Schulsenator Rabe zum Lockdown: „Das sind keine Ferien“

An den Schulen entfällt die Präsenzpflicht. Schulsenator Ties Rabe erklärt, warum Hamburg diesen Weg geht und Eltern über den Lernort entscheiden.

Bildungssenator Ties Rabe sitzt vor einer Tafel

Hofft auf baldige Rückkehr zum Regelunterricht: Ties Rabe Foto: Christian Charisius/dpa

Herr Rabe, Sie wollten die Schulen möglichst lange offen halten und lehnten bisher frühere Weihnachtsferien ab. Warum hebt Hamburg ab Mittwoch die Präsenzpflicht auf?

Ties Rabe: Einerseits haben sich die Infektionszahlen in den letzten Tagen auch in Hamburg sehr stark erhöht. Andererseits ist es richtig, dass Hamburg mit allen anderen Bundesländern gemeinsam handelt, und nicht aus der Reihe tanzt. Und zum Dritten: Die Ferien werden nicht verlängert, sondern es wird die sogenannte Schulpräsenzpflicht aufgehoben. Die Schüler müssen zwar nicht zur Schule gehen, aber sehr wohl zu Hause lernen. Das sind keine Ferien.

Sie lassen die Eltern festlegen, ob die Schüler bis 18. Dezember zu Hause lernen oder in der Schule. Damit haben Eltern den schwarzen Peter. Warum entscheiden Sie nicht für alle?

Wir orientieren uns hier an ähnlichen Verfahren wie in Niedersachsen. Diese Entscheidung liegt bei den Eltern, denn deren Situationen sind ja sehr unterschiedlich. Da macht es keinen Sinn, wenn ein Minister über alle Köpfe hinweg bestimmt. Denn diese Entscheidung greift tief in das Leben der Eltern ein, und deshalb haben sie auch das Recht, selbst zu entscheiden.

Und die Lehrer sollen die drei Tage vor den Ferien und auch vom 5. bis 8. Januar Schüler sowohl zu Hause als auch in der Schule betreuen. Schaffen die beides?

Gerade die Lehrerverbände haben monatelang diesen so genannten Hybridunterricht gefordert, der ja vorsieht, dass ein Teil der Schüler in der Schule und ein anderer Teil zu Hause lernt. Wenn die Verbände das fordern, gehe ich davon aus, dass es leistbar ist. Zudem haben wir dieses Modell schon einmal erprobt: Eltern konnten bereits im Frühjahr entscheiden, ob die Kinder in der Notbetreuung der Schule oder zu Hause lernen. Insofern ist das Modell nichts Neues. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass bei der Notbetreuung im Frühjahr die Kinder in der Schule selten pädagogisch angeleitet wurden und deshalb häufig schlechter lernen konnten als zu Hause. Das soll durch das neue Modell ausgeschlossen werden.

Sind die Schulen ausreichend vorbereitet? Werden etwa Videoübertragungen aus der Klasse erlaubt sein?

Sie sind gut vorbereitet. Es gibt gleich zwei Konzepte. Eines für den reinen Fernunterricht und eines für den Wechselunterricht. Die wurden in den Sommerferien erarbeitet und von den Schulen mitgestaltet. Zudem haben alle Schulen ergänzend ein eigenes Konzept konkretisiert. Dieses Konzept sieht auch Videokonferenzen vor, die selbstverständlich zulässig sind. Etwas anderes ist die Frage der Datenübertragung aus dem Unterricht. Mich wundert, mit welcher Vehemenz verlangt wird, der Schulsenator soll dafür die technischen Voraussetzungen schaffen. Die sind überall gegeben. Nur gibt es datenschutzrechtliche Hürden.

Was müsste passieren?

Es muss das Schulgesetz geändert werden. Wir betreten hier rechtliches Neuland, weil es vergleichbare Regelungen noch nicht gibt. Zurzeit finden zwischen der Schulbehörde und dem Hamburgischen Datenschutzbeauftragten Abstimmungsgespräche statt. Gerade Montag war erneut ein Gespräch. Wir gehen davon aus, dass wir im Januar zu einer Lösung kommen werden.

Wie Sie sagten, gab es die Forderung, die Schulen sollten den Wechselunterricht probieren dürfen. Wäre es nicht schlauer gewesen, Sie hätten das längst erlaubt?

Wir haben kürzlich 23 Schulen erlaubt, Wechselunterricht auszuprobieren, wenn die Schulgemeinschaft von Eltern, Lehrkräften und Schülern das will. Bereits in der ersten Stellungnahme protestiert eine Schulgemeinschaft gegen dieses Wahlrecht, weil sie sich mit der Entscheidung überfordert fühlt. Ich glaube, Protest gehört in Hamburg zum täglichen Handwerk dazu. Trotzdem ist dieser Schritt richtig.

Es dürfen ja immerhin 23 der 120 weiterführenden Schulen je für sechs Wochen Wechselunterricht machen. Warum nicht alle Schulen?

Weil hier einheitliche Maßstäbe wichtig sind. Die 16 Bundesländer haben mit dem Bundeskanzleramt festgelegt: Der Präsenzunterricht soll – mit Ausnahme der jetzigen Lockdown-Phase – in jedem Fall erhalten werden. Er wird nur dann eingeschränkt, wenn es in einer Region eine hohe Infektionsgefahr gibt. Das kann nicht jede Schule freihändig beschließen, sondern es ist an eine bestimmte gesundheitliche Lage geknüpft. Denn die muss abgewogen werden mit der Gefahr für die Bildung der Kinder, die zweifellos groß ist, wenn kein Präsenzunterricht stattfindet.

