Sinti-Siedlung in Hamburg-Wilhelmsburg: Neustart nach 40 Jahren

Anfang der 80er hat der Hamburger Senat eine Siedlung für Sinti errichtet. Danach schaute er weg. Jetzt will die Stadt die Mietverhältnisse ordnen.

Asphaltfläche mit Spielzeug und einem Spielhaus, im Hintergrund Bäumde und einstöckige Ziegelhäuser

Auf Asphalt lässt sich vieles anstellen, auch spielen: Hof am Georgswerder Ring Foto: Miguel Ferraz

HAMBURG taz | Wer die Sinti-Siedlung in Hamburg-Wilhelmsburg besucht, wird von einem Eisbären begrüßt, von Donald Duck und einer Art Weihnachtskapelle mit Marien­figur und Rauschgoldengel. Diese Sachen und noch viel mehr stehen auf dem Grundstück von Emil Weiß, dem verstorbenen Patriarchen der gleichnamigen Familie, die dort zu Hause ist.

Es ist ein Verwandtschaftsverband aus mehr als 40 Kleinfamilien, der dort seit knapp 40 Jahren schaltet und waltet – eine kleine Welt am Ende einer Stichstraße, in die sich nur selten ein Fremder verirrt. Die Stadt hat die Siedlung zwar gemeinsam mit den Sinti geplant und dann gebaut, sich aber nicht weiter groß drum gekümmert.

Das soll sich jetzt ändern: Die Autoschrauberei und der Gebrauchthandel sollen aus dem Wohngebiet hinaus- und auf eine Gewerbefläche umziehen, zwei Sperrmüllhalden sollen aufgelöst, die Mietverhältnisse geordnet werden. Neue Orte für das Gemeinschaftsleben sind in Planung und ein Projekt, um die Kinder besser an die Schule heranzuführen.

Der Mann, der die Aufgabe übernommen hat, das alles im Auftrag des rot-grünen Hamburger Senats voranzutreiben, zu koordinieren und zu vermitteln, heißt Fouad Hamdan. Er ist Referent für Bürgerbeteiligung und Internationales bei der Stabsstelle Flüchtlinge und übergreifende Aufgaben. Hamdan kann auf einen illustren Lebensweg zurückblicken: Aufgewachsen im Libanon, war er dpa-Korrespondent im Nahen Osten, Kommunikationschef von Greenpeace Deutschland und Gründungsdirektor der Arabischen Menschenrechte-Stiftung in Beirut.

drei stehende Männer, dahinter rechts ein flaches Ziegelhaus und Bäume

Der Kümmerer und die Vertreter der Siedlung: Fouad Hamdan (m), Matthäus Weiß (l) und Oscar Weiß (r) Foto: Miguel Ferraz

Als Mensch mit einem arabischen Elternteil könne er sich gut in die Sinti hineinversetzen, sagt Hamdan. Sie seien ein ganz besonderer Schlag von Menschen, von der Mentalität her vielleicht vergleichbar mit arabischen Beduinen. Aufgrund ihrer schlechten Erfahrungen über Jahrhunderte schotteten sie sich ab, was sie wiederum der Mehrheitsgesellschaft entfremde und zu einer Art Teufelskreis führe. „Die größte Herausforderung war, Vertrauen zu gewinnen“, sagt Hamdan.

Bei einem samstäglichen Besuch im ­Georgswerder Ring bildet sich schnell eine Traube von Menschen um den Anfang-60-Jährigen und den Familienältesten ­Oscar Weiß. Es gilt, Probleme zu lösen – vom geforderten Auszug, weil die Wohnung zu groß ist für Hartz IV, weil unverständliche Formulare vom Amt kamen oder auch nur, weil die Mülltonnen überquellen. Hamdan zeigt sich als Kümmerer, verspricht hier etwas, vertröstet dort.

