Bremen eröffnet neues Drogenhilfezentrum: Raus aus dem Container
Für Suchtkranke bündelt die Stadt Beratung, Konsumräume und Medizin in einem neuen Zentrum. Jahrelang gab es nur ein Provisorium.
Ende März ist Schluss mit dem Provisorium. Dann eröffnet in der Bremer Friedrich-Rauers-Straße 22 am Hauptbahnhof ein neues integriertes Drogenhilfezentrum. Mit dem Umzug in eine umgebaute Lagerhalle endet die Containerlösung auf dem angrenzenden Parkplatz des Jakobushaus. Ziel ist es, die Betreuung suchtkranker Menschen deutlich zu verbessern und zugleich das Bahnhofsumfeld zu entlasten.
Die Bauarbeiten begannen im Oktober 2024 und wurden nach rund eineinhalb Jahren abgeschlossen. Auf 840 Quadratmetern sind jetzt erstmals verschiedene Hilfsangebote unter einem Dach gebündelt: das Kontakt- und Beratungszentrum (KBZ), eine medizinische Ambulanz sowie ein Tagesaufenthalt mit Beratungsangebot.
Der Unterschied zur bisherigen Versorgung in Containern ist erheblich. Statt sieben Konsumplätzen stehen nun 20 zur Verfügung, jeweils zehn für intravenösen und inhalativen Konsum.
Deutlich verbessert und funktional durchdacht
Auch die räumlichen Bedingungen haben sich deutlich verbessert: Neben Konsumräumen gibt es Aufenthaltsbereiche, ein Café, Ruhezonen sowie Angebote wie Duschen, Waschmaschinen, Kleiderkammern und die Ausgabe sauberer Konsumutensilien. Insgesamt wurden rund 3,6 Millionen Euro investiert.
Das Zentrum ist in drei Bereiche gegliedert. Im ersten Modul befinden sich die Konsumräume, Liegeräume und die medizinische Ambulanz. Hier erfolgt auch die Erstaufnahme. Geschultes Personal und medizinische Fachkräfte sind vor Ort.
Das zweite Modul besteht aus einem großen Aufenthaltsbereich mit Küche und Café, in dem täglich Getränke und kleine Mahlzeiten ausgegeben werden. Angrenzend befinden sich Beratungsräume sowie eine Kleiderkammer mit Spenden.
Eine Nutzerin
Im dritten Modul liegen die Substitutionsräume. Ergänzt wird dieser Bereich durch eine offene Fläche für Gruppenangebote, etwa geschützte Angebote für Frauen oder Programme für Eltern. Perspektivisch sind weitere Kooperationen geplant, beispielsweise mit gynäkologischer Betreuung.
Die neue Einrichtung ist funktional durchdacht: barrierefrei, übersichtlich gestaltet und auf Notfälle vorbereitet. Große Orientierungssymbole erleichtern die Nutzung, zentrale Flächen ermöglichen schnelle Hilfe im Ernstfall.
Hohe Nachfrage schon im Provisorium
Wie groß der Bedarf ist, zeigen die Zahlen aus dem bisherigen Betrieb: Seit Eröffnung der Container wurden weit über 1.000 Erstgespräche geführt. Im Jahr 2024 verzeichnete die Einrichtung 15.503 Konsumvorgänge, das entspricht durchschnittlich 1.292 pro Monat. Im Schnitt nutzten 755 Menschen monatlich das Angebot.
2025 sank die Zahl auf 12.932 Konsumvorgänge beziehungsweise 1.078 pro Monat bei durchschnittlich 598 Konsumierenden. Der Rückgang ist laut Betreibern vor allem auf eingeschränkte Öffnungszeiten zurückzuführen – etwa durch krankheitsbedingte Ausfälle beim Personal oder witterungsbedingte Probleme wie eingefrorene Wasserleitungen im Winter.
Trotzdem ist die Bindung hoch: Über 90 Prozent der Nutzenden kehren regelmäßig zurück, die Fluktuation ist gering. Viele haben lange auf das neue Zentrum gewartet und reagieren entsprechend positiv. Eine Konsumentin im ehemaligen Container beschreibt es so: „Ich kann es gar nicht fassen, dass wir jetzt ein richtiges Haus bekommen mit so viel Unterstützung. Da fühl ich mich sicherer und muss keine Angst haben.“
Genau hier setzt das neue Zentrum an. Es soll verlässlicher laufen, wetterunabhängig sein und mehr können, als bloß Konsum ermöglichen. Sozialarbeiter:innen sprechen mit den Menschen über risikoärmeren Konsum, vermitteln in Therapie, in die Wohnungslosenhilfe, in andere Hilfesysteme. Niedrigschwellig heißt hier: kommen können, ohne sich erklären zu müssen.
In der Eröffnungsrede war es Albrecht wichtig, den Zustand der Konsument*innen zu betonen: „Es geht um eine Erkrankung und nicht um Willensschwäche.“ Vor Ort sehen die Mitarbeiter*innen den Menschen und nicht nur den Drogenkonsum.
Verbesserte Abläufe und längere Nutzungszeiten
Auch organisatorisch bringt der Neubau Vorteile. Die Öffnungszeiten bleiben ähnlich, werden aber stabiler angeboten: täglich von halb 10 bis 14 Uhr und von halb 3 bis 18 Uhr, mit angepassten Zeiten am Donnerstag. Für den Betrieb sind mindestens zwölf Mitarbeitende, Sicherheitskräfte und medizinisches Personal erforderlich.
Langfristig sehen die Betreiber weiteren Bedarf, etwa für längere Öffnungszeiten oder zusätzliche Schutzräume für Frauen. Gleichzeitig wird erwartet, dass die neuen Kapazitäten mehr Menschen erreichen und die Situation rund um den Bahnhof entspannen.
Das neue Zentrum ist damit mehr als ein Ortswechsel. Es ist der Versuch, Drogenpolitik aus dem Provisorium zu holen. Ob das reicht, wird sich zeigen. Dass die Containerlösung keine Zukunft hatte, war jedenfalls längst klar.
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