Buch über gleichgeschlechtliche Liebe: Unaufgeregt different

Was bedeutete Homosexualität in der BRD? Benno Gammerl hat mit „Anders fühlen“ eine beeindruckende Emotionsgeschichte dazu verfasst.

Strassenszene mit zwei Männern, die sich in den Armen liegen

Von manchen kritisch beäugt: Christopher Street Day 1988 in West-Berlin Foto: David Baltzer

Jede Familiengeschichte ist eine prekäre Angelegenheit. Man ist bis auf wenige glaubwürdige Dokumente auf Erzählungen altvorderer Verwandter angewiesen, die einem, logisch, persönlich gefärbte Versionen auftischen, in denen das eigene (Er-)Leben im Vordergrund steht. Das Licht kommt bei dieser Form der Geschichtsschreibung meist erst mit der Erzählperson in die Welt.

Die Familiengeschichte der Schwulen und Lesben in Deutschland ist meist von Ak­teu­r*in­nen der Emanzipationsbewegungen aus den siebziger Jahren dominiert. Sie geht ungefähr so: Nach der Nazizeit lebten die Homosexuellen unter dem Joch des noch immer bestehenden Paragrafen 175 in schamvoller Unterdrückung, bis sie sich durch die Schwulenbewegung der Siebziger in stolze Schwule und Lesben verwandelten und danach, nur kurz unterbrochen durch die Aids-Krise, zu selbstbewussten Bürgern mit gleichen Rechten bzw. entpolitisierten Angepassten wurden, je nach Lesart.

Benno Gammerl, Jahrgang 1976, ist ein Nachgeborener des Geschehens. Er ist Professor für Gender- und Sexualitätengeschichte am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz. Für seine Studie „Anders fühlen“ hat er mit 32 gleichgeschlechtlich liebenden Menschen aus unterschiedlichen Mi­lieus, Religionen und Generationen Tiefeninterviews geführt – seine GesprächspartnerInnen entstammen Jahrgängen zwischen 1935 und 1970.

Gammerl hat ihren Erzählungen mit der Ambition gelauscht, eine „Gefühlsgeschichte“ zu schreiben. Und als Kind des Konstruktivismus hat er gleichzeitig versucht, nicht jeder Eigengeschichtsschreibung auf den Leim zu gehen, sondern das Erzählte mit kühlem Blick einzuordnen. Beides ist gelungen.

Ausweichen, Aufbruch, Normalisierung

Benno Gammerl gliedert die Geschichte der „Anders Fühlenden“ nach dem Zweiten Weltkrieg in drei Zeitabschnitte: Ausweichen, Aufbruch und Normalisierung – und alle drei gestalten sich bei Gammerl komplexer und widersprüchlicher als jene große Familienerzählung, die einmal im Jahr anlässlich des CSD erzählt wird.

Keineswegs seien die gleichgeschlechtlich Liebenden der fünfziger und sechziger Jahre ausschließlich gramgebeugt durch ihr Leben gehuscht – denn auch in Tanzdielen, nächtlichen Parks, öffentlichen Toiletten und den später vielgescholtenen Bars mit Klingel hätten Menschen durchaus Glück und Freude gefunden.

Und nebenbei durch geschickte Lobbyarbeit die Entschärfung des Paragrafen 175 in den Jahren 1969–1973 erreicht. Ein Erfolg nicht der „68er“, sondern der „Homophilen“, die dem Establishment sozusagen versprochen hatten, dass die Homosexuellen nach dem Ende der Unterdrückung „sittlich“ werden würden.

Der Urknall für die auch in der Szene selbst umstrittene „Homo-Ehe“? Folgt man Gammerl, hat es nie einen solch geraden, steten Pfad des Fortschritts und der Emanzipation gegeben, eher einen konstanten Strom der Ungleichzeitigkeit von Unterdrückung, Emanzipation und Normalisierung.

Nicht nur stolz und befreit

So wie die fünfziger Jahre nicht nur bleiern waren, waren in den Siebzigern nicht plötzlich alle stolz, froh und befreit: Nicht wenigen blieb ihre Angst vor Sichtbarkeit erhalten – einer der interviewten Zeitzeugen berichtet sogar, dass er seine „Tarnkappe“ bis zum Jahr 2000 aufbehalten habe. Zugleich waren die Siebziger eine Zeit der Suchbewegungen, der Entdeckung neuer Möglichkeiten, insbesondere für Frauen, die Frauen begehrten und nun etwa in feministischen Frauencafés Raum zum Austausch fanden.

Benno Gammerl: „Anders fühlen. ­Schwules und lesbisches Leben in der Bundes­republik“. Hanser Verlag, München 2021, 416 S., 25 Euro

Interessant ist auch der von Gammerl skizzierte Prozess der „Normalisierung“ mit all seinen Ambivalenzen. Konnten sich die unaussprechlichen Gefühle der gleichgeschlechtlich Liebenden in der Nachkriegszeit aufgrund der bedrohlichen Umstände oft nur abrupt und gewitterartig entladen, so entstanden im Rahmen des Emanzipationsprozesses immer klarere Vorstellungen schwuler und lesbischer Identität, die eben auch Ausschlüsse nach sich zogen.

Bisexuelle zum Beispiel oder Menschen, die neben einem wöchentlichen Besuch im Dampfbad weiterhin ein Leben mit Frau und Kind führen wollten. Kein „richtiges“ schwules Leben also. Schlimmer konnte da nur noch sein, die eigenen „Gefühle nicht ernst zu nehmen“, ein Verdikt der Achtziger.

Unterschiede bleiben bedeutsam

Die Herausarbeitung der Gefühlsgeschichte ist ein besonderes Verdienst des Buches und wirft Fragestellungen für die Gegenwart auf: Auch Benno Gammerl kann (noch) nicht sagen, wie sich nun die neue „Normalität“ für queere Menschen tatsächlich gestaltet und welche neuen (oder alten) Ängste mit ihr verbunden sind.

Für Gammerl steht jedoch fest: „Unterschiede bleiben bedeutsam, auch ohne Hierarchien“. In Anbetracht manch exzessiver aktueller Debatten um „Identitätspolitik“ kann man sich seinem Plädoyer für eine „unaufgeregte Aufmerksamkeit für das Differente“ nur anschließen.

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