Care ist der größte Wirtschaftssektor: Wirtschaft ist Windeln wechseln
Sorgearbeit steht im Zentrum jeder Ökonomie. Das legt die Politökonomin Feline Tecklenburg in ihrem Buch „Das Wir in Wirtschaft“ dar.
Foto: Fred Hüning
Was wäre, wenn wir Care, Sorgearbeit, als den Kern von Wirtschaft begreifen? Wie sähe eine Gesellschaft aus, in der Fürsorge nicht als Last begriffen wird, die man finanzieren muss? Das ist der Kerngedanke von Feline Tecklenburgs Buch „Das Wir in Wirtschaft“ und damit ist sie bei Weitem nicht allein. So ist die Politökonomin Mitbegründerin und Co-Vorständin der Denkwerkstatt „Wirtschaft ist Care“. 2015 in St. Gallen gegründet, strebt der Verein einen Paradigmenwechsel in der Wirtschaft an.
Gerade in Zeiten, in denen Teile der CDU soziale Politik als Linksextremismus diffamieren, kommt diese These aus der Wirtschaftstheorie wie gerufen. Sorgearbeit im weitesten Sinne sei nicht Last, sondern eben das Herzstück von wirtschaftlichen Zusammenleben, heißt es bei Tecklenburg.
„Menschen brauchen Sorgearbeit wie die Luft zum Atmen“, betont die Autorin und behauptet: „Synonyme für Wirtschaft sind Sorge, Fürsorge, Care.“ Ebendiese Annahme findet sich in so treffenden Überschriften wie „Wirtschaft ist Windeln wechseln“. So steht für die Wissenschaftlerin fest: Der größte Wirtschaftssektor sei nicht die Industrie, der Finanzsektor oder Dienstleistungen, nein es sei die unbezahlte Sorgearbeit.
Die ist ein Text aus der Literataz, die in der wochentaz vom 2. Oktober zur Frankfurter Buchmesse erschienen ist. Die taz wird in Frankfurt wieder live vor Ort sein, mit Lesungen, Diskussionen und natürlich dem taz-Stand. Das ganze Programm finden Sie hier. Alle Rezensionen aus der Literatz erscheinen nach und nach auf online, gesammelt finden Sie sie hier.
Denn weltweit werden jeden Tag 16 Milliarden Stunden Sorgearbeit verrichtet – unbezahlt. Wie soll es im Patriarchat anders sein? Drei Viertel dieser Arbeit erledigen Frauen. In Deutschland heißt das konkret, jede Frau leistet durchschnittlich rund 39 Stunden unbezahlte Sorgearbeit pro Woche. Arbeit, die also neben der bezahlten Erwerbstätigkeit, obendrauf kommt.
Der Mensch sei ein fürsorgliches Wesen
Während Bundeskanzler Friedrich Merz „mehr Arbeit, mehr Leistung“ für eine höhere volkswirtschaftliche Leistung fordert und damit die bezahlte Lohnarbeit meint, setzt die Idee von „Das Wir in Wirtschaft“ am anderen Ende an.
Denn der weit verbreiteten „Knappheitserzählung“ – „Wohlstand müsse erst erwirtschaftet werden, bevor er sozial gerecht verteilt werden könne“ – liege ein verzerrtes Verständnis von Care im Verhältnis zur Gesellschaft zugrunde. Der Mensch sei ein „homo curans“, ein fürsorgliches Wesen. Es gehe im gesellschaftlichen Zusammenleben nicht um noch mehr Profite, sondern um die Sorge füreinander.
Wobei in diesem Verständnis von Care alles enthalten ist, was im weitesten Sinne Fürsorge beinhaltet: die Spülmaschine einräumen, den Kindern eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen, an den Zahnarzttermin denken, die Heizkostennachzahlung überweisen.
