Buch „Lecker-Land ist abgebrannt“: Immer wieder Zucker, Zucker, Zucker

Der taz-Autor Manfred Kriener schildert im Buch „Lecker-Land ist abgebrannt“ Probleme des heutigen Ernährungssystems, auch die der Bio-Branche.

Ein benutzter Teller mit einem Löffel darauf.

Beim Essen rät Manfred Kriener dazu, nach Möglichkeit selbst zu kochen Foto: Ian Nolan/plainpicture

Dass Manfred Kriener jemand ist, der gewinnend und lebendig formuliert, weiß ich spätestens, seit ich ihn im Rahmen meines Engagements für den Verein Slow Food kennengelernt habe. Er war damals Chefredakteur des Slow Food-Magazins, ich einfach nur Vereinsmitglied. Seitdem schätze ich ihn und seinen kritischen Geist sehr.

Leider ist unser Kontakt irgendwann eingeschlafen, und umso mehr habe ich mich gefreut, als mich Freunde auf sein neues Buch „Lecker-Land ist abgebrannt“ aufmerksam gemacht haben. Spannend wie ein Krimi liest es sich, was (leider) nicht bedeutet, dass die darin beschriebenen Zustände frei erfunden sind.

Wer sich von dem Buch allerdings plakative Botschaften à la „alle Fleischesser sind schlechte Menschen“ erhofft, wird enttäuscht werden. Auf 238 Seiten beschreibt Kriener sachlich, aber pointiert und mit viel Humor die Höhen und Niederungen der Ernährungstrends, die unsere heutige Zeit zu bieten hat.

Was mich – die sich schon berufsbedingt viel mit den Auswirkungen unseres Ernährungssystems beschäftigt – am meisten gepackt hat, sind die vielen gut recherchierten Fakten zu unserem Essen und unserer Esskultur. Die manchmal schon fast religiösen Züge der Veganer-Bewegung werden dabei ebenso unter die Lupe genommen wie die krankmachenden Konsequenzen eines scheinbar nicht enden wollenden Fleischhungers.

Manfred Kriener: „Lecker-Land ist abgebrannt. Ernährungslügen und der rasante Wandel der Esskultur“. Hirzel Verlag, Stuttgart 2020, 238 Seiten, 18 Euro

In den insgesamt elf Kapiteln seines Buches behandelt Kriener so ziemlich alles, was auf unsere Tische kommt: pflanzliche Fleischersatzprodukte, zelluläre Hackbraten, Putenbrust von überzüchteten Tieren der Rasse „B.U.T. Big 6“, verlauster Lachs und immer wieder Zucker, Zucker, Zucker. Die fatalen Zustände, die in vielen Ställen herrschen, sind längst kein Geheimnis mehr.

Das Thema Ernährung ist heute so präsent wie nie zuvor

Auf detaillierte Beschreibungen von Spaltböden und wenig artgerechten Haltungsmethoden verzichtet Kriener deshalb. Stattdessen lenkt er unseren Blick auf die ökologischen, ökonomischen und gesundheitlichen Folgen eines Fleischkonsums, der mit rund 1.100 Gramm pro Person und Woche deutlich über den Empfehlungen der FAO oder der Deutschen Gesellschaft für Ernährung liegt.

Auch die Bio-Branche entpuppt sich bei einem genaueren Blick häufig allein als „das kleinere Übel“. Paradoxerweise trägt gerade der Erfolg des ökologischen Landbaus dazu bei, dass sich einige Entwicklungen der konventionellen Landwirtschaft und die damit einhergehenden Probleme zu wiederholen scheinen. Großbetriebe mit mehr als 30.000 Hennen, das will nicht so ganz zu unserem Bild vom glücklichen Bio-Huhn passen.

Aus meiner Sicht etwas zu kurz kommt in „Lecker-Land ist abgebrannt“ das Thema Klimawandel. Zwar beschreibt der Autor an vielen Stellen die Auswirkungen, die unsere Ernährung auf das Klima hat. „Unbestritten ist, dass unsere Ernährungsgewohnheiten einen wesentlich größeren Einfluss auf das globale Klima haben als lange angenommen“, heißt es etwa. Gerade deshalb hätte dem Klimawandel allerdings ruhig ein eigenes Kapitel gewidmet werden können. Aber es gibt ein solches zum Thema Wein – auch nicht uninteressant.

Dass unser heutiges Ernährungssystem nicht gesund ist, weder für uns noch für unseren Planeten, wird einem bei der Lektüre von Krieners Buch jedenfalls schnell deutlich.

Weitreichende Folgen fürs Klima

Auch die Europäische Kommission hat dies erkannt und kürzlich mit der Strategie „Vom Hof auf den Tisch“ erstmals ein umfassendes Papier vorgelegt, das sich mit dem gesamten Ernährungssystem – von der Landwirtschaft über die Herstellung, die Verarbeitung, den Handel bis zu den Endkonsumenten – beschäftigt. Und in meinem Ministerium arbeitet seit Mitte Mai 2020 ein eigenes Referat „Umwelt und Ernährung“ ausschließlich zu Fragen der nachhaltigen, umweltverträglichen Ernährung.

Das Bewusstsein für die weitreichenden Folgen der Lebensmittelherstellung für Klima und Umwelt ist inzwischen auch in den Köpfen vieler Konsumentinnen und Konsumenten angekommen, auch deshalb ist das Thema Ernährung heute so präsent wie nie zuvor. Es gibt unzählige Kochshows, Foodblogs, Ernährungsmessen, Kochbücher und Ratgeber. Letztendlich führt dies bei vielen vor allem zu Verunsicherung. Was kann man heute überhaupt noch essen, wenn man sich gesund, umweltbewusst und genussvoll ernähren will?

Manfried Kriener versucht bewusst nicht, diese Frage zu beantworten. Vielmehr gibt er den Leserinnen und Lesern das Rüstzeug an die Hand, sich selbst eine Meinung zu bilden. Ein Ratgeber soll sein Buch nicht sein. So gibt es am Schluss auch nur eine einzige Empfehlung: „Kochen Sie selbst so oft wie möglich, meiden Sie jeden Industriefraß, misstrauen Sie den Fertiggerichten der Ernährungskonzerne.“

Die Autorin ist seit 2018 Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit.

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