Böllern, Merz, ADAC und Trump: Geistige Flachzünder gibt's überall
Die Sehnsucht nach dem großen Knall schwelt nicht nur an Silvester, grüne Ziele werden für den ADAC zur Pannenhilfe und dem Völkerrecht ist schlecht.
t az: Herr Küppersbusch, was war schlecht letzte Woche?
Friedrich Küppersbusch: Dem Völkerrecht.
taz: Und was wird besser in dieser?
Küppersbusch: Grönland hat kein Öl.
taz: Thema Böllern – hat die diesjährige Silvesternacht da neue Erkenntnisse gebracht?
Küppersbusch: Rohes Neues! Die traditionellen Kreuzberger Maikrawalle sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Um die Wunde in den Finger zu legen: Gewaltbereites Anballern gegen jede vermeintliche Autorität ist kein linkes Privileg mehr, und wer das bescheuert findet, kann in Betracht ziehen, dass es das schon immer war. Geistige Flachzünder mit oder ohne ideologischer Tapete gibt's überall, sie sehnen ein Böllerverbot herbei, ums dann erst recht krachen zu lassen. Lasst sie uns bestrafen und liberal bleiben.
taz: Das Bürgergeld heißt jetzt „Grundsicherung“. Und Friedrich Merz hat fürs neue Jahr schon weitere Reformen angekündigt. Wann hat das Wort „Reform“ eigentlich seinen guten Ruf verloren?
Küppersbusch: Statt des „Herbsts der Reformen“ erleben wir das Gegenteil – den Herbst der Reformen. Eher sogar ihren grimmigen Winter: Dieses kleinteilige Herumschrauben an kaum spürbaren Verbesserungen erstickt an der schwelenden Sehnsucht nach dem großen Knall. „Disruption“, Abriss, alles auf Anfang. Die Grundannahme, das System sei schon okay, wenn man es warte und pflege, scheitert an Wohnungsnot, Alters- und Kinderarmut, Zukunftsängsten, und die Bahn ist ja auch im Arsch. All diese Missstände hießen in ihrer Kindheit auch mal „Reform“, etwa die Agenda-Politik und die „Liberalisierung des Marktes“. Dabei waren sie selbst Disruptionen – also Reformen für Dumme.
taz: Neun von zehn Haushaltshilfen werden schwarz beschäftigt – ist das irgendwie zu rechtfertigen?
Küppersbusch: Nein. Es ist ungefähr dieser Klick: https://www.minijob-zentrale.de/DE/home. Und dann ist die Sache ziemlich unbürokratisch legal. Dass in der Branche trotzdem über 8 Milliarden Euro illegal umgesetzt werden, deutet auf einen Mangel an Haushaltshilfen, die mal vorbeikommen und das mit den Haushaltshilfen besser erklären.
taz: ADAC-Verkehrspräsident Gerhard Hillebrand spricht sich für höhere Spritpreise aus – als Hebel im Kampf gegen die Erderwärmung. Seitdem toben vermeintliche Mitglieder in sozialen Medien und die Boulevard-Presse. Was halten Sie von Hillebrands Vorstoß?
Küppersbusch: Seit 2020 lehnt der ADAC ein Tempolimit nicht mehr grundsätzlich ab, sondern bezeichnet sich als neutral. Seither hat er eine Million Mitglieder hinzugewonnen. Ätsch, Auspuffsekte. Offenbar ist den über 22 Millionen Clubmitgliedern klimagerechte Mobilität wichtiger, als wer hinten am meisten rausstinkt, Hillebrandt wäre also einfach ein cleverer Mitgliedswerber. Der Verbrennergewerkschaft wenigstens grüne Ziele aufzustecken, ist ja auch eine Form von Pannenhilfe.
taz: Der linksliberale österreichische Journalist Armin Wolf hat eine neue Aufgabe im ORF. Künftig spricht er im Ö1-Radio einmal monatlich ausführlich mit „klugen Menschen abseits der Tagespolitik“. Werden Sie mal reinhören?
Küppersbusch: Auch ARD-„Tagesthemen“ und ZDF-„heute journal“ podcasten, Armin Wolf tritt einem ModeratorInnenkreis eines bestehenden Ö1-Formats bei. Bemerkenswert ist das Attribut „linksliberal“ für einen Journalisten, der eine schwere Kindheit hatte – in der „Schüler-Union“ und „Jungen Volkspartei JVP“, vergleichbar den Jugendgliederungen der Union hier. Mit 18 trat er aus, um Journalist sein zu können, nahm jedoch mit, „wie Politik an der Basis funktioniert“. In Österreich offenbar inzwischen so, dass ein herausragender und unparteilicher Kollege als „linksliberal“ wegsortiert wird.
taz: In Iran wird wieder massenhaft gegen das Mullah-Regime protestiert. Eine neue Chance auf einen Machtwechsel in dem Land?
Küppersbusch: Stellt Trump hier jetzt die Fragen? Okay, dann antwortet Netanjahu: Er gratuliert zur „mutigen und historischen Führungsrolle“ beim Bruch des Völkerrechts in Venezuela. Sein Diaspora-Minister Chikli spitzt zu – der Fremdputsch sei „eine klare Botschaft an Chamenei“ im Iran. Das Land liegt auf Platz 3 der größten Erdölreserven der Welt, hinter Platz 1 Venezuela – erledigt, und Platz 2 Saudi-Arabien – Kumpels. Deutschland taucht auf der Liste nicht auf, doch auch wir werden uns erklären müssen, warum wir den USA Nord Stream 2 gestohlen haben.
taz: New York hat nun offiziell einen neuen Bürgermeister. Der Sozialist Zohran Mamdani wurde an Neujahr vereidigt. Hätten Sie Ihn gewählt?
Küppersbusch: Mamdani beherrscht Social Media, ist eher Graswurzel- denn Oligarchen-finanziert und mit linken Positionen ein attraktives Tool für Trump, die Democrats zu spalten. Schwierige Mission oder sagen wir mal so: In Berlin regiert Kai Wegner.
taz: Und was macht der RWE?
Küppersbusch: Für 1190 € kann man das Team von heute bis zum 11. 1. nach Antalya begleiten, Fanschal, Gruppenfoto, Elfer gegen den Keeper und Grill-Abend inklusive. Wintertrainingslager, wir wollen Fans in Topform für die Rückrunde.
Fragen: tba, waam
Friedrich Küppersbusch ist Journalist, Produzent und nach Diktat verreist…
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert