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Berlusconi und kein EndeDie Marke lebt

Drei Jahre nach seinem Tod ist Silvio Berlusconi präsenter denn je. Das liegt auch an zwei im Nahestehenden, die wieder mit der Justiz zu tun haben.

Gehorcht immer brav: Antonio Tajani im Austausch mit Silvio Berlusconi 2019

Den meisten italienischen Zeitungen war es nur eine kleine Meldung auf den hinteren Seiten wert, dass der Mailänder Großflughafen Malpensa weiter – wie schon seit 2024 – als „Flughafen Silvio Berlusconi“ firmieren soll.

Das Verwaltungsgericht der Lombardei schmetterte die Einsprüche der Stadt Mailand und diverser anderer Umlandgemeinden ab, und Silvios Tochter Marina freute sich, dass „sein Name weiter das Elend jener überragt, die es nicht schaffen, ihm seine Größe zu verzeihen“.

Das mit der Größe können wir dahingestellt sein lassen, aber Marina B. trifft auf ihre Weise durchaus den Punkt. Denn Berlusconis langer Schatten – dafür steht auch das jetzt ergangene Urteil des Verwaltungsgerichts – fällt auch fast drei Jahre nach seinem Tod weiter auf Italien, und immer wieder scheint es, als sei seine Ära gar nicht wirklich vergangen.

So erfuhren die Zei­tungs­le­se­r*in­nen ebenfalls in den letzten Tagen, dass Marcello Dell’Utri, über Jahrzehnte hinweg einer der engsten Mitarbeiter Berlusconi, mal wieder vor Gericht soll. Dell’Utri war im Jahr 2014 letztinstanzlich zu sieben Jahren Haft verurteilt worden, weil er von 1974 bis 1992 der Verbindungsmann zwischen Berlusconi und der Cosa Nostra war; viereinhalb Jahre saß er dann effektiv im Knast.

Freunde und Freundinnen

In allen diesen Jahren hielt Silvio immer treu zu seinem Freund Marcello, ja er unterstützte ihn nach Kräften. Insgesamt 42 Millionen Euro überwies er an Dell’Utri – und eben deshalb kommt es jetzt zu dem neuen Prozess. Die Anti-Mafia-Paragrafen des italienischen Strafrechts nämlich schreiben vor, dass ein wegen Mafia Verurteilter jede Vermögensveränderung an den Staat melden muss – und eben dies unterließ Dell’Utri.

Der jetzt aufgelegte Prozess erinnert Italien an eine Konstante der Berlusconi-Jahre: an seine über Jahrzehnte währenden Kontakte zur sizilianischen Mafia. Doch das allgemeine mediale Desinteresse, das das neue Verfahren umgibt, erinnert zugleich an mehr – daran, dass schon in Berlusconis letzten Lebensjahren die Ita­lie­ne­r*in­nen sich gar nicht mehr recht aufregen mochten über die immer wieder hochkochenden Mafia-Vorwürfe gegen ihn und den Mitstreiter Dell’Utri.

Einen Flashback erlebten die Ita­lie­ne­r*in­nen praktisch zeitgleich mit einem anderen Fall, der einen weiteren Aspekt des unermüdlichen Wirkens Berlusconis beleuchtet.

Im Februar hatte Staatspräsident Sergio Mattarella die 41-jährige Nicole Minetti begnadigt, die unter anderem wegen Förderung der Prostitution zu drei Jahren und elf Monaten Haft verurteilt worden war. Da ging es um Prostitution an Berlusconis Hof, für den Minetti die Trupps junger Frauen organisierte, die bei den Bunga-Bunga-Partys dabei waren.

Erneute Überprüfung

Im erfolgreichen Gnadengesuch hieß es, Minetti habe ihren Lebenswandel „radikal geändert“, doch Recherchen der Tageszeitung Il Fatto Quotidiano ließen heftige Zweifel an dieser Version aufkommen – und Präsident Mattarella verlangt jetzt eine erneute Überprüfung.

Einer, der angesichts des Falls sofort den Bogen in die Gegenwart schlug, war der prominente Journalist Paolo Mieli. Er barmte, „im Fatto wird Minetti attackiert, um Berlusconis Rehabilitierung zu stoppen“ – ganz so, als sei es unanständig, heute noch an Silvios merkwürdigen Umgang mit Frauen und der Wahrheit zu erinnern.

Vor allem aber liegt Mieli deshalb falsch, weil Berlusconi spätestens seit seinem Tod am 12. Juni 2023 als völlig rehabilitiert gelten darf. Schon damals mochte so gut wie niemand über seine Vorstrafe wegen Steuerbetrugs reden, über die ihm angelasteten Bilanzfälschungen, über den Kauf von Abgeordneten der Opposition, als er selbst Regierungschef war. Stattdessen verordnete Ministerpräsidentin Meloni drei Tage Staatstrauer, gab es in Mailand ein pompöses Staatsbegräbnis, bei dem auch Staatspräsident Mattarella nicht fehlte.

Selbst die Erwartung, die von Berlusconi im Jahr 1994 gegründete Partei Forza Italia (FI) werde nach seinem Ableben sang- und klanglos auseinanderfallen, erfüllte sich nicht.

Im Gegenteil: Die FI liegt in allen Umfragen weiterhin stabil bei rund 9 Prozent. Und weiterhin gehört die Partei im wahrsten Sinn des Wortes den Nachkommen Berlusconis, die den Klub ganz selbstverständlich, ganz so wie Papa, als Privatsache behandeln.

Schließlich stehen sie mit ihrem Vermögen für die mehr als 90 Millionen Euro hohen Schulden von FI ein – da darf man doch auch kommandieren, ganz wie Papa. Zwar hat die Erstgeborene, Marina Berlusconi, gar kein Parteiamt inne, doch am 9. April zitierte sie den Forza-Italia-Vorsitzenden und stellvertretenden Ministerpräsidenten Antonio Tajani zum Rapport in den Firmensitz der Berlusconi-Holding Mediaset.

Marinas Auftrag an ihn: Er solle umgehend die beiden ihr nicht mehr genehmen FI-Fraktionsvorsitzenden im Abgeordnetenhaus und im Senat schassen. Tajani gehorchte brav – und viele in Italien fragen sich, ob Marina B. demnächst selbst an die Spitze von Forza Italia treten könnte. Auf die Post der Partei könnte sie dann eine Briefmarke kleben, die Italiens Post schon 2024 herausgegeben hat: die Berlusconi-Gedenkmarke.

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