„Warten Sie auf die Antwort“, sagt er zu einer Frau, die mit einer blauen Mappe zu ihm gekommen ist. „Und wenn Sie mit der Antwort nicht zufrieden sind, kommen sie zu mir.“ Oft löse sich so was von selbst, sagt er noch und: „Machen Sie sich keine Sorgen.“

Als der Hamburger Senat 1980 unter Bürgermeister Hans-Ulrich Klose (SPD) entschied, eine Siedlung für die seit 300 Jahren in Hamburg ansässige Familie zu bauen, ging es darum, beschämenden Verhältnissen abzuhelfen. Damals lebten die Familien in windschiefen Hütten, Caravans und Schaustellerwagen zwischen einer Müll­deponie und einer Autobahnauffahrt.

„Die neuen Mietverträge für die Familien enthalten eine Präambel, die betont, dass die Siedlung als symbolische Wiedergutmachung für den Völkermord an den Sinti und Roma durch Nazi-Deutschland gedacht war“

Die Siedlung wurde nach Vorbildern in Köln und Freiburg geplant. Einstöckige Häuser mit Garagen und Lagerflächen, im Kreis angeordnet und mit einem Dorfplatz. Die Häuser sollten geräumige Wohnküchen haben und unbedingt Kohleöfen. „Auf den Strom kann man sich doch nicht verlassen“, sagte der damalige Sprecher der Familie, Fernando Weiß, dem Hamburger Abendblatt.

Der CDU-Opposition waren die 13 Millionen Mark für die 42 Häuser zu teuer: Auch eine Wiedergutmachung für das in der Nazizeit erlittene Unrecht rechtfertige nicht eine so weitgehende Bevorzugung einer Gruppe, referierte Die Zeit die damalige Position der Christdemokraten.

Und für die Nachbarn verband sich der Plan laut Hamburger Abendblatt mit einem großen „Ja, aber …“. „Ich habe zwar nichts gegen Zigeuner, aber hier ist über unseren Kopf hinweg gehandelt worden“, beschwerte sich der Pächter eines anliegenden Kleingartens auf der Anwohnerversammlung im März 1980.

„Ich wohne hier seit über 40 Jahren in einer Siedlung mit Kübeltoilette“, beklagte sich ein Nachbar. „Die Zigeuner bekommen ein WC.“ Andere befürchteten Messerstechereien zwischen Sinti und Türken. Und ein Schulleiter verbreitete die Einschätzung: „Schulklassen mit Zigeunerkindern sind nach kurzer Zeit nicht mehr zu unterrichten.“

Der Senat ließ sich davon nicht beeindrucken: Die Stadt tue gut daran, die menschenunwürdige Wohnsituation der Sinti zu verbessern, sagte Bausenator Volker Lange (SPD), und auf dem Gelände des Sportvereins Vorwärts Ost konnte schnell gebaut werden. Die Häuser wurden von dem städtischen Wohnungsbauunternehmen Saga errichtet, an das Bezirksamt vermietet und von diesem an die Sinti-Familien untervermietet. „Für uns ist das Ganze auch ein Experiment“, sagte der Wilhelmsburger Orts­amtsleiter Bernhard Dey anlässlich des Richtfestes.

Wohl nicht zuletzt deshalb sollte ein Sozialarbeiter die Siedlung betreuen, doch der strich bald die Segel. Einen Nachfolger gab es nicht. Im damals verantwortlichen Bezirk Harburg wollte sich Anfang der 80er-Jahre offenbar niemand mit den Sinti befassen. „Es ist nichts gemacht worden“, sagt das jetzige Familienoberhaupt Oscar Weiß. Die Bewohner seien sich selbst überlassen worden.

Aus dem Blickfeld zu sein hatte Vor- und Nachteile, die in der Siedlung zu besichtigen sind. Zwar kümmerte sich die Saga durchaus um die Häuser, ließ die Bewohner aber gewähren. Die Menschen eigneten sich die Häuser so an, wie sie sie brauchten. Manche versahen die Garagen mit Fenstern und funktionierten sie zu Wohnräumen um. Sie stellten ihre Schrauberautos in die Gärten und breiteten sich mit ihren Schuppen und Stellplätzen auf den öffentlichen Grünflächen aus.

