Berliner Märchentage beginnen: Erzähl doch mal!

Heute beginnen die 31. Berliner Märchentage. Das passt gut in diese Zeit, wo die Grenzen zwischen Gut und Böse zunehmend verwischen.

Rotgekleidete Märchenhexe verzaubert die Prinzessin

Dieses Jahr nur im Internet, aber 2017 konnte man den Aufführungen auch physisch beiwohnen Foto: Philipp Schumann/Berliner Märchentage

BERLIN taz | Eigentlich könnte die Diskussion schon seit dem Jahr 1977 beendet sein. Damals erschien das Buch des US-amerikanischen Psychoanalytikers österreichischer Abstammung Bruno Bettelheim „Kinder brauchen Märchen“. Bettelheim, der elf Monate im KZ verbringen musste, räumte darin mit der Aversion auf, die zumindest hierzulande im Zuge der 68er-Bewegung gegen Märchen gepflegt wurde. Nach Bettelheim sind Märchen weder gewaltverherrlichend noch frauenverachtend. Sie helfen Kindern vielmehr, innere Konflikte zu erfassen und in der Fantasie auszuleben und zu lösen. Und zwar in aller Härte, ohne jede Verniedlichung. Anders gesagt: Kinder sind natürlich nicht immer behütet, sie haben ernste Probleme. Und Märchen helfen ihnen entgegen allen Vorurteilen besonders in Situationen, wo die Grenzen zwischen Gut und Böse verwischen.

„Es ist erstaunlich, wie oft diese Vorurteile trotzdem immer noch auftauchen“, sagt Silke Fischer, die Leiterin der Berliner Märchentage, die am Donnerstag zum 31. Mal beginnen. „Sie sind im Gegenteil ausgesprochen hilfreich für Kinder“, setzt sie hinzu – und der Erfolg der Märchentage, die diesmal wegen des Coronavirus ausschließlich online stattfinden wird, gibt ihr recht.

In keiner Stadt wären die Märchentage sinnvoller als in Berlin, das in Sachen Kinderarmut Spitzenreiter ist. Die Stiftung Lesen rechnet jedes Jahr von Neuem vor, dass die sogenannte Vorlese-Intensität vom Bildungsgrad der Eltern abhängt. Und dass Einkommens- und Bildungshintergrund oft korrelieren, ist auch kein Geheimnis. Es könnte also sogar von Vorteil sein, dass diesmal die Märchentage ausschließlich online stattfinden. Am Konzept wurde mit heißer Nadel gestrickt, trotzdem gibt es nichts, was fehlt: Von der Snapchat-Show bis zum Online-Game für Schuklassen ist für jeden noch so modernen Märchenfan etwas dabei. Das dürfte die Märchentage niedrigschwelliger gestalten.

Aber es gibt auch noch einen zweiten Grund, warum die Märchentage wo wichtig wie goldrichtig sind in Berlin: In keiner anderen Stadt haben so viele Kinder mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund miteinander zu tun. Märchen können diesbezüglich ein toller Startknopf sein: „Sitten, Bräuche, klimatische Unterschiede sind in den Märchen der Welt verschieden, aber im Grunde haben alle Märchen auf der ganzen Welt ähnliche Themen“, so Silke Fischer. „Sie berichten immer von denselben Wünschen und Träumen, schön, gesund, wohlhabend oder glücklich zu werden.“ Anders gesagt: Schon der Schweizer Psychiater und Begründer der analytischen Psychologie, Carl Gustav Jung, beschrieb in den 1950er Jahren, dass Märchen ähnlich wie Träume sogenannte Archetypen verhandeln, also Grundprägungen, zu denen auch universelle Erfahrungen wie Geburt und Tod gehören.

Klischees auf den Kopf gestellt

Es ist also kein Wunder, dass man sich mithilfe von Märchen gleichzeitig über Differenzen wie Gemeinsamkeiten in den Kulturen prima verständigen kann. Eine der schönsten Veranstaltungsreihen der Berliner Märchentage ist darum auch die mit dem Titel „Frohe Botschaft“, für die sich in den Botschaften von Kuba bis zu den Vereinigten Arabischen Emiraten die Türen öffnen, um Märchen vorzustellen, mit denen man vielleicht nicht aufgewachsen ist.

Jedes Jahr wählen die Märchentage ein anderes Motto aus, im letzten Jahr hieß es „überwinden Grenzen“, in diesem soll es um „Märchen vom Oben und Unten gehen“ – also um arm und reich, dumm und klug, traurig und froh. Es geht aber auch um Märchen wie „Frau Holle“, das bekannt sein mag, aber nicht bekannt genug. Denn gerade Frau Holle zeigt sehr schön, dass viele Märchen bei genauerem Hinsehen Klischees wie etwa das vom schwachen Geschlecht oft viel subtiler angehen als gedacht. Frau Holle geht nämlich vermutlich auf die Verehrung einer vorchristlichen Gottheit zurück, die die Elemente beherrscht. Schon die Germanen erzählten sich, dass die Sonne scheint, wenn sie ihr Haar kämmt, und Schnee fällt, wenn sie ihre Betten ausschüttelt. Die Kirche verbannte Frau Holle, die übrigens oft Frau Percha hieß, in den Aberglauben. Weil sie auch die Faulen bestrafte und die Fleißigen belohnte, gehen Philologen davon aus, dass sie eine Art matriarchalische Vorgängerin von Knecht Ruprecht sein könnte.

Nicht nur in „Frau Holle“, sondern auch in anderen Märchen wird das Bild von der Prinzessin, die brav auf ihren Prinz wartet, erfrischend auf den Kopf gestellt – mitunter sogar in den Märchen der Brüder Grimm, in denen Frauen tatsächlich oft vergleichsweise biedermeierlich und brav daherkommen. Ohne Gretel wäre Hänsel vermutlich gestorben. In einem anderen Märchen findet der Vater, dass seine schöne Tochter auch noch dem ekelhaftesten Verehrer Dank schuldet. Sie scheißt darauf und wirft den Frosch an die Wand.

Nicht den Kopf in den Sand stecken

Fast noch wichtiger auch an diesen vermeintlich konventionelleren Märchen aber ist, dass sie immer Hoffnungsgeschichten sind, dass sie immer von der Überwindung von Widerständen berichten. Oft erzählen sie von schwachen Heldinnen und Helden, die in die Welt ziehen und ihr Schicksal in die Hand nehmen wollen. Mädchen wie Jungen macht das Mut.

Und ist besonders in diesem historischen Moment wichtig, wo viele Selbstverständlichkeiten plötzlich außer Kraft sind. Wir sollen uns in einem Monat zurückziehen, der auch ohne Corona finster genug wäre. Und sollen nicht den Kopf in den Sand stecken. Lasst uns also Märchen erzählen – und hören.

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