Berliner Wohnungsmarkt: Wohnungsnot im Abendrot
Der knappe Mietmarkt dringt in jede Ritze des Alltags. Auch in der Berliner U-Bahn ist er hörbar ein Thema.
N ach einem Tag voller Termine stehe ich mit Handy am Ohr auf dem S-Bahnsteig zwischen abgekämpften Gesichtern aus allen Generationen. Feierabendverkehr. Am Telefon erzählt Christian: „Ich hab ihn jetzt auf ein Viertel der ursprünglichen Mieterhöhung gedrückt. Hat mich aber auch zwei Tage meines Lebens gekostet.“
Die S7 fährt ein. Das übliche Ein- und Ausstiegsgewusel beginnt und ich beende vorsorglich das Telefonat. Sekunden später laufe ich durch den vollen Waggon auf der Suche nach einem akzeptablen Stehplatz. „Einen wunderschönen guten Tag, liebe Fahrgäste“, höre ich hinter mir. „Bitte entschuldigen Sie die Störung, mein Nahme ist P. und ich komme eigentlich aus Bayern, aber das ist meine Schuld. Nicht meine Schuld war die Eigenbedarfskündigung, wegen der ich nun obdachlos bin. Falls Sie also eine kleine Spende übrig haben, wäre ich Ihnen sehr verbunden.“
„Anna!“, keift im nächsten Moment eine junge Frau in ihr Telefon. „Mach keinen Scheiß und NIMM diese Wohnung bitte! Ich weiß nicht, was dein Problem – was? Mann, Anna, so was kriegst du nie – jetzt SCHEISS doch mal auf deinen Dielenboden!“ Ich drehe mich um und sehe eine junge Frau im 90er-Retro-Outfit, das mich unweigerlich an all die Nachwende-Geschichten denken lässt. Leerstand überall, paradiesische Mieten. „Anna! Das Ding hat Licht von drei Seiten! Check das doch mal! Das kriegst du NIE WIEDER, Mann! NIMM. DIE. SCHEISS. WOHNUNG, ANNA!“
„Ja, Anna“, murmelt der obdachlose Bayer, als er sich neben mir durch die dichte Menschenmasse gräbt. „Nimm die Wohnung.“ Er lächelt nicht. Das Lachen ist ihm vergangen. Vermutlich vor Jahren schon, wie so vielen anderen, denen versprochen wurde, der freie Markt würde das alles schon regeln. Dann stellt er sich ins Fahrradabteil und beginnt von vorn: „Einen wunderschönen guten Tag, liebe Fahrgäste …“
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