CSD-Saison geht in Brandenburg weiter: „Der CSD in Rathenow wird in jedem Fall stattfinden!“
In Brandenburg geht die CSD-Saison nach dem Attentat in Berlin weiter. Wie ist die Stimmung im Nachbarland? Lars Bergmann von AndersARTIG gibt Auskunft.
Foto: Jeremy Knowles
taz: Herr Bergmann, Sie arbeiten für den Landesverband AndersARTIG, einen Dachverband regionaler und überregionaler Gruppen und Vereine von und für Lesben, Schwule, Bisexuelle & Trans* im Land Brandenburg. Wie ist die Stimmung nach dem CSD-Attentat in Berlin? Können Sie das einschätzen?
Lars Bergmann: Bei uns trifft sich das Brandenburg-weite CSD-Netzwerk einmal monatlich, dadurch habe ich einen relativ guten Überblick, wie es aussieht. Auf der einen Seite gibt es viel Fassungslosigkeit und Trauer. Auf der anderen aber auch eine Jetzt-erst-recht-Haltung. Die Menschen überlegen auch, was das für ihre persönliche Sicherheit bedeutet, und hier in Brandenburg bezieht sich das eher auf Übergriffe von rechter Seite. Auf der aktivistischen Ebene heißt es: Wir weichen nicht zurück, sonst haben diejenigen, die uns unsichtbar machen wollen, gewonnen.
taz: Am 29. August stehen in Brandenburg die nächsten CSDs statt, in Königs Wusterhausen und Ludwigsfelde.
Bergmann: Auf beiden CSDs liegt gerade unser Fokus. Königs Wusterhausen feiert Premiere und der CSD in Ludwigsfelde findet dieses Jahr schon zum zweiten Mal statt, da werden es im vorigen Jahr 500 bis 600 Leute gewesen sein.
taz: Was denken Sie, kommen nach dem Attentat in Berlin diesmal mehr Menschen nach Ludwigsfelde?
Bergmann: Na ja, sagen wir mal so: Ludwigsfelde und KW liegen im Speckgürtel von Berlin und ziemlich nah beieinander. Sie machen sich wegen desselben Termins wahrscheinlich ein bisschen die Teilnehmenden streitig. Ich würde schon sagen, dass es eine erhöhte Aufmerksamkeit gibt und sicherlich noch mal mehr Leute angezogen werden als ohne dieses bedauerliche und traurige Unglück in Berlin.
taz: Ich kann mir vorstellen, dass viel mehr unterstützende Queers aus Berlin und anderen Regionen anreisen, um ein Zeichen der Solidarität zu setzen, oder?
Bergmann: Wir haben eine große Solidaritätswelle aus der Hauptstadt in Richtung der ländlichen CSDs schon im vorigen und auch in diesem Jahr erlebt. Und das wird sicherlich jetzt nicht abbrechen, sondern im Gegenteil mehr werden, weil hier in Brandenburg die ersten CSDs in der Region nach dieser ganzen Tragödie stattfinden. Das wird bestimmt viele bewegen, sich in den Zug zu setzen.
taz: Am 12. September soll der CSD in Rathenow stattfinden. Dem CSD wurden Fördergelder aus einem Bundesprogramm gestrichen. Es handelt sich um eine kleine Summe von rund 2.500 Euro. Für ein Projekt wie den CSD in Rathenow ist das aber ein entscheidender Teil, der zur Finanzierung beiträgt.
Bergmann: Was heißt entscheidender Teil, für Rathenow war das alles an Förderung. Das Orga-Team in Rathenow hat das gemacht, was sie im Vorjahr auch getan haben: Sie haben einen Antrag bei der „Partnerschaft für Demokratie“ gestellt. Und plötzlich gibt es ein Nein zum Antrag.
taz: Wissen Sie, warum?
Bergmann: Der ablehnende Bescheid ist ein vorläufiger Endpunkt einer Entwicklung, die wir im Bereich der „Partnerschaften für Demokratie“ ganz allgemein sehen. Auch unser Projekt ist zu Teilen aus diesen Mitteln finanziert. Und obwohl wir den Antrag schon im letzten Jahr gestellt haben, gibt es bis heute keine Bewilligung. Das ist ein Anzeichen dafür, dass der Umbau des Bundesprogramms „Demokratie leben“ jetzt tatsächlich auch in der Fläche ankommt.
taz: Man könnte sagen, dass die Zügel angezogen werden.
