Biologin über Gipfel zu Biodiversität: „Säule unserer Existenz“

Der Schutz der biologischen Vielfalt ist elementar, sagt Nicola Uhde. Anlässlich des UN-Sondergipfels zum Thema fordert sie, es ernster zu nehmen.

Biene sitzt auf einer gelben Blüte

Aus den Augen, aus dem Sinn? Die Gefahr der Zerstörung der Biodiversität gerät oft in Vergessenheit Foto: Reinhold Becher/imago

taz: Frau Uhde, am Mittwoch findet der UN-Sondergipfel zur biologischen Vielfalt statt. Zu diesem Anlass fordern der BUND und andere Umweltverbände von der Bundeskanzlerin, den Schutz der Biodiversität zur Chefsache zu machen. Warum ist das wichtig?

Nicola Uhde: Genau wie Luft, Wasser oder Klima ist die Vielfalt des Lebens auf unserem Planeten eine grundlegende Säule unserer Existenz. Das ist so selbstverständlich, dass wir kaum darüber nachdenken. Wie zuletzt der „Global Biodiversity Outlook“ der UN gezeigt hat, ist die Vielfalt der Arten und der Lebensräume in größter Gefahr. Der Report hat auch gezeigt, dass die Treiber der Naturzerstörung oft außerhalb der Hoheit von Umweltministerien liegen. Zum Beispiel beim Insektensterben und dessen Zusammenhang mit der industriellen Landwirtschaft: Wir werden kaum vorankommen, wenn wir den Erhalt der Natur nicht auf höchster Ebene als Querschnittsaufgabe begreifen.

Was erhoffen Sie sich konkret von dem Gipfel?

Ein starkes politisches Signal von den Staatschef*innen aller Länder. Sie müssen klarmachen, dass es sich beim Schutz der biologischen Vielfalt um eine der drängendsten Fragen überhaupt handelt. Jede Naturzerstörung kann weitreichende Folgen haben, denn in der Natur hängt alles mit allem zusammen. Aber wie können Regierungen Unternehmen oder Bürger*innen für den Erhalt der Natur motivieren, wenn sie diesen selbst nicht ernst nehmen? Über den Gipfel hinaus fordern wir von der Bundesregierung, sich bei den laufenden Verhandlungen für ein neues UN-Regelwerk zum Schutz der Biodiversität für ehrgeizige globale Ziele einzusetzen, inklusive klarer Regeln für deren Umsetzung.

Nicola Uhde ist Expertin für Biodiversitätspolitik beim Umweltschutzverband BUND. Als Diplom-Biologin hat sie auch in Thailand, der DR Kongo und in Senegal gearbeitet.

2020 sollte das Jahr der Biodiversität werden. Wegen Corona wurde die für die nächste Dekade entscheidende Konferenz in China auf 2021 verschoben. Ist den Verhandlungen dadurch der Wind aus den Segeln genommen worden?

Nicht unbedingt – dieses Jahr ist einfach alles anders, und mehr Zeit ist bei den Verhandlungen nicht unbedingt von Nachteil. Die Gespräche kamen bereits vor der Pandemie nicht richtig voran, es ging zu wenig ans Eingemachte. Das ist ein sehr komplexer Prozess, der vor allem unter Zeitdruck Gefahr läuft, intransparent zu werden. Es ist aber wichtig, dass das Abkommen partizipativ zustande kommt und die Eingaben der verschiedenen Stakeholder-Gruppen aus der Zivilgesellschaft angemessen berücksichtigt werden.

Die Verzögerung ist also sogar ein Vorteil?

Vermutlich ja. Hinzu kommt, dass Deutschland nächstes Jahr nicht mehr die EU-Ratspräsidentschaft innehat. Das hat den Vorteil, dass sich die Bundesregierung dann wieder besser inhaltlich in die Verhandlungen einbringen kann. Mit gemischten Gefühlen sehe ich, dass 2021 auch Bundestagswahl ist. Politische und mediale Zuspitzungen auf Wahlkampfthemen sind nicht unbedingt von Vorteil für ein gutes Verhandlungsergebnis zum komplexen Thema Erhalt der Biodiversität.

Ist diese Komplexität auch der Grund, dass die Biodiversitätskrise weniger präsent ist als der Klimawandel?

Das ist sicher einer der Gründe. Beim Klima haben wir relativ klare Zusammenhänge zwischen bestimmten Aktivitäten und deren Wirkungen. Treibhausgasemissionen, CO2-Gehalt der Atmosphäre und Erderhitzung sind gut messbar, finanzielle Auswirkungen leichter zu berechnen. Bei der Biodiversität ist das etwas verschlungener. Die Auswirkungen ihrer Zerstörung sind oft nicht so direkt spürbar. Doch diese Zerstörung bedroht die Menschheit ebenso so sehr wie die Klimakrise. Daher sollten wir uns sputen, etwas dagegen zu unternehmen.

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