Bildungsangebot für Sinti: Der Schlüssel ist Vertrauen

Eine Hamburger Schule plant Unterricht in der geheimen Sprache Romanes. Das soll helfen, Sinti-Kinder an die Schule heranzuführen.

Eine Frau stützt sich auf einen Tisch, an dem Kinder sitzen

Künftig mit speziellem Angebot für Sinti: Elbinselschule Wilhelmsburg Foto: Maja Hitij/dpa

HAMBURG taz | Hamburg geht im Stadtteil Wilhelmsburg neue Wege, um die Kinder von Sinti-Familien an die Schule heranzuführen. Eine Mutter-Kind-Gruppe in der Kita soll den Kleinen bessere Startvoraussetzungen verschaffen, wenn sie in die Vorschule kommen. Dazu kommt Unterricht in der Sprache Romanes, die nicht verschriftlicht ist und nur unter Sinti weitergegeben wird.

„Was wir am allermeisten brauchen, ist Bildung“, findet Christian Rosenberg vom Hamburger Sinti-Verein, einem Familienbildungszentrum für Sinti und Roma. Aus historischen und traditionellen Gründen tun sich viele Sinti-Familien schwer, ihre Kinder länger als nötig, wenn überhaupt, auf die Schule zu schicken. Allerdings reift bei vielen inzwischen die Erkenntnis, dass sie ihren Kindern damit Aufstiegschancen verbauen.

Rosenberg ist überzeugt, dass viele Sinti und Roma ihr Potenzial nicht ausschöpfen. „Wir sind nicht bildungsfern, wir wurden von der Bildung ferngehalten“, sagt der Projektleiter mit Blick auf eine lange Geschichte der Aus-grenzung. Und wenn Sinti-Kinder dann mal in der Schule waren, sei ihnen ein Malbuch in die Hand gedrückt worden. Viele Sinti zogen den naheliegenden Schluss, die Kindern dann eben ihre traditionellen Berufe wie Torf- oder Schrotthändler lernen zu lassen.

Er habe versucht, Wege aus dieser Sackgasse zu finden, erzählt Rosenberg. Eine dieser Ideen seien Bildungsbegleiter, die die Mütter mit ihren Kindern in die Kitas lotsen. In Mutter-Kind-Gruppen, wie es sie Hamburger Westen bereits gibt und wie sie für Wilhelmsburg geplant sind, sollen sie Müttern und Kindern helfen, sich voneinander zu lösen.

Kinder können zu den Müttern laufen

Der Tag beginnt mit einem gemeinsamen Frühstück. Die Gruppen haben zwei Räume, einen für die Mütter, einen für die Kinder, wobei die Kinder jederzeit hin und her wechseln können. „Am Anfang ging es zu wie im Taubenschlag“, erinnert sich Rosenberg, so oft seien die Kinder zwischen ihrer Gruppe und ihren Müttern hin und her gelaufen.

Doch die Mütter, die traditionell ein starkes Gefühl haben, ihre Kinder behüten zu müssen, entspannten sich; die Kinder gewöhnten sich daran, den Familienverband zu verlassen, und die Mütter erhielten die Gelegenheit, sich über pädagogische Ideen auszutauschen.

Möglich wurde das, weil die Bildungsbegleiter selbst Sinti und Roma sind, für die dieser Beruf zugleich eine Qualifizierungschance bietet. „Das Zauberwort ist Vertrauen“, sagt Rosenberg – Vertrauen und eine Begegnung auf Augenhöhe.

Beides ist auch entscheidend für die Zusammenarbeit mit der Schule Rahmwerder Straße, die neben der Sinti-Siedlung Georgswerder Ring liegt. „Es geht für die Familien darum, einen ersten Schritt zu wagen in ein behördliches System, in dem Bildung angeboten wird“, sagt Christian Meyer, Abteilungsleiter der Elbinselschule, zu der Rahmwerder gehört. Dabei werde dieses System schnell als übergriffig empfunden.

Rosenberg ist voll des Lobes für Meyer und dessen Chef Thomas Hawellek: „Die Leute merken: Hier ist ein Team entstanden, das uns mitnimmt.“ Die beiden Lehrer hätten den Mut, „Ansätze zu finden, die konform sind mit dem Schulgesetz, aber eine gewisse Freiheit lassen“, sagt er. Ohne eine so entgegenkommende Haltung wäre es nicht möglich, eine Mutter-Kind-Gruppe einzurichten. Dabei soll die Gruppe nicht auf Roma beschränkt sein, sondern sich auch anderen öffnen, etwa den bulgarischen Wanderarbeitern im Stadtteil.

Unterricht in Romanes

Das Vertrauensverhältnis ermöglicht auch ein Pilotprojekt: Romanes-Unterricht an der Schule durch Lehrer, die ebenfalls Sinti sind. Im Unterschied zu Roma dürfen Sinti ihre Sprache nicht öffentlich machen. „Bei den Verfolgungen hat uns unsere Sprache das Leben gerettet“, sagt Rosenberg. Nun drohe diese Sprache aber verloren zu gehen.

Es wäre schade, wenn da altes kulturelles Wissen verschwände“, sagt Schulleiter Meyer. Das Sprachangebot mache deutlich, dass die Sinti ihren Platz an der Schule hätten.

Die Sprachkompetenz der Kinder solle zunächst mündlich vertieft werden, sagt Rosenberg, mit dem Ziel, den Unterricht irgendwann auch zu verschriftlichen. „Es geht darum, dass man die eigene Identität nicht verliert.“

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