Bergmann: Diese neue Ausrichtung führt dazu, dass man genauer hinguckt, was gefördert wird. Und es war schon immer so, dass politische Veranstaltungen als solche nicht förderfähig sind. Und man hat sich jetzt eben dazu entschieden, die CSDs auch als vordergründig politische Veranstaltungen zu werten, obwohl es nun mal sozusagen der Hauptausdruck der queeren Community für Sichtbarkeit ist. Das alles ist allen schon lange bekannt. Und das Ärgerliche ist aber, dass das so kurz vor dem Termin entschieden wurde. Das ist für ein ehrenamtliches Orga-Team, das sind alles Leute aus dem Kinder- und Jugendparlament in Rathenow, kaum aufzufangen.
taz: Wie ist der Stand der Dinge? Findet der CSD in Rathenow statt?
Bergmann: Der CSD in Rathenow wird in jedem Fall stattfinden! Die Rathenower haben sich an uns gewandt, weil wir in Brandenburg im letzten Jahr einen Pride-Förderfonds aus Spendenmitteln aufgelegt haben. Für genau solche Situationen. Wir können den Ausfall der Förderung also auffangen. Eine jetzt gestartete Spendenkampagne läuft ziemlich gut. Also ja, Rathenow ist gesichert. Der stand auch zu keiner Zeit wirklich infrage. Aber es ist ärgerlich, dass diese Fördermöglichkeit nun wegbricht.
taz: Ihr Landesverband AndersARTIG springt in die Bresche, das ist schön.
Lars Bergmann, Landesverband AndersARTIG
Bergmann: Wir und auch ein Stück weit das Brandenburger Sozialministerium, das einen Teil übernommen hat. Man kann sagen: Land und Zivilgesellschaft sorgen gemeinsam dafür, dass der CSD nicht ausfallen muss.
taz: Am 19. September finden gleich drei Pride Paraden statt, der CSD Oberhavel in Hennigsdorf – hier zum ersten Mal –, und der CSD Bad Belzig und der CSD Teltow-Fläming in Jüterbog. Sie sind mit allen im Gespräch. Gibt es veränderte Sicherheitsvorkehrungen?
Bergmann: Die Sicherheitsfrage beschäftigt uns schon seit vorigem Jahr, als Neonazis das Fest „Bad Freienwalde ist bunt“ überfielen. In jedem Treffen mit den Orga-Teams der CSDs ist die Sicherheit das beherrschende Thema. Jetzt noch stärker. Aber das ist letzten Endes wie immer auch eine Ressourcenfrage. Wenn man Security einkauft, kostet das richtig viel Geld, das wir alle nicht haben.
taz: Und die Brandenburger Polizei?
Bergmann: Wir haben einen ziemlich guten Kontakt zur Polizei, die das gut auf dem Schirm hat und ziemlich kooperativ ist. Man muss einerseits schauen, wie die Gefahrenlage vor Ort ist. Mit der Polizeibehörde muss man abklären, ob daraus möglicherweise zusätzliche Maßnahmen zu ergreifen sind.
taz: Und andererseits?
Bergmann: Da muss man die An- und Abreise der Demonstrierenden sichern. Und da ist nicht die Landespolizei, sondern die Bundespolizei zuständig, wegen der Schienenwege. Ein dickes Brett. Man stelle sich vor: Queers und Nazis fahren in einem Zug zur Demo beziehungsweise Gegendemo. Wir hatten das dieses Jahr in Eberswalde. Und auch letztes Jahr, als im Zug vom CSD in Bautzen zurück nach Berlin Nazis und Queere nur dank einer engagierten Schaffnerin nicht aneinander gerieten, weil sie einfach den Durchgang zwischen den Wagen zusperrte. Es liegt ja im eigenen Interesse des Zugunternehmens, dass sie an diesen Tagen auch ihre eigene Security aufstocken. Und das Thema hat nun eine ganz andere Dynamik durch die Vorfälle in Berlin bekommen.
taz: Am 18. August findet in Berlin ein großes Benefizkonzert im Gedenken an den CSD-Anschlag und für den guten Zweck statt, von Baran Kok initiiert. Braucht es solche Solidaritätsbekundungen? Oder braucht die queere Community nicht etwas ganz anderes?
Bergmann: Jede Aufmerksamkeit, die auf die Belange der queeren Communitys gerichtet ist, ist erst mal gut, weil das eben sehr oft unter den Tisch fällt. Das mag man in Berlin vielleicht nicht so wahrnehmen, aber im ländlichen Raum ist das eine ganz andere Hausnummer. Insofern ist Aufmerksamkeit total wichtig. Was es aber vor allem braucht – und das ist weniger eine Forderung an die Gesellschaft als an die Politik – ist eine glaubwürdige Haltung und Einstellung dazu, die sich in einem konsistenten politischen Handeln ausdrückt und darin, dass zum Beispiel dem queeren Netzwerk Lambda die Mittel nicht gestrichen und die „Partnerschaften für Demokratie“ geschreddert werden.
Spenden für den CSD Rathenow sind über den Landesverband AndersARTiG e. V. möglich, hier alle Informationen und Bankverbindung: andersartig.info
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