Cecilia Vicuña im Castello di Rivoli: Sie baumelt darüber wie ein riesiger Berg zupfeliger Wäsche
So richtig site-specific: In ihrer Ausstellung im Castello di Rivoli bei Turin erinnert Cecilia Vicuña an die verschwundenen Gletscher des Piemonts.
Normalerweise ist das nichts, was man jemandem beim Besuch einer Kunstausstellung empfehlen würde. In Cecilia Vicuñas „El glaciar ido“ im Castello di Rivoli aber sollte man genau das tun: erst einmal aus dem Fenster schauen. Auf bergige Landschaft blickt man da, sanfte Hügel fächerartig versetzt. Sie schieben sich vor- und hintereinander, schmiegen sich fast halbkreisförmig um die Ortschaft nahe Turin. Auch das Castello di Rivoli selbst befindet sich auf einem Hügel. Mindestens seit dem antiken Rom gab es hier Siedlungen aufgrund der strategischen Lage nahe der Via Gallica.
Entstanden ist die Moränenlandschaft vor zehntausenden Jahren aus Sediment und Geröll, aus Relikten von Gletschern, dem riesigen Balteo etwa, die es hier einmal gab. Sattgrün sieht die waldig-grasige Oberfläche der Gipfel aus, noch zumindest. Schon Ende Mai hatte Turin die erste Hitzewelle erfasst. 33 Grad mitten im späten Frühling. Viel zu früh, viel zu heftig.
Längst drin im Thema steckt man dann von Vicuñas Schau „El glaciar ido“, zu Deutsch: der verschwundene Gletscher. Cecilia Vicuña, Künstlerin, Dichterin, Aktivistin, ist 1948 in Santiago de Chile geboren, beschäftigt sich mit Übergängen und Überresten, mit der Endlichkeit, der Vergänglichkeit der Schönheit, des Lebens, mit der von Zerstörung bedrohten Natur wie auch marginalisierten Kulturen.
Cecilia Vicuña: „El glacier ido“. Castello di Rivoli, Rivoli-Torino, bis 20. September
Wenn sie, wie in Rivoli, Arbeiten extra für einen Ort anfertigt, bezieht sie sich dabei immer auch auf dessen direkte Umgebung. Poetisch macht sie das, thematisch und über ihr Material. Den Begriff der „Arte Precario“ prägte sie selbst in den 1960ern für ihre Kunst, für ihre zerbrechlichen, oft vergänglichen Objekte. Das war auch in Abgrenzung zu anderen Kunstbewegungen der damaligen Zeit gemeint.
Die wiederentdeckte Cecilia Vicuña
In den letzten Jahren erst hat man diese wiederentdeckt. 2022 hat Vicuña, die Chile nach dem Militärputsch gegen Salvador Allende verließ, war zunächst in London und Kolumbien, seit den 1980er Jahren lebt sie in New York, bei der Biennale in Venedig den Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk bekommen, 2025 mit dem Roswitha-Haftmann-Preis den am höchsten dotierten europäischen Preis für zeitgenössische Kunst. Die aktuelle Ausstellung ist ihre erste in einem italienischen Kunstmuseum. Für 2027 ist eine große Präsentation im Mailänder Hangar Bicocca geplant.
Ins Castello di Rivoli, einer seit 1984 als Museum für zeitgenössische Kunst fungierenden, nie vollendeten Barockschlossanlage, hat Vicuña als zentrale Arbeit einen ihrer „Quipus“ gehängt, eine raumeinnehmende, riesige textile Installation. Rohe weiße, ungesponnene Wolle – ein Teil davon stammt von Biellese-Schafen aus der Umgebung – über einer Konstruktion aus Bambus. Sie baumelt darüber wie ein riesiger Berg zupfeliger Wäsche. Mehr als 100 Meter des schlauchartigen Raumes der für Wechselausstellungen vorgesehenen „Manica Lunga“ nimmt die horizontale Installation ein. In der soll man – so will es die Künstlerin – Zeit verbringen, daneben und darin. Um sie sich von der Nähe anzusehen, den intensiven Geruch der Wolle einzuatmen. Man kann sie auch berühren, nur vorsichtig soll man dabei sein.
Vicuñas Quipus, abgeleitet von dem Quechua-Begriff khipu für Knoten, sind eine Neuinterpretation der Kulturtechnik antiker Andenvölker, mit textilen Knoten an Ereignisse und Geschichten zu erinnern. Eine Art von Schrift also, die von den spanischen Eroberern verboten wurde, weil sie diese nicht lesen konnten, die aber dennoch überlebte.
Seit den 1960er Jahren schon arbeitet Vicuña auf diese Weise. Im Castello di Rivoli jedoch gibt es gar nicht erst Knoten. Weniger als ums Erinnern scheint es hier ums Vergessen zu gehen. Um das bereits Verlorene, wie die aus den nahegelegenen italienischen Alpen bereits verschwundenen Gletscher.
Die Berge befragen
Dass Vicuña die Berge befragt hätte, bevor sie mit der Arbeit an der Ausstellung begonnen habe, erzählt Kuratorin Marcella Beccaria bei der gemeinsamen Besichtigung der Ausstellung. Sie hat die neu entstandenen Werke, zu denen auch ein mit zartem Bleistiftstrich vertikal auf eine Wand geschriebenes mehrsprachiges Gedicht gehört, mit solchen kombiniert, die sich mit ähnlichen Themen beschäftigen. Drei Videoarbeiten sind das etwa, die im Loop laufen, und allesamt mit Wasser oder Eis zu tun haben.
Andere Ausstellungsstücke belegen Vicuñas Verbundenheit mit dem Museum und mit Turin. In einer Vitrine liegt ein kleiner Band, den der Turiner Verlag Giulio Einaudi Editore im Jahr 1972 herausbrachte. Ein Gedicht Vicuñas, das von zwei Arten des Todes erzählt, wurde in „Giovani poeti sudamericani“ abgedruckt. Im Jahr 2000, als mit der Gruppenausstellung „Quotidiana“ der neue Ausstellungstrakt des Castellos eröffnet wurde, war sie eine der ausgestellten Künstler:innen.
Fotos verweisen darauf. Und auf eine Art auch eine Arbeit, für die sich wieder der Blick aus dem Fenster lohnt, dieses Mal zur anderen Seite hinaus. Im Außenraum, auf einem mit einer Treppe zu erreichenden Dach, wurde dort ein fragiles, prekäres Gebilde der Witterung ausgesetzt. Angeleitet von Vicuña sammelten Anwohner:innen und Studierende der Kunsthochschule Turins an nahegelegenen Flussläufen Federn, Äste, Pinienzapfen und Reste von dem, was Menschen dort zurückgelassen haben, und bastelten daraus ein Kanu. Die Form des Kanus hatte auch ihre Arbeit in Rivoli im Jahr 2000. Ob das neue die gesamte Laufzeit bis Mitte September überstehen wird? Vermutlich nicht.
Transparenzhinweis: Die Recherchen wurden unterstützt vom Castello di Rivoli.
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