piwik no script img

Besucher*innen-Ansturm im Harz Mehr Gelassenheit

Michael Trammer

Kommentar von

Michael Trammer

In Medien und sozialen Netzwerken herrscht Aufregung wegen der Harz-Besucher*innen im Lockdown. Wirklich groß ist das Problem aber nicht.

M it Ruhe und Abstand im Freien wandern und rodeln: Dagegen wäre eigentlich wenig einzuwenden – die Skilifte stehen derweil ja sowieso still. Das Coronavirus wird unter freiem Himmel laut Robert Koch Institut nur selten übertragen. Und Orte, an denen Menschen in geschlossenen Räumen sonst eng zusammenkommen, wie die Gastronomie oder Hotels, sind ohnehin geschlossen. Aber bei einigen, die seit Wochen zu Hause festsitzen und auf Freizeitbeschäftigungen und Spaß verzichten oder wegen des Lockdowns in wirtschaftlichen Schwierigkeiten stecken, sorgen die Berichte über Tagesausflügler*innen für Unmut. Vor allem in den sozialen Netzwerken ist dies zu spüren.

Medienberichte befeuern die Debatte mit Bildern, auf denen möglichst viel Action zu sehen ist: Ein Schneepflug braust vorbei, Verkehrschaos, ein Anwohner schimpft die Tourist*innen rücksichtslose Egoist*innen. Verstöße gegen die Anti-Corona-Maßnahmen sind auf kaum einem der Bilder aus den vergangenen Tagen zu erkennen. Aber im Zwischenjahresloch werden aus Staumeldungen der Polizei lange Texte und so manche Redaktion schreibt diese Meldungen ungeprüft ab, ohne sich selbst vor Ort ein Bild gemacht zu haben.

Die Devise sollte sein: Gelassenheit. Natürlich sollte eine Reise in die Mittelgebirgsregionen gut abgewägt werden und es bietet sich an, vorher zu recherchieren, welche entlegenen Orte genug Platz bieten. Aber mit dem Ende der Ferien dürfte sich die Lage sowieso entspannen und das Thema aus den Schlagzeilen verschwinden. Derweil darf weiterhin eng an eng in geschlossenen Räumen gearbeitet werden. Wenn sich dort jemand mit dem Coronavirus infiziert: bloß ein Kollateralschaden zur Sicherung der Wirtschaft – wie zynisch.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Michael Trammer

Michael Trammer

Freier Journalist aus Hannover | Arbeitet am liebsten multimedial und investigativ. Schreibt hier meist zu sozialen Bewegungen, sozialer Ungleichheit, Migration und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. | Mitglied des Journalist*innenkollektivs Freelance Underground | Ausbildung zum Mediengestalter Bild und Ton; studiert Visual Journalism and Documentary Photography an der Hochschule Hannover
Mehr zum Thema

1 Kommentar

 / 
  • pesetenpaule

    Zum Verkehrschaos am Sonntag kann man nur eins sagen: Es war wie immer. Man redete von starkem Schneefall und vereisten Straßen. Starker Schneefall sieht anders aus und der Winterdienst ist eh stark reduziert und auch nicht sonderlich effektiv. Auch ohne Corona wäre es voll gewesen.