Buch „Nachtgedanken“ von Wallace Shawn: Der Wahnsinn der Spezies Mensch

Bittere Zeitdiagnose: Die „Nachtgedanken“ des Drehbuchautors und Schauspielers Wallace Shawn sind auf Deutsch erschienen.

Wallcae Shawn, älterer Herr im Kopfporträt

Bekennender Marxist: Wallace Shawn Foto: Jared Rodrigez

Wallace Shawn lebt ein gutes Leben. Bücher, Theater, Filme und Musik begleiten den New Yorker Schriftsteller und Schauspieler, seit er denken kann. Auch Zeit für intensive Gespräche und gutes Essen gehören zu dem Lebensstil, den der 76-Jährige seiner Herkunft aus einem kulturbeflissenen Elternhaus in Midtown Manhattan verdankt.

Zweifel am Anrecht auf die Privilegien seiner Schicht sind dennoch sein Lebensthema. Seit er als ältester Sohn von William Shawn, dem legendären einstigen Redakteur des Edelfedern-Magazins The New Yorker, von kritischen Lehrern mit Skepsis gegenüber der Wohlfühlexistenz geimpft wurde, später in Harvard Geschichte, Philosophie und Politik studierte und als Lehrer mit Armut und bewaffneten Befreiungsbewegungen im lateinamerikanischen Hinterhof der USA konfrontiert wurde, treibt ihn das moralische Dilemma um.

Von der Frage, auf wessen Rücken und mit welchen gewalttätigen Konsequenzen der Wohlstand der Weißen ausgekostet wird, handeln die meisten seiner Stücke und Drehbücher, wobei sich seine Figuren meist nur hauchdünn vom angeschlagenen Selbst ihres Autors unterscheiden.

Bekennender Sozialist und Marxist

Wallace Shawn: „Nachtgedanken“. Aus dem Amerikanischen von Joachim Kalka. Alexander Verlag, Berlin 2020, 76 S., 10 €

Shawn ist bekennender Sozialist und Marxist, ein politisch wacher Kopf, der Aufstände und Gewaltausbrüche als Klassenkämpfe wahrnimmt. Die subjektive Seite zwingt ihn, sich mitzuteilen, das flaue Bauchgefühl, dem weißen Menschenschlag anzugehören, der sich zu sehr um sich selbst dreht und eines Tages zum Abdanken und Abgeben genötigt werden wird.

„Nachtgedanken“ heißt ein womöglich bühnentauglicher Essay, den Wallace Shawn 2017 im ersten Jahr des Donald-Trump-Regimes schrieb, ohne ihm mehr als die Nebenbemerkung über die „verrückte Obsessivität“ seines Gesichts zu gönnen. In kaum weniger krisenhaften Zeiten ist der Text jetzt als handliche Taschenbuchlektüre, von Joachim Kalka flüssig übersetzt, im Berliner Alexander Verlag erschienen, wo zuvor auch Shawns Stück „Das Fieber“ und sein berühmtes Drehbuch zu Louis Malles Film „Mein Essen mit André“ erschienen ist.

„Nachtgedanken“ ist die sinistre Kopfreise eines unschwer als der Autor kenntlichen Ich-Erzählers, der seine bittere Zeitdiagnose ein weiteres Mal zuspitzt. Wie in dem „Fieber“-Monolog, in dem ein nervöser Weltbürger in Lateinamerika zwischen die Fronten von Aufständischen und der brutalen Staatsgewalt gerät, führen auch Shawns „Nachtgedanken“ den Gemütszustand eines politisch wachen Zeitgenossen vor, der über seine Albträume nachgrübelt, von Nachrichtenbruchstücken und Fernsehbildern verfolgt wird und die darin sichtbare reale Gewalt reflektiert.

Shawn setzt auf rhetorisches Understatement

Der „Wahnsinn“ der Spezies Mensch, die den Planeten zerstört, „beunruhigt“ ihn. Shawn zieht rhetorisches Understatement vor und erreicht damit eine umso größere Intensität. Auch die moralischen Maßstäbe seiner elterlichen Erziehung „beunruhigen“ ihn, das ständige „pling pling“ von „recht“ und „falsch“ hat ihm Schuldgefühle eingeimpft, obwohl er sich als „sozialer Absteiger“ vom Upper-Class-Gehabe der Elterngeneration emanzipierte.

Autobiografisches deutet Shawn nur an. Voyeuristische Blicke hinter die Fassade überließ er seinem jüngeren Bruder, dem Komponisten Allen Shawn, der das Doppelleben des Vaters mit einer anderen Frau in seinen Memoiren aufdeckte, ebenso das Verschwinden einer autistischen Schwester, die die Eltern im Heim unterbrachten und nie wieder erwähnten.

Kult wurde Wallace Shawn mit dem Film „Mein Essen mit André“, seinem hinreißenden Streitgespräch mit dem Theatermann André Gregory, das Louis Malle 1981 nach Shawns Drehbuch in einem New Yorker Restaurant inszenierte. Shawn verkörpert sich selbst als erfolgloser Stückeschreiber, der sich vehement zum Bleiben und Weitermachen bekennt, während der Broadway-Regisseur André Gregory vom Aussteigen schwärmt.

Inzwischen ein gefragter Sidekick in Film und Serien

Was war „richtiger“, Gregorys Pilgerreise zu den bizarren Ritualen des polnischen Theatergurus Grotowski oder Shawns Beharren auf dem künstlerischen Stoff, der um die Ecke im eigenen Quartier zu finden ist?

Ironie der Geschichte: Shawn startete nach diesem Meisterstück und seiner Hauptrolle in Louis Malles „Vanya auf der 42. Straße“ eine Schauspielkarriere. Mit Glatze, „funny Face“ und unverwechselbaren Lispeln wurde seine rundliche Erscheinung in mehr als sechzig Filmen und Serien ein gefragter Sidekick. Das sichert bis heute den künstlerischen Spagat als Autor ab.

Bücher lesen und „glücklich sein“ war sein Jugendtraum. Heute provoziert er die „Glücklichen“, zu denen er sich zählt, nennt die Zivilisation vulgo Kapitalismus, Konsumismus und Waffengewalt ein Konstrukt aus Privilegien, das vergessen macht, dass Bildung, Kultur, Demokratie, „nette Familien“ und Alltagsbehaglichkeit der Armut und Ungleichverteilung dieser Welt geschuldet sind. Aus der Sicht eines Mannes, der sich des kommenden Endes der weißen Dominanz bewusst ist, legt er seine Ängste offen, ohne ins Lamento zu verfallen.

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