Berlin Fashion Week: Raus aus der Bastelecke
Wie rüstet man sich für den nächsten Winter? Die Berliner Fashion Week lieferte Anregungen. Vier Momentaufnahmen von den Schauen und Installationen.
One reference after another
Es ist ein kleines Detail, das Karen Jessen zu ihrem fließenden Kleid inspiriert hat: die Tischdecke im Stillleben des niederländischen Malers Jan Jansz. den Uyl. Geknittert und gefaltet hängt sie vom Tisch herunter, rafft sich an manchen Stellen zusammen. Auf ihr eine chaotische Szenerie, umgefallene Kelche, angebissene Früchte, Gegenstände, die wie in Eile zurückgelassen wurden. Sich von Gemälden von alten Meistern inspirieren zu lassen, ist die Idee der Ausstellung „Gallery Looks“, die zur Fashion Week in der Gemäldegalerie eröffnet wurde.
Vier Designer*innen haben sich hier mit alten Werken aus der Dauerausstellung auseinandergesetzt und sie in zeitgenössische Mode übersetzt. So hat der gequiltete Mantel, der an das Gewand der Gernomia Spinola von Anton van Dyck erinnern soll, Cut-outs an den Schultern, und das Model auf der riesigen Fotografie an der Wand trägt ihn mit gecropptem Hemd. Die Haute-Couture-Stücke stehen in der Ausstellung nämlich nicht nur im Dialog mit der Kunst selbst, sondern auch mit Fotografien, die während der vorherigen Fashion Week im Sommer von Ralph Mecke aufgenommen wurden.
Ein Modestück also, das vor einer Fotografie steht, auf dem ein Model das Modestück trägt und vor einem Kunstwerk steht, das das Modestück inspiriert. Metaebene nach Metaebene also, mit einer Referenz nach der anderen. Im hinteren Teil der Ausstellungshalle der Gemäldegalerie geht es weiter mit „Fashion x Craft: Echoes of Tomorrow“. Auch in dieser Ausstellung geht es um alte Künste, jedoch nicht um die gerühmten Meister, sondern die fast vergessen scheinende traditionelle Handwerkskunst.
Die beteiligten Designer*innen haben drei Wochen im englischen Highgrove verbracht und dort gelernt, Körbe zu flechten, Teppiche zu weben, Holzschnitzereien anzufertigen oder mit Samen und Blumen zu färben. Größtes Trendpotenzial hat das Körbeflechten: Wie Stacheln oder lange Krallen stechen lange Rattanstäbe aus Röcken hervor, alte Fahrradschläuche flechten sich um Torso und Arm. Beide Ausstellungen sind noch über die Fashion-Week hinaus zu sehen, bis zum 31. Mai.
Lilli Braun
Eine Frage des Materials
William Fan ist ein Geschichtenerzähler. In den ersten Jahren hangelte er sich von Schau zu Schau an seiner Biografie entlang, ließ in seinen Kollektionen sein Jugendzimmer in der niedersächsischen Provinz und das Chinarestaurant seiner Eltern wiederaufleben. Inzwischen ist er bei der Historie seiner Marke angekommen. „Ring the bell“, der Titel seiner neuen Kollektion, verweist nun auf sein Ladengeschäft, das sich in Berlin-Mitte in einem Hinterhaus befindet, wo man anfangs klingeln musste.
Wer schon einmal da war, konnte erkennen, dass die Kulisse, die Fan für die Show im KW Institute for Contemporary Art aufgebaut hatte, Elemente von dessen Interieur imitierte. Die Looks wiederum seien – so hieß es – von seinen Kund:innen inspiriert. Diese haben offenbar eine Vorliebe für Brauntöne, für Samt, Cord und Brokat, für schimmernde Techstoffe und barock anmutende Perlenkrägen und natürlich das Fan-typische Layering.
Erstmals waren auch Daunenjacken im Programm, als hätte Fan geahnt, wie eiskalt sich Berlin zur Fashion Week zeigen würde. Weniger geeignet für Winterspaziergänge ist das, was sich Kasia Kucharska ausgedacht hat. Markenzeichen der Designerin ist 3D-gedruckte Latexspitze. Dieses von der Designerin entwickelte innovative Material kombinierte sie in dieser Saison mit einem überaus traditionellen: Aus klassisch gestreiften Herrenhemden in Pastelltönen fertigte sie rüschige Röckchen, puffige Ärmel, übergroße Stulpen oder wickelte aus den Ärmeln knappe Shorts zusammen.
Als ob das nicht schon niedlich oder mädchenhaft genug wäre, applizierte Kucharska Disneyfiguren aus „Bambi“ oder „Aristocats“ auf transparente Shirts, was fast so aussah, als hätte sie dafür Windowcolor benutzt. Es war aber – klar – aus Latex. Ausschließlich Garnreste und recycelte Wolle benutzen Olga Mnishko, Taisiia Lukashevskaia und Evgeniia Druzhinina. Knit to change nennt sich ihre soziale Initiative. Gemeinsam mit nach Berlin geflüchteten ukrainischen Frauen fertigen sie daraus Strick- und Häkelmode an.
