Buch über Juden in Deutschland: Fremde Heimat

Tobias Freimüller dokumentiert die Widersprüchlichkeit der jüdischen Nachkriegsgeschichte in Frankfurt am Main. Das macht er umsichtig und souverän.

Politiker in einer Austtellung neben einer Menora

Ausstellung 1961 in Frankfurt/Main. Oberbürgermeister Werner Bockelmann schaut sich eine Menora an Foto: Richard Koll

„Ach hädde mer die Judde noch“, soll so mancher Frankfurter nach dem März 1944 gestöhnt haben, nachdem alliierte Bomber die Stadt am Main in Schutt und Asche gelegt hatten. Aus dem Stoßseufzer spricht eine Reue, die von schlechtem Gewissen zeugt und von der religiösen Deutung, dass die Ausbombung womöglich die göttliche Strafe für die Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung der Frankfurter Juden sei.

Frankfurt war bis 1933 für die Juden in Deutschland neben Berlin die wichtigste Stadt mit der größten Gemeinde und der sichtbarsten Präsenz, gerade auch im Bürgertum. Dass jüdisches Leben in Frankfurt heute wieder sichtbar ist, ist allerdings kein Produkt des schlechten Gewissens von 1945, sondern der Rückkehr der Geschichte in den 1980er Jahren und einer neuen selbstbewussten Rolle, die die Frankfurter Jüdische Gemeinde darin spielte. In den 1950er bis 1970er Jahren war das jüdische Leben hingegen weitgehend unsichtbar.

Das zeigt in beeindruckender Weise Tobias Freimüller in seinem Buch über die Neuanfänge und die Fremdheitserfahrungen der Juden in Frankfurt. Nach 1945 kehrte nur noch ein kleiner Rest der alten Frankfurter Juden zurück, nachdem der Oberbürgermeister Walter Kolb, einmalig in Deutschland, eine Bitte zur Rückkehr formuliert hatte.

Von ihnen war Max Horkheimer der bekannteste, während Theodor W. Adorno erst noch berühmt werden sollte – beide eröffneten das 1933 geschlossene Institut für Sozialforschung wieder. Die meisten Juden in Frankfurt waren nach Kriegsende sogenannte Displaced Persons aus Osteuropa, die in Hessen gestrandet waren und von denen einige schließlich blieben. Die Jüdische Gemeinde musste also unter dem Schutz der US-Amerikaner und der sozialdemokratischen Landes- wie Stadtregierung ganz neu aufgebaut werden.

Den Neuaufbau ausleuchten

Diese Geschichte des Neuaufbaus schildert Freimüller, stellvertretender Direktor des Fritz-Bauer-Instituts, im Wechselspiel zwischen innerjüdischen, die Community betreffenden Kapiteln und solchen, die öffentliche Vorgänge, vor allem die sogenannte deutsch-jüdische Entwicklung, ausleuchten.

Tobias Freimüller: „Frankfurt und die Juden. Neuanfänge und Fremdheitserfahrungen 1945–1990“. Wallstein Verlag, Göttingen 2020, 568 Seiten, 44 Euro

Das geschieht umsichtig und souverän, ohne dass der Autor die Ebenen und ihre Mühen meiden würde – Daten, Zahlen und Statistiken bemüht er genauso wie Lebensläufe.

Die Episoden des Buches sind von thematischen Vertiefungen bestimmt: Migrationsbewegungen und Sozialarbeit, Restitution und Reparation, antisemitische Friedhofsschändungen und „christlich-jüdische Zusammenarbeit“, Erinnerung an den Nationalsozialismus und die „negative Symbiose“ (Dan Diner) zwischen Deutschen und Juden nach ­Auschwitz, Generationenkonflikte und der säkulare Wandel der Gemeinde sowie andere neuralgische öffentlich diskutierte Streitpunkte strukturieren diese Interaktionsgeschichte zwischen Frankfurt und seinen Juden in der alten Bundesrepublik.

Freimüllers „federführende“ Perspektive ist durch Frankfurter Publizisten wie Micha Brumlik, Dan Diner oder Cilly Kugelmann geprägt, die in den 1980er Jahren die „Jüdische Gruppe“ bildeten. Diese stand abseits zur Jüdischen Gemeinde und entsprang dem Milieu der linken Protestbewegung, zu der sie infolge von problematischen Positionen gegenüber Israel oder der Auseinandersetzungen um Reiner Werner Fassbinders Theaterstück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ in Distanz geriet.

Interessante Biografien

Auch den öffentlich sichtbaren liberalen Persönlichkeiten wie Paul Arnsberg, Arno Lustiger oder Ignatz Bubis oder dem damals schrillen Bürgerschreck Daniel Cohn-Bendit hat sich Freimüller an die Fersen geheftet. Die Sichtweisen dieser engagierten Bürger und Intellektuellen, weniger die des einfachen Gemeindemitglieds prägen daher das Bild.

Da Freimüllers Hauptprotagonisten allesamt auf eine spannungs- und aufschlussreiche Vita als Zeitzeugen zurückblicken und kluge Analytiker sind, schadet diese Grundierung dem Buch, das eben keineswegs eine Gemeindegeschichte ist, natürlich nicht. Allein die atemberaubende Geschichte der Familie Cohn-Bendit, gerade die der Eltern des Daniel Cohn-Bendit zwischen Deutschland und Frankreich, hätte ein eigenes Buch verdient.

Die Ereignisse der großen Geschichte spiegeln sich in solchen außergewöhnlichen Lebensläufen, sodass der Titel auch „Die Welt, Frankfurt und die Juden“ hätte heißen können. Das hätte wiederum eine literarisch-ironische Nähe zu Fassbinders Skandalstück gehabt, das nach Freimüllers Narration das Coming-Out der Jüdischen Gemeinde provozierte, als sie 1985 die Aufführung des Lehrstücks über den jüdischen Spekulanten durch eine Bühnenbesetzung verhinderte und selbstbewusst als öffentlicher Akteur sichtbar wurde.

Die Zeit war reif dafür, denn schon im Jahrzehnt davor hatte man begonnen, die Spuren des jüdischen Frankfurts zu rekonstruieren, etwa durch das Jüdische Museum, das seit Anfang der 1980er Jahre in Planung war. 1986 baute die Jüdische Gemeinde auch ein neues Gemeindezentrum, denn „wer ein Haus baut, möchte bleiben“ (Salomon Korn) und nicht mehr wie die Generationen davor mit gepackten Koffern leben.

Eine Erfolgsgeschichte? Rein äußerlich, gewiss. Freimüller zeigt aber auch die Kosten, Nebenwirkungen, Verstörungen, Unzumutbarkeiten, die die jüdischen Frankfurter nach dem Krieg im Zusammenleben mit ihren nichtjüdischen Mitbürgern aushalten mussten. Zeitgeschichte und jüdische Geschichte sind in Freimüllers 568 gesättigten Seiten über Frankfurt und seine Juden in eine sinnvolle Verbindung miteinander getreten.

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