Zoomt man aus der individuellen Ebene heraus, fällt der Blick auf gesellschaftlicher Ebene auf medizinische Versorgung, Pflege, Erziehung, Bildung, Infrastruktur. Welchen Stellenwert haben Pflegekräfte, Reinigungskräfte oder Erzieher*innen, die Müllabfuhr, Straßenreinigung und Krankenhäuser in unserer Gesellschaft? Viele eindrückliche, mitunter persönliche Beispiele gepaart mit allzu deutlichen Statistiken finden sich hinter dem auf denen ersten Blick sperrig wirkenden Titel: „Das Wir in Wirtschaft. Wer Care-Arbeit aufwertet, sichert Wohlstand und Demokratie.“
Was, wenn Wohlstand erst durch Fürsorge entsteht?
Dabei bringt das Werk von Wissenschaftlerin Tecklenburg die aktuellen Krisen von Klima, Demokratie und Wirtschaft treffend auf den Punkt und zeigt dabei höchst verständlich die theoriegeschichtliche Entwicklung der letzten Jahrhunderte auf.
Die braucht es, um zu verstehen, wie heutzutage die neoliberale patriarchale Wirtschaftslogik, unser Verständnis von Zusammenleben prägt und damit Krisen weiter vorantreibt. Doch das muss nicht zwingend so sein. Tecklenburg beschreibt den Siegeszug des heute allseits propagierten Neoliberalismus, der mittlerweile so sehr unser Denken beeinflusst, dass Macht und Profit als ökonomische Ziele unhinterfragbar zu sein scheinen.
Denn im westlichen Verständnis liegt die Idee des „homo oeconomicus“ unserem Zusammenleben zu Grunde. Größen wie Thomas Hobbes, Adam Smith, David Ricardo, Thomas Malthus bis hin zur Mont-Pèlerin-Gesellschaft ebneten dieser fatalen Logik den Weg. Höchste Zeit für ein Umdenken. Was, wenn Wohlstand erst durch Fürsorge entsteht?
Ungesehene Arbeit trägt den gesellschaftlichen Eisberg
Der Aufbau Verlag ist bekannt für linke und gesellschaftskritische Literatur. So ist das Werk von Tecklenburg hier goldrichtig. Im Grunde ist es eine gut recherchierte und klare wirtschaftstheoretische Abhandlung zum Verständnis von Arbeit. In unserer neoliberalen Welt gilt nur solche als richtig, die Profit erwirtschaftet. Wohingegen all die unbezahlten Stunden ungesehen und nicht honoriert bleiben. Dabei zeichnet die Wirtschaftstheoretikerin unter anderem das einleuchtende Bild vom Eisberg auf: Für alle sichtbar über der Wasserfläche tummelt sich alles, was wir Erwerbsarbeit nennen. Doch darunter liegt die ehrenamtliche sowie die kognitive und emotionale Arbeit. Diese ungesehene und unbezahlte Arbeit trägt den gesellschaftlichen Eisberg.
Alles in allem ist „Das Wir in Wirtschaft“ ein theoretisches und verständliches Buch, das mit alltäglichen Beispielen punktet und Lösungswege aufzeigt. In der Danksagung findet sich der Hinweis, dass Feline Tecklenberg ihr Promotionsprojekt für dieses Werk auf Eis gelegt hat. Warum eigentlich? Bei über 40 Seiten Quellenangaben, einer langen Liste an Wirtschafts- und Gesellschaftstheoretiker:innen wäre diese Arbeit auch im wissenschaftlichen Kontext sinnvoll aufgehoben. Höchstwahrscheinlich ist das Thema zu wichtig, um in den langen Reihen der Bücherregale der Universitäten zu verstauben.
Nun steht eine Lesereise an, die das Thema „Wirtschaft ist Care“ weiter in die Welt trägt. In Zeiten, in denen die Entsolidarisierung der Gesellschaft, die Profitgier von Großkonzernen und die Machtkonzentration von wenigen Ultrareichen immer selbstverständlicher werden, wäre ein radikales Umdenken wünschenswert.
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