Chinesischer Dokumentarroman über Corona: Menschen wie Viren behandelt

Liao Yiwus Roman „Wuhan“ beschreibt die desaströse Coronapolitik in China – und entwirft ein vielfältiges Bild eines autoritär regierten Landes.

Erschöpfter Krankenpfleger im Schutzanzug schläft auf einem Bürostuhl in der Klinik des Viertels Qingshan in Wuhan, Februar 2020

Erschöpfter Krankenpfleger in Klinik des Viertels Qingshan in Wuhan, Februar 2020 Foto: China Daily/Reuters

Seit seiner Flucht aus China vor zehn Jahren lebt Liao Yiwu im deutschen Exil. Bekannt wurde der chinesische Dichter und Schriftsteller hierzulande mit „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“. Ähnlich wie die belarussische Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch hatte er für dieses Buch in China Interviews zu Themen geführt, die in der chinesischen Öffentlichkeit tabu sind.

Themen wie die Zeit der Kulturrevolution oder die des „Großen Sprungs nach vorn“, bei dem schätzungsweise 40 Millionen Chinesen verhungert sind. Wie Swetlana Alexijewitsch kämpft Liao Yiwu gegen das Vergessen an, will an das Leid der zahllosen Menschen erinnern, die in die gnadenlosen Mühlen des Maoismus geraten sind.

Auch Liao Yiwus neues Buch, der Dokumentarroman „Wuhan“, versucht die Erinnerung an traumatische Ereignisse wachzuhalten. Es sind Ereignisse, die schon heute, zwei Jahre nach dem Ausbruch der Pandemie in der zentralchinesischen Millionenstadt Wuhan, durch die systematische Geschichtsklitterungspolitik der chinesischen Regierung in Vergessenheit zu geraten drohen. In einer Mischung aus Fiktion und Dokumentation versucht Liao Yiwu, Ereignisse, Atmosphäre und die desaströse Politik der chinesischen Regierung am Anfang der Pandemie anhand von Einzelschicksalen zu erzählen.

Beliebte TV-Sendung „Trend-Drehscheibe“

Der Roman beginnt mit Kcriss Li, einem ehemaligen Mitarbeiter des staatlichen chinesischen Fernsehens, der sich selbst vor Ort ein Bild der Pandemie machen will. Statt seine erfolgreiche Karriere als Moderator der beliebten Sendung „Trend-Drehscheibe“ weiterzuverfolgen, bewirbt sich der 1995 geborene Journalist Anfang 2020 auf eine Stellenanzeige in einem Krematorium von Wuhan.

Liao Yiwu: „Wuhan“. Aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann und Brigitte Höhenrieder. Fischer, Frankfurt am Main 2022. 352 Seiten, 24 Euro

Dort stellt er fest, dass die Mitarbeiter zahllose Überstunden machen müssen, um alle eingelieferten Toten verbrennen zu können. Durch eine Hochrechnung, die die sieben weiteren Krematorien Wuhans mit einbezieht, stellt er fest, dass die offiziellen Zahlen der chinesischen Regierung zu den Coronatoten nicht stimmen können.

Am 26. Februar 2020 versucht er dann, an das streng bewachte P4-Virenlabor in Wuhan heranzukommen. Bis heute kann nicht mit hundertprozentiger Sicherheit ausgeschlossen werden, dass das Covid-19-Virus in diesem Hochsicherheitslabor entstanden und durch einen Unfall freigesetzt worden ist.

800 User sehen bei Verhaftung zu

Aber wie die zuvor verschwundenen Bürgerjournalisten Chen Qiushi und Fang Bin, die über die Anfänge der Pandemie aus China berichtet hatten, wird Kcriss nach einer Verfolgungsjagd von der Staatssicherheit in seiner Wohnung verhaftet. Unter Umgehung der sogenannten Firewall, die China vom weltweiten Internet abschotten soll, sendet er live über Youtube von der Verfolgungsjagd. Als er sich in seine Wohnung flüchtet und die Staatssicherheit die Tür aufbricht, um ihn zu verhaften, sehen dabei über 800 chinesische User zu.

Bereits diese erste Szene in Liao Yiwus Roman macht deutlich, wie groß die Bedeutung von Internet und sozialen Medien trotz der allgegenwärtigen Kontrolle der Kommunistischen Partei für die kritische Öffentlichkeit in China ist. Im Land gibt es über 800 Millionen Handyverträge, fast die gesamte Kommunikation läuft über die App „WeChat“, deren Funktionen eine Mischung aus Whatsapp, Facebook, Twitter und Paypal ist.

Zwar wird der Dienst, der inzwischen 1,2 Mil­liar­den Nutzer hat, von der chinesischen Regierung kontrolliert; aber trotz dieser Überwachung (der jeder über die Allgemeinen Geschäftsbedingungen zustimmen muss) kamen die Zensoren am Anfang der Coronapandemie mit der Löschung von Beiträgen und Accounts nicht hinterher. So konnten Stimmen wie die von Kcriss oder die des Arztes Li Wen­liang, der bereits am 30. Dezember 2019 über die Gefahren des Virus auf WeChat warnte, über Kanäle außerhalb des chinesischen Internets verfügbar gemacht und gerettet werden.

Die Regierung negiert das Virus

Die eigentliche Geschichte, die Liao Yiwu in „Wuhan“ erzählt, ist jedoch nicht die von Kcriss Li, sondern die des fiktiven Historikers Ai Ding. Der Vater einer Tochter stammt aus Wuhan und will während seines einjährigen Stipendiums in Deutschland zum chinesischen Neujahrsfest für ein paar Wochen zu seiner Familie nach Hause reisen.

Doch Ai Ding landet genau an dem Tag in Peking, an dem sich die Coronapolitik der chinesischen Regierung radikal ändert. Statt weiter abzustreiten, dass überhaupt ein Virus existiert, hatte die kommunistische Führung einen Tag zuvor die Neun-Millionen-Stadt Wuhan sowie eine Reihe weiterer Großstädte hermetisch von der Außenwelt abriegeln lassen. Obwohl Ai Ding aus dem von Corona noch unbetroffenen Europa kommt, wird er auf dem Weg nach Wuhan in Quarantäne gesteckt.

„Das neue Coronavirus ist unsichtbar, also betrachtet man einfach die Menschen aus Wuhan und Hubei als Viren“, schreibt er Freunden auf WeChat. Erst nach einigen Tagen gelingt es ihm, die Erlaubnis zur Weiterreise zu erhalten. Doch der Weg nach Hause wird aufgrund der inzwischen chaotischen Situation zur Odyssee. Ai Ding gerät zwischen Checkpoints und sieht sich absurden lokalpatriotischen Streitigkeiten ausgesetzt.

Überfüllte Krankenhäuser

Er sieht Menschen auf der Straße an Covid-19 sterben, nachdem keines der überfüllten Krankenhäuser sie aufgenommen hatte, trifft auf die Gnadenlosigkeit der lokalen Behörden, aber auch auf Menschen, die ihm selbstlos weiterhelfen. Nach und nach entsteht so ein vielfältiges Bild vom Leben in einem autokratisch regierten Land, in der der Pandemiealltag von Willkür, Korruption und Gewalt geprägt ist.

Lange Zeit schien die dokumentarische Literatur tot zu sein. Der Auffassung, dass sie authentischer sei als fiktive Geschichten, stand vor allem das Problem ihrer Lesbarkeit entgegen. Viele Autoren, die dokumentarisch gearbeitet haben, sind heute vergessen. Nur wenige, wie etwa Alexander Kluge, sind dem Genre treu geblieben und werden auch heute noch gelesen. Anfang der 1980er dann erhielt das Genre einen neuen Aufschwung durch die polnische Journalistin Hanna Krall. Sie hatte ihre Erzählungen aus Gesprächen mit Überlebenden der deutschen Besatzung in Polen entwickelt. Der Erfolg ihrer Bücher zeigt, wie wichtig die Literarisierung von Erinnerungen für deren Weitergabe an nachgeborene Generationen ist.

Lebendiger und adäquater Ausdruck von Realität

Hanna Krall und Swetlana Alexijewitsch haben ihre Gespräche mit Betroffenen des Terrors im 20. Jahrhundert literarisch so gut aufbereitet, dass sie nicht nur das Interesse des Lesers wachhalten, sondern auch ein lebendiger und im besten Fall adäquater Ausdruck der Realität entsteht. Es ist engagierte Literatur im besten Sinne. Auch Liao Yiwu reiht sich mit „Wuhan“ in diese Reihe ein, wobei der Anteil der Fiktion in seinem Roman größer ist als in den Texten der osteuropäischen Autorinnen. Sein Buch ist ein kunstvolles Patchwork aus Dokumenten, Zitaten aus der chinesischen Literaturgeschichte und einer ­Geschichte, die so nicht stattgefunden hat, aber hätte stattfinden können.

Viele Personen werden in „Wuhan“ beim Namen genannt. Zum Beispiel Ai Fen, die ehemalige Leiterin der Notaufnahme des Zentralkrankenhauses von Wuhan. „Sie war die Erste“, schreibt Liao Yiwu, „der die von Li Wenliang weitergeleitete MAPMI-Test-Diagnose in die Hände fiel, die sie abfotografierte, die Worte ‚SARS-Corona-Virus‘ rot umkringelte, das in einer WeChat-Gruppe von Ärzten postete und so deren Verbreitung auslöste.“

Doch die Ärztin wurde von der Krankenhaus­direktion zurechtgewiesen: „Sie sind vom Fach, wie können Sie derart prinzipienlos und derart ohne jede Organisationsdisziplin derart rufschädigende Gerüchte in die Welt setzen?“ Die autoritären chinesischen Strukturen haben dazu geführt, dass die drohende Gefahr ignoriert werden konnte, was nicht nur zu einer Katastrophe für China, sondern in erheblichem Maß auch zur Verbreitung des Virus in der ganzen Welt beitrug. Hätte die chinesische Staats­führung (und die WHO) den Warnungen von Ärzten wie Li Wenliang und Li Fen ernst genommen, das Virus hätte das Land mit einiger Wahrscheinlichkeit erst gar nicht verlassen.

Li Wenliang starb mit 33 Jahren an Corona. „Wuhan“ ist auch ein Denkmal für ihn. Der Trauerzug zu seiner Beerdigung fand im Netz statt. „In die Realität verlegt“, schreibt Liao Yiwu, „wäre dieser Trauerzug für ­einen Whistleblower weitaus imposanter gewesen als 1976 für Mao Zedong. Mit dem alten Mao war ein Gott gestorben, mit dem jungen Li ist ein Herz gestorben, und zwar das Herz all derer, die die Epidemie quälte und die ihn als ihresgleichen betrauerten.“

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