Berliner Szenen

Mit Swing in der U-Bahn

Sie sitzt in der U1 mit Stöpseln in den Ohren und tanzt für sich selbst den Lindy Hop.

Paar beim Lindy Hop.

Tanz, 20er, Swing, Club, Berlin: So sieht's aus Foto: Nick Ash

Sie holt ihr Taschentelefon aus ihrer riesenhaften silberglänzenden Handtasche. Sie sucht und öffnet eine Musikdatei. Sie mag Musicals. Sie mag Musicals, weil sie gute Laune mag. Sie mag gute Laune und Tanzen. Sie mag Swing. Sie mag den Lindy Hop. Sie kann die Grundschritte.

Sie mag es, mit den Armen zu schwingen. Sie mag es zu lächeln. Sie mag die Ordentlichkeit dieser alten Musik, die Disziplin, die es benötigt. (Sie weiß, dass die Swing-Szene in Berlin eine Szene ist, Leute, die unter sich bleiben, man muss viel Geld investieren, um einmal dazuzugehören.) Sie wird von niemandem bemerkt (alle sitzen wie im Museum da, versunken in ihre Bildschirme). Sie mag es, bunte Regenschirme zu drehen und Belanglosigkeiten zu singen.

Aber das macht sie nur, wenn sie sich unbeobachtet fühlt. Hier in der U-Bahn (U1 Uhlandstraße Richtung Warschauer Straße) ist nicht der Raum dafür. Ja, man hat schon Leute pfeifen gehört. Man hört Leute singen. Auf der Straße. Beim Vorübergehen. Während des Joggens. Auf dem Fahrrad. Leute mit dicken Kopfhörern auf dem Schädel. Leute mit Fahrradhelmen, die immer ein wenig nach Wehrmacht aussehen, und dicken Kopfhörern.

Aber sie, sie ist nicht so. Sie ist etwas scheu. Sie lächelt auch selten. Sie klebt sich die Ohrstöpsel in die Ohren, die guten kleinen, und hört sich Musik an. Staubige, gespenstische Musik aus anderen Zeiten. Sie mag es, durch ihren eigenen Soundtrack zu spazieren. Zu Hause greift sie sich den Wischmop (wie Jennifer Lawrence in diesem Film über die erfinderische Hausfrau, die zur Ikone der Putzwerkzeuge wird). Und tanzt durch ihren Schuppen. Durch ihren persönlichen, imaginären Ballsaal.

Hier füllt sie den Raum. Mit ihrer Musik. Die nur sie hört. Eine Musik, die den gesamten Wagon füllt. Sie badet in der Illusion, dass alle in dieser Musik sind. In der Musik schwimmen. Für einen Moment.

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schreibt für die taz gern über Sport, Theater, Musik, Alltag, manchmal auch Politik, oft auch Literatur, und schreibt letzteres auch gern einmal selbst.

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