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Bremen erinnert an den Genozid„Gedenken braucht Wissen“

Bremen erinnert an den Völkermord an Nama und Herero vor 120 Jahren. Silke Seybold erklärt, wie das Übersee-Museum mit seinem Erbe aus der Kolonialzeit umgeht.

Interview von

Benno Schirrmeister

taz: Frau Seybold, wieso ist ein in den Kolonialismus verstricktes Museum die richtige Institution, sich am Gedenktag für den Völkermord an Ovaherero und Nama zu äußern?

Silke Seybold: Ich denke, es ist gut, wenn sich dazu von vielen Seiten Stimmen erheben, auch die des Museums, in dessen Magazin nun mal die Gegenstände lagern, die Zeugen und Quellen sind für das, was damals passiert ist.

taz: Sie erinnern an die vernichteten Völker?

Gedenkveranstaltung

Gedenken an die Opfer der Schlacht von Ohamakari und des Völkermords in Namibia 1904–1908, Antikolonialismus-Denkmal, Nelson-Mandela-Park, Bremen, Dienstag, 11. 8., 17 Uhr.

Seybold: Also eine Nama-Sammlung in engerem Sinne haben wir nicht, abgesehen von historischen Fotografien.

taz: Warum?

Im Interview: Silke Seybold

Jahrgang 1969, ist Ethnologin seit 2003 Kuratorin der Sammlung Afrika am Übersee-Museum Bremen.

Seybold: Offenbar hatte die damalige Museumsleitung auf die Nama keinen Blick geworfen. Was wir hatten, waren Dokumente von Hendrik Witbooi…

taz: … dem Nationalhelden des heutigen Namibia, der seit der Unabhängigkeit auf Geldnoten abgebildet ist. Sind die nicht im Nationalarchiv in Windhoek?

Seybold: Ja, die wurden 1996 zurückgegeben. In unserer gegenständlichen Sammlung betreuen wir dagegen etwa 300 Artefakte aus der Kultur der Herero. Da untersuche ich, wie sie hierhergekommen sind, natürlich mit dem Wissen von dem, was 1904 am Waterberg passiert ist und was die Folgen waren: Nach den Kämpfen, der Vertreibung in das wasserlose Sandfeld der Omaheke und Jahren in Konzentrationslagern waren 80 Prozent der Herero tot. Als die Überlebenden entlassen wurden, war nichts mehr übrig von ihrem früheren Leben. Man konnte nicht mehr mit seinen Rindern über die Weiden ziehen. Es gab noch nicht einmal mehr die traditionelle Kleidung. Deshalb ist es wichtig zu fragen, wie unsere Sammlung entstanden ist.

taz: Wie ist sie entstanden?

Seybold: Der damalige Direktor, Hugo Schauinsland, hat früh geahnt, dass sich im heutigen Namibia etwas Einschneidendes ereignete. Deshalb hat er entschieden, die Kultur der Herero im Museum auszustellen – und, weil 1904 noch fast keine Gegenstände der Herero im Museum waren, eine lebensgroße Figurengruppe aus Gips bestellt, die das Leben der Herero darstellen sollte.

taz: Klingt nach Völkerschau.

Seybold: Genau! So nenne ich die auch immer – eine eingefrorene Völkerschau, die derart falsch inszeniert wurde, dass man sich noch heute dafür schämt. So sieht man auf den fotografischen Vorlagen der Figuren die wunderbare Lederkleidung der Herero-Frauen. Aber in der Ausstellung saßen sie jahrzehntelang fast nackt herum: Das Museum hatte nichts, um sie anzuziehen.

taz: Und die Artefakte?

Seybold: Bei denen hatte man auch das Problem, dass nichts mehr da war, als man mit dem Sammeln beginnen wollte. Am Ende hat ein Missionar den Kontakt zu einem alten Menschen hergestellt, der die verschwundenen Dinge nachmachen konnte. Der hat einen großen Teil der frühen Herero-Sammlung des Museums, Töpfe, Milchschüsseln, viele Holzsachen, angefertigt.

taz: Dann ist da die Herkunft mal unproblematisch.

Seybold: Man muss allerdings auch kritisch auf die Eingänge schauen, die in den 1950er Jahren ans Haus kamen, insbesondere aus Ludwig Roselius' privatem Kolonialmuseum in der Böttcherstraße, das damals aufgelöst wurde. Das war natürlich lange nach dem deutschen Kolonialismus.

taz: Aber in dessen Hochphase war sie doch zusammengetragen worden?!

Seybold: Genau. Es ist also entscheidend, Bestände nicht nur auf die Frage abzuklopfen, wann das Museum sie erworben hat. Es hat uns auch zu interessieren, woher sie stammen. Wir müssen den Gegenstand bis zu dem Moment zurückverfolgen, in dem er aus seinem ursprünglichen Kontext entfernt wurde.

taz: Ist das möglich?

Seybold: Es ist schwierig: Der Kolonialzeit ist immanent, dass man Namen nicht notiert, sich für die konkrete Person nicht interessiert hat, der ein Gegenstand gehört hat. Mit Glück steht da dann in den Akten „Herkunft: Herero“. Für uns heißt das, wir müssen weiter hinschauen, weiter forschen, weil das Gedenken Wissen braucht. Es ist nötig, um das Trauma zu bearbeiten, das bis heute nachwirkt. Darin liegt unsere Verantwortung.

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