Als Hommage an das visuelle Erbe der Sowjet- und Postsowjetzeit wollen sie ihr Design verstanden wissen: Jacken aus übergroßen Granny-Squares, Lurexpullover mit abstrakten Mustern, Häkelwestchen mit dreidimensionalem Blumendekor, Kopftücher und puschelige Hüte, warm wie Pelzmützen, aber eben gehäkelt. Charmant aus der Zeit gefallen wirkte auch das Styling der Models, ihr in künstliche Locken gelegtes Haar, die Püppchenmünder, die kräftig gerougten Wangen.
Beate Scheder
Die Zukunft wird hosenlos
Blickt man sich auf den Laufstegen der Berliner Fashion Week um, werden wir den nächsten Winter wohl ohne Hosen verbringen oder zumindest in sehr kurzen. Das lange, meist nackte und immer sehr dünne Bein (auch in Berlin ist Bodypositivity out) prägte viele der Schauen. So marschierte es bei der dänischstämmigen Sia Arnika in apokalyptischen Clogs und hohen Stiefeln mit Fuchsschwänzen über den Cat Walk, dazu sehr kurze Kleider oder Bodys – ein Look, der sich teils auch bei Kasia Kucharska fand.
Die wiederum kombinierte die nackte Haut gern mit dekonstruierten Hemden, wie man sie auch bei Vladimir Karaleev sehen konnte, der dem „System:Shirt“ gleich eine ganze Installation auf der Leipziger Straße widmete. Comme des Garçons ließ herzlich grüßen, übrigens auch in Richtung Kolya Bogatyrevs. In dessen (einer der wenigen nicht vom Berliner Senat geförderten) Schau im Humana auf der Frankfurter Allee sah man ebenfalls so einiges Bein und nicht nur neu zusammengesetzte Hemden, sondern auch gleich auseinandergenommene Anzüge, Hosen und durch Draht verstärkte Krawatten.
Das größtenteils sehr junge Publikum war begeistert und schien sich auch am Mottenkugelduft der Umgebung nicht zu stören. Passend war die unkonventionelle Umgebung allemal, zeigte sie doch Vergangenheit und eventuell Zukunft der gezeigten Kollektion, schließlich widmet sich der Designer dem Upcycling – auch so ein Wort, welches bei dieser Ausgabe der BFW in aller Munde war und teils fast verzweifelt anmutend versucht wurde, aus der Bastelecke zu holen.
Häufig kombiniert wurde die neue Mode aus der alten dann mit vielen Gürteln und Schleifen (Bogatyrev, BuzigaHill). Weitere Trends des nächsten Herbstes werden wohl Spitze und Blütenmuster sein, auch und gerade bei den Männerkollektionen wie bei GmbH, so wie Berlin-typische Farbpaletten voll Schwarz, Grau, Braun und Beige.
Hilka Dirks
Zeitlose Traditionen
Szenen wie vom Dorfplatz. Models sitzen auf grünen Klappkisten, als wäre eben Wochenmarkt gewesen. Sie knabbern an Sonnenblumenkernen, beugen sich über ein Backgammon-Brett. Drei Frauen flechten sich gegenseitig ihre Haare zu Zöpfen. Die Kollektion des Berliner Labels Sezgin stellt kurdische Kultur und Identität in den Fokus, zitiert traditionelle Kleidung.
Im Atrium Tower, unter hohen Decken, stellt der Raum.Berlin des Fashion Council Germany jeden Tag unterschiedliche Labels vor. Die Grenze „zwischen traditioneller Modenschau und interaktiver Installation“ aufzulösen, ist hier das Ziel, und so wendet sich die begehbare Schau vom klassischen Konzept des Laufstegs ab. Unter den drei ausgestellten Brands findet sich auch viel Erwartbares: Extravagante Y2K-Looks, ein menschlicher Paradiesvogel in Ballroom-Chic neben einer großen Diskokugel – was man eben so unter Mode versteht.
Dagegen tritt Sezgin mit einer auffallend anderen Installation auf. Strickpullover und ärmellose Tops in satten, leuchtenden Rot- und Blautönen. Lange Zickzacklinien säumen die Tops mit Sonnen, von deren Spitzen lose Fäden herunterhängen, verspielt und unverkrampft. Die Models streifen durch den Raum, ihre Hüften zieren feine Schmuckketten mit dem kurdischen Sonnenemblem. Zwei junge Männer unterhalten sich leise, einer dreht sich zu mir um und fragt nach der Zeit. Dann wendet er sich wieder ab und versinkt in diesem nachmittäglichen Gefühl der Zeitlosigkeit.
Nathan Pulver
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