Beschwerden über Schul-Lockdown: Die Pandemie der anderen

Elterninitiativen beklagen die Zumutungen des Schul-Lockdowns in Hamburg. Dabei zeigen sie einen bemerkenswert engen Horizont. Eine Polemik.

Ein Schulflur mit beiseite gestellten Tischen und Stühlen

Führt zu viel Unwillen: Lockdown in der Schule Foto: Philipp von Ditfurth/ dpa

„Wir unterstützen, dass alle einen angemessenen Beitrag im Kampf gegen Covid-19 leisten müssen. Aber es muss klar gesagt werden, dass viele Kinder und Familien keinen weiteren Beitrag mehr tragen können“, so heißt es in einer gemeinsamen Mitteilung der Initiativen „Familie in der Krise“ und „Kinder brauchen Kinder“ zum Hamburger Schul- und Kita-Lockdown.

Dass dieser ohnehin ein sonderbar unentschiedener Wer-will-der-kommt-Lockdown ist, ist dabei nur eine Fußnote. Interessant ist das große „Aber“ jener, die hier stellvertretend für alle möglichen Eltern und Kinder zu sprechen scheinen. Mag sein, so argumentieren sie, dass andere in dieser Pandemie einen Beitrag zahlen müssen – sie sind jetzt aus dem Spiel.

Wir sprechen derzeit über zehn zusätzliche Tage ohne Kita- und Schulbetreuung – aber was für ein Pathos. „Der Alltag wird erneut von heute auf morgen aus den Angeln gehoben“, sagt Anna-Maria Kuricová, Mitbegründerin von „Familien in der Krise Hamburg“. Ja, denn wir erleben gerade eine Pandemie, da passiert so etwas, möchte man rufen.

Dabei unterschlagen die Initiativen eine nähere Beschreibung des Beitrags, den man nicht länger leisten kann. Abgewetzte Nerven, hausinternes Geschrei fügt sich nicht so gut in die heroische Tonlage, die da angeschlagen wurde. Die hätte gepasst, wenn sich hier Menschen zu Wort gemeldet hätten, die in Altenheimen und Krankenhäusern arbeiten. So ist es eine beredte Leerstelle.

Ach ja, der Disclaimer: Natürlich war und ist der Lockdown für viele Familien besonders herausfordernd. Vor allem für Allein­erziehende oder für Eltern von Kindern mit Behinderung. Es war und ist richtig auf jene zu verweisen, die besonders hart getroffen sind und die die Politik anfänglich oder gar nicht in den Blick genommen hat. Ende des Disclaimers.

Lernziel Solidarität

Was einen je nach Tagesform sprachlos oder cholerisch macht an den Forderungen und Sorgen der Elterngruppe, die sich hier äußert, ist die Enge des Blickfelds. Man könnte es für ein Detail halten, aber es ist keines: Eine Sorge, die sie umtreibt, ist die neu verordnete Maskenpflicht für Grundschüler. „Eine Vorwarnung, dass diese Beschlüsse auch in Hamburg aufgehoben werden, wäre wichtig gewesen, um die jüngeren Kinder darauf vorzubereiten“, sagt Anna-Maria Kuricová von der Hamburger Gruppe „Familien in der Krise“. Ja, es wäre schön gewesen.

Aber wenn einem Kind in einer Pandemie nichts Schlimmeres zustößt, als dass es nur kurzfristig vorbereitet eine Maske trägt, dann kann man es nur beglückwünschen. Und vielleicht ist es auch schlicht so, dass sie früher als zu anderen Zeiten lernen, was Rücksicht bedeutet und dass man die eigene Komfortzone gelegentlich zurückstutzen muss.

„Schulen und Kitas sind keine Pandemietreiber“, schreiben die Ini­tiativen und betreten damit unsicheres Terrain. Noch immer ist die Forschungslage ungesichert und sicher ist zumindest, dass die Inzidenz bei den 15- bis 20-Jährigen deutlich steigt. Zu einfach sollte man es sich da nicht mit Pauschalisierungen machen, wenn man kurz danach darauf pocht, dass der Hybrid­unterricht nur für ältere Schüler­Innen gelten sollte, weil die jüngeren ja kaum Anteil am Infektionsgeschehen hätten.

Wie kann man gesamtgesellschaftliche Solidarität einfordern und dann einen Horizont entwickeln, der abrupt endet, sobald der eigene Alltag organisiert ist – und nicht begreifen, dass man Teil einer Gesamtheit ist, und sei es nur, weil man selbst irgendwann im Pflegeheim sitzen wird – da, wo gerade das Personal für die dringend gebrauchten Tests fehlt. Es gibt andere Lobby­vereine, die jetzt aufschreien. Es gibt massenweise Klagen gegen Geschäftsschließungen. Es gibt Verantwortliche, die bis vor kurzem Sonntagsöffnungen für Einkaufszentren durchdrücken wollten.

Ja, es geht immer schlimmer. Aber es geht auch besser. Die Intendantin des Hamburger Theaters Kampnagel sagte unmittelbar nach dem zweiten Lockdown für die Kulturszene: Natürlich tragen wir ihn mit. Sie sagte nicht: Aber wir wollen trotzdem öffnen. Sie sagte nicht: Wir wollen spätestens in zwei Wochen wieder öffnen. Sie überlegte, ob auch die freien MitarbeiterInnen des Hauses finanziell unterstützt werden könnten.

Schlechtes Timing

Mag sein, dass es hier vor allem um Timing geht. Anna-Maria Kuricová von den „Familien in der Krise“ ruft spät zurück, weil sie noch ein Kind mitgenommen hat, dessen Eltern im Schichtdienst arbeiten und das deswegen unversehens eine Betreuung brauchte. Es gehe darum, für die Zeit nach dem 10. Januar vorzusorgen, sagt sie.

Das ist legitim. Aber in Zeiten, wo völlig zurecht viel von Solidarität die Rede ist, sind die Details wichtig. Was man beklagt und was man hinnimmt. Wie eng man die Grenzen des Zumutbaren zieht. Und da kann man sich gar nicht weit genug abgrenzen von den Sonntagsöffnern & Co.

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