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Bernhard Pötter über den schwächelnden GolfstromBionik am Kabinettstisch

Bionik heißt die Wissenschaft, die sich von der Natur abschaut, wie etwas funktioniert: Warum schwimmen Pinguine so effizient, warum kleben Kletten so furchtbar in den Haaren? Es wird Zeit, dass sich überall die Klimapolitik bei der Bionik bedient. Und sich mit dem Tempo bewegt, das die Natur im Klimawandel vorlegt.

Denn auch wenn ­Wissenschaftler noch streiten, wie sehr genau unser Kohlendioxid in der Atmosphäre die Meereszirkulation im Nordatlantik verändert – die Gefahr für die Wetterküche des Planeten ist klar. Und die für geologische Maßstäbe rasante Veränderung in praktisch allen Weltregionen, in den Meeren, den Wäldern und Wettersystemen, findet so schnell statt, dass dringend ernsthafter Klimaschutz beginnen muss. Sofort und am besten gestern. Aber während vielen KlimawissenschaftlerInnen bei den neuen Meldungen über den Golfstrom das Hinterteil auf Grundeis geht, beschließt am selben Tag die Bundesregierung bei ihrer Klausur in Meseberg ganz in Ruhe, dass vier (!) Ministerien bei der Besetzung der Kommission für den Kohleausstieg mitreden dürfen, die nicht Kommission für den Kohleausstieg heißen darf. Angemessenes Tempo sieht anders aus.

Die Gefahr für den Golfstrom hat einen strategischen Vorteil: Durch den Katastrophenfilm „The Day After Tomorrow“ sind die (völlig überdrehten) Horrorbilder einer Klimakatastrophe auf der Netzhaut der öffentlichen Wahrnehmung gespeichert. Das kann man von den stillen Klimadesastern wie dem Verschwinden der Arten, dem Auftauen der Permafrostböden, der Versauerung der Meere oder dem Verschwinden des Regenwalds nicht sagen. Umso dringender ist es, nicht auf die Katastrophe vor der Haustür zu warten. Sondern beim deutschen Kohleausstieg, der europäi­schen Ener­gie­wende und mit einem weltweit umweltverträglichen und sozial gerechten Lebensstil Ernst zu machen. Dafür braucht es beherzte Entscheidungen. Wem sie schwer fallen, der sollte bei der Biologie Rat suchen. Da weiß man auch: Spezies, die ihren Lebensraum zerstören, überleben nicht.

wirtschaft + umwelt

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