piwik no script img

Chinas TechnologiepläneRoboter gegen die Angst vor dem Abschwung

China will bei humanoiden Robotern die Technologieführerschaft erreichen. Die Maschinen sollen auch ein Demografieproblem des Landes lösen.

Ein Roboter namens Nia von Beijing Qingfei Technologies Co. Ltd begrüßt Besucher im Zhongguancu Innovation Center in Peking Foto: Oliver Berg/dpa

Seoul taz | Dem neuen G1-Modell von „Unitree Robotics“ möchte man nachts nur ungern allein auf der Straße begegnen: Die stahlgraue Maschine in menschlicher Form schlägt härter zu als Bruce Lee.

Was wie ein PR-Gimmick anmutet, ist tatsächlich Chinas nächste technologische Revolution. Voller Stolz publizieren die Parteimedien und Diplomaten kurze Videoclips vom menschlich aussehenden Roboter G1. Dessen Hersteller, das im ostchinesischen Hangzhou ansässige Unitree Robotics, versieht seine Produkte mit dem augenzwinkernden Hinweis: „Bitte stellen Sie sicher, dass Sie den Roboter auf freundliche und sichere Weise benutzen!“

Dieser Tage wird wieder einmal deutlich, wie zweigeteilt die chinesische Volkswirtschaft ist: Während weite Bevölkerungsschichten insbesondere in den Provinzen unter einer hohen Arbeitslosigkeit, anhaltenden Immobilienkrise und sinkenden Sozialleistungen leiden, erringen gleichzeitig chinesische Firmen bei den entscheidenden Zukunftstechnologien bahnbrechende Innovationen. Der ChatGPT- Konkurrent DeepSeek war dabei nur die Spitze des Eisbergs.

Hinter den Erfolgen steht neben unternehmerischer Kreativität auch eine flächendeckende Industriepolitik des chinesischen Staates, die gezielt einzelnen Branchen zum Erfolg verhilft: Während der letzten Dekade gelang das auf beeindruckende Weise bei Solarenergie, Elektromobilität und Schiffbau. Nun hat Peking bereits das nächste Ziel im Blick: humanoide Roboter. Während des nationalen Volkskongresses im März stellte die Parteiführung einen Wagniskapitalfonds in Höhe von knapp 130 Milliarden Euro an.

„Zeitalter der Roboter“

Doch den Trend sehen nicht nur die Chinesen. Bereits Mitte März hat Jensen Huang, Gründer des Chipherstellers Nvidia, bei der jährlichen Entwicklerkonferenz seines Konzerns die Ära der „physischen KI“ einberufen: „Das Zeitalter der Roboter ist da“, sagte der 62-jährige Huang. Während Roboter derzeit bereits in Fabriken einfache Tätigkeiten mit Präzision und Schnelligkeit erledigen können, sollen diese künftig in Kombination mit KI-Chips einen Sprung nach vorne hinlegen können. Die Hoffnung ist, dass Roboter in Fabriken bald mitdenken können, ja von menschlichen Kollegen kaum mehr zu unterscheiden sein werden.

Die chinesische Volkswirtschaft hat in dieser Branche mehrere Vorteile. Zum einen verfügt das Land über ein Forschungsumfeld, welches wohl nur von den USA übertroffen wird. Ebenfalls sind die staatlichen Fördersummen unerreicht. Vor allem aber gibt es keinen anderen Staat auf der Welt, der auf eine derart entwickelte Infrastruktur an Fabriken zurückgreifen kann. Diese sind das beste Experimentierlabor und Fitnesscenter für humanoide Roboter.

Chinas Parteiführung hofft, mit der Robotik nicht nur einen neuen Wachstumsmotor zu erschließen. Ihr geht es auch darum, sich für die Folgen des rasant voranschreitenden demografischen Wandels zu wappnen. Die Bevölkerung im Reich der Mitte altert rasant, und mittelfristig wird das die Produktivität senken und auch den ökonomischen Aufstieg des Landes an seine Grenzen bringen. Während andere Staaten verstärkt auf Migration setzen, scheint das für die auf ideologische Kontrolle und politische Loyalität bedachte Staatsführung keine Option zu sein. Umso stärker setzt sie ihre Hoffnung auf technologische Lösungen.

Roboter beim Volkstanz

Der staatlich kontrollierte Informationssektor schwört die Bevölkerung bereits gezielt auf den Hype ein. Während der „Spring Gala“ zum chinesischen Neujahrsfest, der meistgeschauten Fernsehshow der Welt, inszenierte der preisgekrönte Regisseur Zhang Yimou einen traditionellen Folkstanz, der von 16 humanoiden Robotern ausgeführt wurde – stilecht in knallroten Westen. Das technikbegeisterte chinesische Publikum liebte die Einlage. Und im April wird der Marathon in Peking erstmals ein eigenes, über 20 Kilometer langes Segment für menschlich aussehende Roboter umfassen.

Fest steht allerdings auch: China wird diese Technologie auch für seine Sicherheitsinteressen nutzen wollen – nach innen und außen. So dürften die humanoiden Maschinen künftig auch eine stärkere Rolle beim Militär und dem Überwachungsapparat spielen. Schon jetzt patroullieren im Pekinger Ausgehviertel Sanlitun Roboterpolizisten.

taz lesen kann jede:r

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Texte, die es nicht allen recht machen und Stimmen, die man woanders nicht hört – immer aus Überzeugung und hier auf taz.de ohne Paywall. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

2 Kommentare

 / 
  • Die Geschichte endet nicht mit der industriellen Revolution und der "Ausbeutung von Arbeitern", Arbeiter werden bald nicht mehr gebraucht, es geht nur noch um Energie, Rohstoffe, Industrieeigentum. Die Superreichen brauchen "uns" dann nicht mehr.

    Genau darum geht auch die Demokratie den Bach runter, sie wird für den KI-Feudalismus nur zu einem Stolperstein.

    Und wir in all dem? Um den Planeten mache ich mir dabei fast weniger sorgen als um 90% der Menschheit.

    • @Deutschfranzose:

      Irgendwem müssen die aber auch noch die Produkte verkaufen, wenn keiner mehr was verdient, kauft auch keiner etwas, da nützen dann auch Energie, Rohstoffe und Industrieeigentum nichts.