fehlen.

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