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Bonusfolge von Stranger Things?Lukratives Spiel mit der Hoffnung

Klaudia Lagozinski

Kommentar von

Klaudia Lagozinski

Was der Hype um eine vermeintliche Bonus-Episode mit Marktmanipulation zu tun hat. Oder wie nennen wir’s, wenn 15 Millionen Dollar umgesetzt werden?

Willst du wetten oder was!? Cast von Stranger Things Foto: picture alliance/dpa/Netflix

D en Hype um eine mögliche Bonusepisode von Stranger Things mitbekommen? Nein? Gut.

War auch nur ein Gerücht.

Eines, das viele Fans glauben wollten, aus zwei Gründen: Sie wollten nicht, dass Stranger Things endet, und sie wollten nicht, dass die Netflix-Serie so endet, wie es eben nun geendet hat (Vorsicht, Spoiler).

Mit viel Happy End für die meisten und einer Hoffnung, doch keiner Bestätigung, dass „Eleven“, die Protagonistin, noch lebt. Insbesondere die fünfte Staffel der Serie hatte die Fans mit zahlreichen Plottwists beschert. Da lag die Vermutung nahe, dass die Handlung im Staffelfinale nur eine Illusion des Bösewichts „Vecna“ ist und die Charaktere ihn weiterhin besiegen müssen und in seinen Gedanken feststecken. Die Fans fanden angebliche Indizien dafür, dass die neunte Folge demnach am 7. Januar online gehen wird.

Alles war ein Zeichen

Im Netz tauchten Countdowns auf, angeblich von Netflix, tatsächlich von Menschen, die entweder die Fangemeinde täuschen wollten oder selbst Fan und Glaubende waren. Dann schrieb Netflix in seine X-Biografie: „All Stranger Things Episodes are out“, die Countdowns liefen ab, der 7. kam und ging und die Enttäuschung war groß.

Knapp zehn Jahre sahen die Fans ihre Lieblinge auf den Bildschirmen zu jungen Erwachsenen heranreifen. Coming-of-Age mischte sich mit einer einzigartigen Story und viel Nostalgie. Selbst wenn das Serienfinale perfekt gewesen wäre, hätten auch dann nicht alle Fans wahrhaben wollen, dass nun wirklich Schluss ist. Das bot perfekten Nährboden für Hoffnung, die in einem kollektiven Wahn mündete.

Kommt sie oder kommt sie nicht? Diese Frage stellten sich Fans der Netflix-Serie daraufhin in den letzten sieben Tagen. Unter dem Hashtag „Conformity Gate“ tauschten sie fleißig Theorien aus, die angeblich auf eine geheime Bonusfolge hindeuteten.

Die Staffel und insbesondere die letzte Folge wurden seziert. Es kursierten Mind-Maps mit vermeintlichen Belegen. Jedes Detail wurde unter die Lupe genommen. Alles war ein Zeichen – Handpositionen, Bücher, leere Poster, Frisuren –, alles hatte Bedeutung. Die Schwarmintelligenz verfiel einem Wahn.

Wetten auf Maduro

Schon beim Start der fünften Staffel und bei der Veröffentlichung des echten Finales, Folge 8, stürzte Netflix kurzzeitig ab, weil zu viele Menschen gleichzeitig schauen wollten. Und auch am 7. Januar crashte die Streaming-Plattform dann kurzzeitig – diesmal nicht wegen eines Release, sondern wegen eines Social-Media-Gerüchts. Eines, das für einige übrigens ziemlich lukrativ gewesen sein muss.

Denn insgesamt wurden auf die Ja/Nein-Wette, ob eine neue Folge der Serie am 7. Januar kommt, 15 Millionen US-Dollar auf der Krypto-Wettplattform Polymarket umgesetzt. Auf der seit der US-Wahl 2024 bekannten Online-Wettplattform kann auf so ziemlich alles gewettet werden. Jedoch gibt es bei dieser Art Wetten ein Problem: Insiderwissen. Das Problem brachte das Phänomen Gesellschaftswetten und Polymarket diese Woche schon in die Medien: Jemand soll sich dank Insiderwissen zu Maduros Festnahme um 400.000 US-Dollar bereichert haben.

Doch ebenso wusste jede und jeder, der am Set von Stranger Things mitgearbeitet hat, ob die Serie abgeschlossen ist oder ob Netflix noch etwas im petto hat. Theoretisch könnte auch jemand, der Algorithmen und die Dynamik von Social Media versteht, so ein vermeintlich „harmloses“ Gerücht einer Bonusfolge in die Welt setzen, im Internet verbreiten und früh eine Wette platzieren, wissend, wie sie ausgehen wird. Der ultimative Easy Money Hack! In Deutschland aber verboten – hier darf nur auf Sport gewettet werden.

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Ob eine der Personen, die Hunderttausende US-Dollar gegen das Erscheinen der Folge gesetzt hat, möglicherweise auch das Gerücht an sich in die Welt gesetzt hat? Natürlich auch nur eine Theorie. Sie zeigt jedoch, dass es im Netz Bereiche gibt, die ausgenutzt werden können. Bereiche, in denen diejenigen, die das Spiel hinter dem Hype verstehen, Profit schlagen könnten. Und da der kollektive Wahn um eine Bonusepisode zwar abgeebbt, aber noch nicht vollständig aus Social Media verschwunden ist, kann man auf der Kryptoplattform nun darauf wetten, ob Stranger Things am 31. Januar weitergeht.

Wer letztendlich davon profitiert? Auf jeden Fall nicht die Fans, die sich nicht nur weiterhin „Conformity Gate“, sondern vor allem einem „Conformity Bias“ hingeben.

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Klaudia Lagozinski
Nachrichtenchefin & CvD
Immer unterwegs. Schreibt meistens über Kultur, Reisen, Wirtschaft und Skandinavien. Meistens auf Deutsch, manchmal auf Englisch und Schwedisch. Seit 2020 bei der taz. Master in Kulturjournalismus, in Berlin und Uppsala studiert. IJP (2023) bei Dagens ETC in Stockholm.
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