Chinesisch-russische Beziehungen: Warme Töne mit kaltem Kalkül
Peking hält Putins Kriegsindustrie am Laufen, beliefert aber auch die Ukraine mit Drohnen. Dahinter stehen nicht nur kommerzielle Interessen.
Während Wladimir Putin bei zweistelligen Minusgraden in der Ukraine gezielt die Energieinfrastruktur des Landes bombardiert, herrschen zwischen Moskau und Peking gewohnt warme Töne. So sagte der chinesische Verteidigungsminister Dong Jun im Telefonat mit seinem russischen Amtskollegen Andrei Belousov am Dienstag, man wolle die „strategische Koordination“ zwischen den zwei Ländern stärken und „Hand in Hand arbeiten, um positive Impulse für die globale Sicherheit und Stabilität zu setzen“. Den Krieg in der Ukraine haben die zwei Minister natürlich nicht erwähnt.
Doch trotz der nach außen zur Schau gestellten Neutralität Chinas ist längst bestens dokumentiert, dass die Fabriken in der Volksrepublik die Kriegsmaschinerie Putins am Laufen halten. Bis zu 80 Prozent der russischen „dual use“-Güter stammen aus dem Reich der Mitte – von Mikroprozessoren bis hin zu Ultraschallsensoren.
Im letzten Jahr hat sich die Situation noch weiter verschärft. Seit Russland etwa verstärkt auf sogenannte Glasfaserdrohnen setzt, die besonders resistent gegenüber elektrische Störsender sind, hat China umgehend die Lieferung kritischer Komponenten erhöht: Wie die Washington Post berichtete, exportierte Peking allein im August 2025 knapp 530.000 Kilometer Glasfaserkabel und Lithium-Ionen-Batterien im Wert von rund 47 Millionen US-Dollar.
Chinesische Technologie im Krieg gegen die Ukraine
Mit dem Einmarsch im 24. Februar 2022 begann der groß angelegte russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Bereits im März 2014 erfolgte die Annexion der Krim, kurz darauf entbrannte der Konflikt in den ostukrainischen Gebieten.
Im Herbst äußerte Kyjiws Geheimdienst erstmals den Verdacht, China könne Russland mit Satelliteninformationen über strategische Ziele in der Ukraine versorgen. Auch wurden chinesische Aufklärungsflugzeuge im Westen des Landes ausgerechnet über jenen Orten beobachtet, die schon von russischen Streitkräften angegriffen worden waren.
Zuletzt hatte Putin mehrfach die hochgefährliche Mittelstreckenrakete „Oreschnik“ gegen die ukrainische Zivilbevölkerung eingesetzt – ein hochmoderner, ballistischer Flugkörper mit Hyperschallgeschwindigkeit, der theoretisch auch mit nuklearen Sprengköpfen bestückt werden kann. Wie eine aktuelle Recherche des britischen Telegraph zeigt, sollen bei der Produktion der „Oreschnik“ ebenfalls chinesische Spezialmaschinen zum Einsatz kommen.
Krieg nützt chinesischer Wirtschaft
Viele Experten argumentieren, dass Chinas Parteiführung vor allem deshalb Russland tatkräftig unterstützt, weil der Krieg den eigenen Interessen nützt. Moskau ist wirtschaftlich mittlerweile derart abhängig von Peking, dass keineswegs mehr von einer Partnerschaft auf Augenhöhe die Rede sein kann: China nützt seine Machtposition etwa aus, indem es die Preise für importiertes Öl und Erdgas aus Russland extrem drückt.
Gleichzeitig dürfte es durchaus im Sinn von Präsident Xi Jinping sein, dass Russlands Krieg gegen die Ukraine den gesamten politischen Westen schwächt und auch die außenpolitischen Ressourcen der USA bündelt. Der letzte Punkt lässt sich allerdings seit Donald Trumps zweiter Amtszeit nicht mehr aufrecht halten: Der US-Präsident hat schließlich mehr als deutlich gemacht, dass die Ukraine vor allem ein Problem ist, das die Europäer allein lösen müssen.
Russland und die Ukraine nutzen chinesische Drohnen
Ebenso wird ein wichtiger Aspekt oft übersehen: Nicht nur Russland, sondern auch die ukrainische Armee ist stark von den chinesischen Lieferketten abhängig. Denn Unternehmen aus dem Reich der Mitte liefern en masse jene Waffe, die in diesem Konflikt längst zum wichtigsten Instrument geworden sind: unbemannte Flugdrohnen.
„Inmitten des Krieges ist Chinas Dominanz der globalen Drohnenlieferketten sowohl für Russland als auch für die Ukraine strategisch unverzichtbar geworden“, argumentieren die ukrainische Sinologin Vita Golod und der Sicherheitsexperte Dmytro Burtsev im Fachmagazin Diplomat: „Nur China bietet derzeit die Produktionskapazität, den Preis und die logistische Flexibilität, die erforderlich sind, um einen solchen Verbrauch aufrechtzuerhalten.“
Vergleichsweise neu ist, dass es sich eigentlich um zivile Produkte handelt, die jedoch mit minimaler Abwandlung in tödliche Kriegswaffen umgewandelt werden können. China schlägt damit zwei Fliegen mit einer Klappe: Es kann weiter Neutralität vorgeben, da man ja keine Waffen exportiert, und gleichzeitig ökonomisch extrem von den Drohnenverkäufen profitieren.
Kriegswissen nützt Chinas militärischer Modernisierung
Doch geht es Peking keineswegs nur um wirtschaftliche Interessen. Tatsächlich kann China durch den massiven Drohnenexport kostbare Lehren darüber ziehen, wie die unbemannten Flugobjekte in einem realen Kriegseinsatz fungieren. „Diese Erkenntnisse prägen bereits Chinas militärische Modernisierung“, schreiben die „Diplomat“-Autoren.
Und möglicherweise könnte das neugewonnene Wissen der chinesischen Volksbefreiungsarmee auch in der Praxis zur Anwendung kommen – etwa, wenn Xi Jinping seine militärische Drohung gegenüber der demokratisch regierten Insel Taiwan in die Tat umsetzen sollte
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert