CDU-Politiker über die Wahlrechtsreform: „Eineinhalb Punkte mehr hätten gereicht“
Der CDU-Politiker Stefan Glaser hat seinen Wahlkreis Lörrach-Müllheim gewonnen. Ein Bundestagsmandat erhält er trotzdem nicht.
taz: Herr Glaser, Sie haben in Ihrem Wahlkreis 8 Prozentpunkte mehr geholt als Ihre Vorgängerin vor drei Jahren und fast 5 Prozentpunkte mehr als die CDU/CSU bundesweit. Trotzdem ziehen Sie nicht in den Bundestag ein. Wie enttäuscht sind Sie?
Stefan Glaser: Ich habe ja von Anfang an gewusst, dass das Wahlrecht so ist, wie es ist, als ich mich hier im Wahlkreis um die Nachfolge beworben habe. Ich habe das also mit einkalkuliert. Natürlich wäre ich glücklicher darüber, wenn ich heute Abend nach Berlin fliegen könnte. Aber ich bin auch nicht zu Tode betrübt. Was mich freut, ist, dass ich den Wahlkreis gewonnen habe. Ich habe ihn deutlich gewonnen.
taz: Haben Sie sich ausgerechnet, welches Ergebnis Sie gebraucht hätten, um es zu schaffen?
Stefan Glaser: Es gibt ja eine Rangliste der Wahlkreise. Danach hätten eineinhalb bis zwei Prozentpunkte mehr gereicht. Also um 35 Prozent herum.
(34) hat mit 33,2 Prozent den Wahlkreis Lörrach-Müllheim an der Schweizer Grenze als Direktkandidat der CDU gewonnen. In den Bundestag wird er trotzdem nicht einziehen, weil die CDU in Baden-Württemberg mehr Direktkandidaten hat, als ihr an Sitzen über die Zweitstimmen zustehen. Nach dem neuen Wahlrecht, das den Bundestag verkleinert hat, fallen sogenannte Überhangmandate weg.
taz: Was für eine Rolle hat Ihre Situation im Wahlkampf gespielt?
Stefan Glaser: Tatsächlich haben es viele Bürger überhaupt nicht verstanden, wie dieses neue Wahlrecht funktioniert. Ganz viele haben mir gesagt: „Das kann doch nicht sein. Dass wir dich wählen und du dennoch nicht in den Bundestag kommst.“ SPD und Grüne haben damit auch Wahlkampf gemacht. Sie haben in Social-Media-Posts behauptet, dass ich chancenlos sei und man deshalb sie wählen müsste.
taz: Weil andere Parteien, die weniger Wahlkreise gewinnen, ihre erfolgreichen Direktkandidaten sicher in den Bundestag bringen.
Stefan Glaser: Genau. Hätte der SPD-Mann oder die Kandidatin von den Grünen den Wahlkreis gewonnen, dann wären sie sicher eingezogen. Und bei mir ist es natürlich nicht so, weil die CDU fast jeden Wahlkreis in Baden-Württemberg gewonnen hat.
taz: Was bedeutet das jetzt aus Ihrer Sicht für den Wahlkreis, dass der keinen Direktkandidaten hat?
Stefan Glaser: Das ist natürlich problematisch. Der Vertreter im Bundestag ist ja extrem wichtig für eine Region. Bei uns ist es natürlich doppelt bitter, weil wir der Wahlkreis sind, der am weitesten von Berlin entfernt ist, und wir sind auch ein großer Flächenwahlkreis, den kann nicht so einfach ein anderer Abgeordneter mitbetreuen.
taz: Erwarten Sie von der neuen Bundesregierung, dass sie das Wahlrecht wieder ändert?
Stefan Glaser: Ganz klar, ja. Wir müssen das meiner Meinung nach zurückdrehen. Es ist ein redliches Ziel, die Anzahl der Sitze im Deutschen Bundestag zu reduzieren. Aber nicht auf diese Art und Weise.
taz: Wie geht es mit Ihrer politischen Karriere weiter?
Stefan Glaser: Ich bleibe der CDU als Vorsitzender des Kreisverbands Lörrach erhalten. Dadurch, dass ich den Wahlkreis gewonnen habe, bin ich ein potenzieller Nachrücker. Es kann also auch sein, dass ich innerhalb der nächsten vier Jahre noch in den Bundestag nachrücke, auch wenn das nicht sehr wahrscheinlich ist. Und ich schließe auch nicht aus, dass ich in vier Jahren noch einmal kandidieren werde. Ansonsten konzentrieren wir uns hier in Baden-Württemberg erst mal auf den Landtagswahlkampf im Frühjahr 2026.
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