Es muss etwas geschehen

Dazu gehört auch ein Berg aus Sperrmüll hinter einem Bauzaun mit dem Schild „Betreten der Baustelle verboten“. Hier liegt alles Mögliche, vom Spielzeugtrecker über das Sofa bis zur Stoßstange und zum Plastiktank. Eine Einfahrt weiter gibt es eine ähnliche Müllhalde. Hier stehen die Reste eines Schuppens, in dem Emil Weiß einmal die Pferde hielt, mit denen er handelte. Nebenan renoviert eine junger Mann sein Haus und lässt sich einen riesigen Hof pflastern.

Das mit der Siedlung etwas geschehen muss, darüber scheinen sich alle Beteiligten einig zu sein. „Die Menschen haben eingesehen, dass von beiden Seiten etwas getan werden sollte“, sagt Matthäus Weiß. Er ist Landesvorsitzender des Verbandes der deutschen Sinti und Roma in Schleswig-Holstein, hat selbst in der Siedlung gewohnt und hilft, zwischen den Bewohnern und den Behörden zu vermitteln.

Eigenmächtigkeiten wie die Sache mit den Bodenschwellen auf der kleinen Ringstraße soll es in Zukunft nicht mehr geben. Die Anwohner haben sie errichtet, um ihre Kinder zu schützen. „Da ist einer mit dem Porsche durchgebrettert“, erinnert sich Weiß. Er könne froh sein, keine Beulen bekommen zu haben.

Für die Zukunft erwarte er, „dass man sich mit den Menschen unterhält“, sagt Weiß. Es gehe darum, sich um den Bestand neu zu kümmern – mit den Bewohnern zusammen. Dafür soll die Siedlung an einen städtischen Träger mit sozialarbeiterischen Kompetenzen übertragen werden. Wenn Fouad Hamdan die Sanierung erst mal aufs Gleis gesetzt hat, soll es einen ständigen Quartiersmanager als Ansprechpartner geben.

„Wir haben lange an der Job Description gefeilt“, erzählt Hamdan amüsiert. Gefordert seien „starke Nerven, Humor, Toleranz und graue Haare“. Letztere hat er selbst, sie sind ein Hinweis auf die Autorität des Alters, die unter Sinti etwas gilt.

Statt dass die Mieter die Wohnungen untereinander weiterreichen, soll das in Zukunft wieder über die Eigentümerin laufen. Umbauten müssen genehmigt werden. Der Handel mit Schrott, Torf, alten Autos und Möbeln soll auf die noch zu räumende Gewerbefläche nebenan umziehen und Sperrmüll korrekt entsorgt werden.

Stadt saniert Wohnungen

Im Gegenzug saniert die Stadt die Wohnungen und legalisiert die Umbauten, soweit das möglich ist. Sie richtet die Grünflächen her und das kleine Gewerbeareal. Auch ein Ort für kulturelle Veranstaltungen solle dort entstehen, sagt Hamdan.

Angegangen werden soll auch das Problem der Schulschwänzerei. Mutter-und-Kind-Klassen für die beiden ersten Jahrgangsstufen der benachbarten Grundschule Rahmwerder Straße sollen helfen, die Kinder an die Schule heranzuführen. Das ist nötig, weil Sinti mit Diskriminierungen und Hänseleien rechnen. „Es kommt immer noch vor, dass Leute sagen: Geht in euer Land“, ärgert sich Matthäus Weiß. „Solange wir Musik machen, ist jeder bereit, zu uns zu kommen, aber sobald die Musik endet, ist das vorbei.“

Die neuen Mietverträge für die Familien enthalten eine Präambel, die betont, dass die Siedlung als symbolische Wiedergutmachung für den Völkermord an den Sinti und Roma durch Nazi-Deutschland gedacht war. „Das hat ihre Herzen geöffnet“, sagt Fouad Hamdan.

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