Berliner Stimmen aus der Quarantäne (8): Bäume umarmen

Der Musiker und Wanderprediger Pastor Leumund hat sich in den Wald zurückgezogen, weil ihn die realdadaistischen Zustände sprachlos machen.

Träumt von Entschleunigung, doch die Hölle wird immer heißer: Pastor Leumund Foto: David Prior

taz: Was würden Sie in einer Welt ohne Covid 19 gerade machen?

Pastor Leumund: Ich wäre als Diskursdisko-Prediger mit Mittekill und Dr. Telefonmann auf Tournee und würde Festivals und andere Versammlungen beschallen. Dazwischen würde ich performative Workshops für Kinder, Jugendliche oder Festivalbesucher anbieten.

Was haben Sie zuletzt gestreamt, das Sie besonders gut oder schlecht fanden? Und warum?

Beim Streaming fehlt alles, was für mich einen Event lebendig macht: Austausch, Zufall, Interaktion, die Wahl der Perspektive. Selbst der Stream zu „My Gruni“, dem Autokorso des Quartiersmanagements Grunewald am 1. Mai, der mit Liveschaltungen zu verschiedenen Orten dieses besonderen Feiertages, sowie eingestreuten vorproduzierten Beiträgen der beteiligten Initiativen Maßstäbe setzte, konnte mich nicht wirklich begeistern.

Pastor Leumund, geb.1967 in Lübeck, seit 1987 in Berlin. Autor, Musiker, Irritainer, Interaktivist, Sozialplastiker. In den 90ern Hausbesetzer, Selbsthilfe-Kommunarde und realdadaistischer Prediger, Mitglied der Krösus-Stiftung, welche 2002 das leerstehende Cabaret Voltaire in Zürich besetzte, Mitbegründer der Bergpartei, die Überpartei (B*), Betreiber des Modelabels „Deserteur“, seit 2018 zusammen mit Friedrich Greiling (aka Mittekill) auf Konzert- und Festivalbühnen unterwegs. www.pastorleumund.com, www.deserteur.eu

Was halten Sie vom (oft kostenlosen) Streaming von Theateraufführungen, Konzerten, DJ-Sets oder Lesungen?

Ich verstehe den Impuls, wenigstens mit Notlösungen weiterzumachen. Und vielleicht wird ja auf diese Weise tatsächlich irgendein Club oder eine Institution vorm Dichtmachen bewahrt. Ich fände es allerdings schlimm, wenn sich durch das Gestreame alle daran gewöhnen, dass Kulturschaffende als free download konsumierbar bleiben, obwohl sie eigentlich gar nicht mehr in der Lage sind zu existieren.

Anstatt die Mietzahlungspflicht in einer Krise wie dieser anzupassen, werden lieber alle Selbstständigen in die Jobcenter geschickt, während Kulturstiftungen nun die Kultur mit gefördertem Streaming am Leben halten müssen. Für mich ist es trostlos, isoliert Geisterveranstaltungen am Endgerät zu verfolgen. Sowieso kotzt es mich übelst an, dass es nun ohne Internet quasi gar mehr möglich ist, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Ich befürchte, dass das auch so bleibt, wenn die Pandemie vorbei sein sollte. Ihr trefft mich in der postdigitalen Zone.

Welchen Ort in Berlin vermissen Sie gerade am meisten?

Das polizeifreie Viertel. Mit professionellem Awareness-Team natürlich.

Da die Kulturbeilage taz Plan in unserer Printausgabe derzeit pausiert, erscheinen Texte nun vermehrt an dieser Stelle. Mehr Empfehlungen vom taz plan: www.taz.de/tazplan.

In der neuen Interviewreihe „Berliner Stimmen“ stellt der taz plan Berliner Kulturschaffenden Fragen zu Kultur, Alltag und Stadtleben.

Womit vertreiben Sie sich aktuell am liebsten die Zeit? Welche Routinen haben Sie seit dem Lockdown entwickelt?

Mir sind sämtliche Routinen endgültig abhanden gekommen. Meine Phantasie wird von der Wirklichkeit endgültig überholt. Die zunehmend realdadaistischen Zustände auf unserem Planeten machen mich sprachlos. Das ist für einen Wanderprediger ungünstig, weswegen ich mich momentan tief im Wald verstecke und Bäume umarme. Mit Pflanzen kann man zum Glück stumm kommunizieren und Abstand muss man auch nicht zu ihnen halten.

Ist die Pandemie nur Krise oder auch Chance?

Die verbindende Wirkung von Entschleunigung, Verzicht, nachbarschaftlicher Initiative und gegenseitiger Verantwortung, welche uns der Ausnahmezustand plötzlich aufgezwungen hat, gerät mit der Rückkehr zur Normalität und den üblichen Sackgassenhauern hoffentlich nicht so schnell wieder in Vergessenheit. Dank Corona hab ich mir zwei Monate Zeit genommen, die letzte Lebensphase meiner Mutter bis zu ihrem Tod – der nichts mit Covid 19 zu tun hatte – zu begleiten, worüber ich sehr dankbar bin.

Ein von Autos und Touristen befreites Berlin mit Pop-Up-Fahrradwegen, wie wir es zum Anfang des Lockdowns erleben durften, ist genau wie ein Himmel ohne Flugzeuge oder Delphine in Venedig für Menschen in Machtpositionen immer noch keine zukunftsweisende Vision. Im Schatten der Pandemie stehen die Chanchen offensichtlich besser dafür, noch skrupelloser Geschäfte zu machen als eine enkeltaugliche, gemeinwohlorientierte Ökonomie einzuführen. Wir träumen von einem Bewusstseinswandel, während außerhalb unserer Blase die Hölle immer rasanter heißer wird.

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