Geschlechtergerechtes Märchen im Kino: Viel Action in den alten Knochen

Der US-Regisseur und Schauspieler Osgood Perkins nimmt sich „Gretel & Hänsel“ vor. Sein Update der Brüder Grimm ist feministisch, aber zu bildverliebt.

Ein brennendes Holzhaus im Märchenwald

Knusper, Knusper, Knäuschen: nach Pferfferkuchen duftet das Hexenhaus bei Osgood Perkins nicht Foto: Capelight

Auch Hexen haben Backstorys. Sie waren nicht immer alt und gebeugt, wohnten nicht immer in Knusperhäuschen im Wald, und koberten und mästeten vermutlich nicht immer kleine Kinder, um sie beizeiten aufzufressen.

Doch Osgood Perkins’ filmische „Gretel & Hänsel“-Adaption legt – wie die originale Erzählung – den Fokus zunächst auf die beiden Geschwister, deren Schicksal seit 1812 (da erschien die Urfassung in Grimms „Kinder- und Hausmärchen“) besiegelt ist: Arm sind sie, in den Wald müssen sie, sich verirren und die Hexe treffen.

Was vielleicht sogar das kleinere Übel sein könnte: „Are you intact?“, wird die pubertierende Gretel (Sophia Lillis) kurz zuvor von einem geifernden potenziellen Arbeitgeber gefragt, an den ausgerechnet die Mutter sie verwiesen hatte.

Perkins’ Gretel beweist, bei all der Armut und Lieblosigkeit um sie herum, genug Selbstschutz, um nicht auf das Angebot einzugehen. Anstatt bei der verzweifelten Mutter zu bleiben, die angesichts der fatalen Mittel- und erwartbaren Arbeitslosigkeit einen erweiterten Sui­zid ankündigt, schnappt sie den kleinen Bruder und geht ihm voraus in den Wald: Gretel steht auch im Filmtitel nicht ohne Grund an erster Stelle.

„Gretel & Hänsel“. Regie: Osgood Perkins. Mit Sophia Lillis, Samuel J. Leakey u. a. Kanada/USA/Irland 2020, 87 Min.

Und nach einer mit wabernden Nebelschwaden, düsteren Bäumen, einem Fliegenpilztrip und ausufernder Dreiecksymbolik gestalteten Waldwanderung treffen das Kind und der Teenager märchengetreu auf ein Häuschen, das zwar nicht nach Pfefferkuchen duftet, sondern einem dreieckigen Requisit aus einem Stanley-Kubrick-Film ähnelt.

Eine warzenfreie Gastgeberin

Aber drinnen biegen sich, wie bei Grimms, die Tische vor köstlichen Speisen – Grund genug für Gretel und Hänsel, die betagte, immerhin warzenfreie Gastgeberin zu akzeptieren, deren Motive sie sich fast nicht mehr rechtzeitig bewusst werden.

Perkins und sein Drehbuchautor Rob Hayes haben sämtliche psychoanalytischen, historischen, esoterischen und philosophischen Interpretationen des Märchenstoffs gelesen, und einen großen Teil davon benutzt: Verhalten entdeckt man Hinweise auf familiäre Konflikte, auf sexuellen Missbrauch, auf Schizophrenie, auf das Verhältnis zwischen pubertierenden Mädchen und Nahrung, das zuweilen in Essstörungen münden kann.

Die Hexe, in einer großartig-trockenen Maske gespielt von Alice Krige, hat aber auch etwas von einer naturaffinen Präfeministin: Gibt sie nicht ihr Wissen über das Beherrschen der Bäume an Gretel weiter? Fordert sie nicht deren uneingeschränkte Solidarität gegenüber dem Bruder (= männlichen Wesen) ein, soll sich Gretel nicht gar von ihm lossagen? Und erklärt sie nicht, dass ein Mädchen seine Kraft mit der ersten Menstruation erkennt?

Formvollendete Gruseltableaus

Aber Perkins findet von Anfang an keinen Rhythmus für seinen modernen Horror. Zum alptraumhaft düsteren, elektronischen Score von Robin Coudert baut der Regisseur zwar formvollendete Gruseltableaus – doch er ist zu bildverliebt, um sie dramaturgisch zu verbinden.

Und so verschwimmen die finsteren Sequenzen von Kindern hinter Spiegeln, von blutigen Leichen, die einem kannibalistischen „Vanitas“-Gemälde ähneln, und von verlotterten Puppen. Die Handlung steht zumeist, genau wie die Handelnden – dabei mag die Hexe nach außen hin uralt sein, in ihren Knochen steckt – das lernen Gretel und Hänsel – noch viel Action.

Die Vorgeschichte der Hexe

Sogar die endlich offenbarte Vorgeschichte der Hexe kann am Ende nicht mehr viel retten: Wer nun wen einst geboren, aufgefressen oder gekidnappt hat und wer dafür leiden oder besser: in einer Art Ofen brennen muss, das versinkt in der statischen Erzählweise, den Dreiecken und den humor- und manchmal auch sinnfreien Dia­logen.

Auch die Hoffnung, „Gretel & Hänsel“ könnte wie Robert ­Eggers’ außergewöhnlicher Hexen­verfolgungs-Fantasyfilm „Die Hexe“ (2016) in eine historische Richtung gehen, zerschlägt sich spätestens, wenn eine der Traumfiguren ihre modernen „ignorant tattoos“ enthüllt. Schade – nicht mal mit Lebkuchen kann man sich trösten. Denn ausgerechnet die kommen in „Gretel & Hänsel“ gar nicht vor.

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