Was passiert nach dem 10. Januar? Steht ein Wiedereinstieg in den Regelbetrieb fest oder könnte es ein weiteres Homeschooling geben? Welche Kriterien gelten?

Ich gehe davon aus, dass sich die Ministerpräsidenten der 16 Länder und die Kanzlerin zeitnah treffen und beraten werden, ob der Lockdown verlängert wird. Dann ist es klug, dass alle 16 Länder dem folgen.

Ties Rabe60, ist Hamburger Schulsenator und Koordinator der SPD-geführten Länder in der Bildungspolitik. Früher war er Lehrer am Luisen-Gymnasium Bergedorf.

Würde er verlängert, wären dann alle Schüler zu Hause mit einem digitalen Gerät versorgt?

In Hamburg haben mehr Schüler die Möglichkeit, ein solches digitales Endgerät von der Schule zu bekommen, als in allen anderen Bundesländern. Aber auch hier funktioniert es nur, wenn in vielen Haushalten die Schüler auch eigene Geräte oder die der Eltern nutzen. Der digitale Fernunterricht wird übrigens nicht das Niveau eines Präsenzunterrichtes erreichen. Das liegt in der Natur der Sache. Kein Computer kann eine Lehrkraft und eine Klassengemeinschaft ersetzen.

Wir haben 4,5 Monate Regelbetrieb hinter uns. Seit den Herbstferien gab es an Schulen 2.700 Infizierte. Waren Sie sich immer sicher, dass offene Schulen richtig sind?

Ja. Ich bin mir sehr sicher, dass das für Hamburg richtig ist. Erstens: Wir hatten in Hamburg im Verhältnis zu den meisten Bundesländern eine vergleichsweise geringe Infektionsgefahr. Sogar Länder mit manchmal doppelt so vielen Infektion hatten Präsenzunterricht. Der Weg ist auch deshalb richtig, weil sich die Hamburger Schülerschaft von den Schülern anderer Bundesländer unterscheidet. Das sieht man bereits an den hohen Ganztags-Teilnahmequoten von 85 Prozent. In Hamburg sind viel mehr Schüler auf ein gut funktionierendes Schulwesen von 8 bis 16 Uhr angewiesen. Hier hätte ein Aussetzen des Präsenzunterrichts für viele Familien schwierigere Folgen als in Ländern, wo die Schüler gerade im Grundschulbereich zwischen 12.30 Uhr und 13.30 Uhr nach Hause kommen.

„Der öffentliche Diskurs wird häufig von Eltern bestimmt, die es leisten können, ihre Kinder zu Hause im Fernunterricht zu begleiten“

Es gibt drastische Berichte von Sozialarbeitern, wie schlecht es einigen Schülern in der Homeschool-Zeit ging. Haben Sie Sorge um die Schüler?

Ja. In der Bildungspolitik melden sich Familien, die es nicht leicht haben, selten zu Wort. Der öffentliche Diskurs wird häufig von Eltern bestimmt, die es leisten können, ihre Kinder zu Hause im Fernunterricht zu begleiten. Aber die soziale Lage in der Stadt, die man als Politiker im Blick haben muss, kommt dabei zu häufig unter die Räder. Sehr viele Familien sind auf eine gute Schule mit offenen Türen angewiesen.

Wir brauchen mehr Ressourcen für diese Schüler.

Die kann man immer brauchen. Aber hier in Hamburg ist es zurzeit das größere Problem, dass Verbände und Lobbygruppen vehement die teilweise Schließung der Schulen forderten. Eine solche Lobbyarbeit gegen offene Schultüren gab es so in anderen Bundesländern nicht.

Nun gibt es die Petition des nächsten Abi-Jahrgangs, die fürchten um faire Bedingungen. Brauchen wir wegen Corona ein zusätzliches Schuljahr?

Wenn jetzt alle Schüler ein Jahr länger zur Schule gehen müssen, würde sich die Begeisterung darüber arg in Grenzen halten. Denn nicht alle wollen für ihr Abitur noch einmal ein ganzes Jahr zur Schule gehen. Deshalb muss im Mittelpunkt stehen, dass wir faire Prüfungsbedingungen schaffen. Das gilt auch für den Ersten und Mittleren Schulabschluss. Das kann bedeuten, dass die Schülerinnen und Schüler in 2021 eventuell nicht auf dem gleichen Niveau ihre Prüfungen absolvieren müssen, wenn der Unterricht weiterhin so stark eingeschränkt wird. Aber wir haben es jetzt bis auf die letzten drei Tage vor Weihnachten geschafft, dass der Unterricht im Großen und Ganzen nach Stundentafel verlaufen ist. Wenn das so bliebe, können die Abschlussprüfungen gut absolviert werden. Kommt es jetzt aber im Zuge des Lockdowns nach dem 10. Januar nicht wieder zu regulärem Schulunterricht, muss man die Prüfung eventuell anpassen, um für faire Bedingungen zu sorgen.

Auch Ihr Jahr war anstrengend. Freuen Sie sich jetzt auf die Weihnachtsferien?

Ja.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben