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Bob, der Brückenbaumeister?

Papst Leo XIV. ist der erste US-Amerikaner auf dem Heiligen Stuhl – und äußerst kritisch, was Trumps Politik angeht. Sogar erzkonservative Bischöfe in den Vereinigten Staaten schließen sich seinem Kurs jetzt an

Der Pontifex maximus auf diplomatischer Mission, hier im Libanon: Bob Prevost aka Leo XIV. Foto: Marek Ladzinski/Zuma Press Wire/dpa

Von Stefan Hunglinger

Louis Prevost, 74, ist ein glühender Fan Donald Trumps. Der Veteran aus Florida durfte den US-Präsidenten sogar schon persönlich treffen. Sein kleiner Bruder aber, Robert Prevost, genannt Leo XIV., will ein konservatives Gegengewicht zu Trump sein. In Sachen Geopolitik. In Sachen Migration. „In diesem Punkt haben wir unterschiedliche Meinungen“, sagte Louis Prevost einmal.

Papst Leo spricht überlegter als sein großer Bruder, als sein quasilinker Vorgänger Franziskus und definitiv besonnener als Trump. Die Botschaft des Oberhaupts von 52 Millionen erwachsenen US-Ka­tho­lik:in­nen aber ist deutlich – und mehr und mehr US-Bischöfe stellen sich hinter sie. Amerikas „moralische Rolle im Kampf gegen das Böse auf der Welt“ stehe infrage, schrieben am Montag etwa die Kardinäle von Chicago, Washington und Newark in einer Erklärung. „Zum ersten Mal seit Jahrzehnten.“

Leo ist der erste US-Amerikaner auf dem Heiligen Stuhl. Doch er hat auch einen peruanischen Pass und ist geprägt durch ein Ordensleben in Lateinamerika und Europa. Was er verteidigen will, ist die multilaterale „Ordnung der Nachkriegszeit“. Entgegen dem „christlichen Nationalismus“ in Trumps Lager.

Gleich nach Trumps Angriff auf Venezuela am 3. Januar erklärte Leo, die „Souveränität“ des Lands müsse gewahrt bleiben und „die in der Verfassung verankerte Rechtsstaatlichkeit“.

Schon vor Weihnachten hatte der US-Botschafter beim Heiligen Stuhl mit päpstlichen Di­plo­maten über Venezuela gesprochen. Die hatten noch versucht, Machthaber Nicolás Maduro zum Rücktritt zu bewegen und zum Exil – etwa in Russland. Vergebens. Am dritten Tag des neuen Jahrs ließ Trump Caracas bombardieren und Maduro entführen.

In seiner Ansprache zur Lage der Welt vor den Va­ti­kan­bot­schaf­ter:in­nen am 9. Januar klagte Leo dann: „Eine Diplomatie, die den Dialog fördert und Konsens unter allen Parteien sucht, wird durch eine auf Gewalt basierende Diplomatie ersetzt.“ Das Thema Venezuela aber wurde schnell verdrängt durch Trumps Drohungen in Richtung Grönland und damit der Nato.

Diese Volten und die Worte des Papstes veranlassten die prominenten US-Kardinäle Blase Cupich, Robert McElroy und Joseph Tobin am Montag zu ihrer ungewöhnlichen Erklärung. Die USA befänden sich 2026 „in der ­tiefgreifendsten und brennendsten Debatte über die moralische Grundlage für Amerikas Handeln in der Welt seit dem Ende des Kalten Kriegs“, heißt es darin. Die Oberhirten fordern eine „wahrhaft moralische Außenpolitik“, in der „militärische Aktionen nur als letztes Mittel in extremen Situationen und nicht als normales Instrument der nationalen Politik angesehen werden dürfen“.

Auch auf die von russischen Angriffen überzogene Ukraine nahmen die Kardinäle Bezug – ganz auf päpstlicher Linie. Im Dezember hatte Leo den ukrainischen Präsidenten ­Wolodymyr Selenskyj getroffen und ihm gesagt, dass er gern die Ukraine besuchen wolle. Trumps „Friedensplan“ hatte der Papst kritisiert: „Zu versuchen, ein Friedensabkommen zu erreichen, ohne Europa in die Gespräche einzubeziehen, ist nicht realistisch.“ Der Krieg finde immerhin in Europa statt. Der mächtigste Katholik der USA aber, Trumps Vize J. D. Vance, tat diese Aussage als zu „eurozentrisch“ ab.

Am Mittwoch hieß es aus dem Vatikan, Trump habe den Papst in seinen „Friedensrat“ für Gaza eingeladen, der überlege noch, ob er annähme. Ein Umarmungsmanöver? Mit Leos Engagement für die UN vertrüge sich der Posten in Trumps Gremium auf jeden Fall schlecht.

Neben der Kritik an Trumps Geopolitik hat der Papst aber auch immer wieder dazu aufgerufen, lautstark gegen die Migrationspolitik der US-Regierung zu protestieren. Und er schafft Fakten. Am 6. Februar wird Ronald A. Hicks in sein Amt als neuer Erzbischof von New York eingeführt werden. Dass Leo XIV. den relativ progressiven Migrationsbefürworter zum Oberhirten der US-Stadt mit den meisten katholischen Ein­woh­ne­r:in­nen ernannt hat, gilt als wichtiges ­Signal für die Richtung, in die der Papst die US-Kirche führen will. Zumal New Yorks bisheriger Bischof, Timothy ­Dolan, häufig bei Fox News auftrat und Trump nahestand.

Doch ob Bischof oder Bürgermeister – Personalentscheidungen im liberalen New York sagen nur bedingt etwas über Verschiebungen in den Vereinigten Staaten aus. Was Mitte November im Ballsaal eines Hotels in Baltimore passiert ist, könnte in dieser Hinsicht tatsächlich mehr Aufschluss geben.

In seiner Abschiedsrede hatte der scheidende Präsident der US-Bischofkonferenz, Militärbischof Timothy Broglio, nämlich auf Papst Leos Ruf geantwortet und gemahnt, dass Ka­tho­lik:in­nen „Fremden, Ausländern und Pilgern besondere Fürsorge“ entgegenbringen müssten: „Das ist keine Raketenwissenschaft; das ist das Wort Gottes.“ Anschließend wählten die US-Bischöfe Paul S. Coakley aus Oklahoma City zu ihrem nächsten Präsidenten. Coakley gehört zum rechten Flügel der US-Kirche – doch auch er ruft nun dazu auf, Einwandererfamilien zu unterstützen und sich daran zu erinnern, dass Jesus einst selbst ein Flüchtling gewesen sei.

Zuvor hatte die anglikanische Bischöfin von Washington, ­Mariann Edgar Budde, Trump ins Gewissen geredet. Progressive katholische Bischöfe erschienen schon zu Gerichtsverhandlungen, um Beamte der US-Grenzschutzbehörde ICE abzuschrecken. Dass sich jetzt auch die Erzkonservativen zu Wort melden, das ist neu.

„Wir beten für ein Ende der entmenschlichenden Rhetorik und Gewalt“, hieß es nach der Bischofskonferenz auch im gemeinsamen Hirtenbrief, der weit über das hinausging, was bislang von offizieller katholischer Seite zu lesen war: „Wir lehnen die willkürliche Massendeportation von Menschen ab.“

Dass die US-Bischöfe in Mi­grationsfragen jetzt so geschlossen auftreten, hat auch mit einer Mahnung Papst Leos an rechte Kulturkämpfer zu tun. Zur US-Politik befragt, antwortete der Pontifex maximus im Oktober: „Jemand, der sagt: ‚Ich bin gegen Abtreibung‘, aber mit der unmenschlichen Behandlung von Einwanderern in den Vereinigten Staaten einverstanden – ich weiß nicht, ob das pro life ist.“

Sein Bruder Bob sei „weder still noch schüchtern“, meinte Louis Prevost nach seinem Besuch im Weißen Haus. „Wenn er etwas zu sagen hat, dann sagt er es.“

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