Beeinflusster Weltklimarat: Datenlecks belegen Lobbyversuche

Dokumente sollen Industrienationen bei dem Versuch zeigen, den Weltklimarat zu beeinflussen. Doch es ist nicht so eindeutig, wie die BBC das darstellt.

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Fleisch soll gut sein fürs Klima? Brasilien und Argentinien behaupten das Foto: AP

BERLIN taz | Empfiehlt der Weltklimarat IPCC etwa bald Steaks und Erdöl fürs Klima? Die britische BBC hat gerade eine Geschichte ganz groß gemacht: Ein Datenleck bei der Institution, die als Goldstandard der Klimawissenschaften gilt, zeige Lobbyversuche der Staaten.

In aufdeckerischer Manier beschrieb der Artikel 32.000 Dokumente, in denen Regierungen und Interessengruppen den Wis­sen­schaft­le­r:in­nen ihre Meinung unterjubeln wollten. Vermittelt hat die Papiere ein von Greenpeace finanziertes Investigativprojekt namens Unearthed. Saudi-Arabien und Australien zum Beispiel hätten darin nahegelegt, eine schnelle Abkehr von der fossilen Energiegewinnung nicht allzu stark zu betonen. Und Argentinien und Brasilien würden sich an der Erkenntnis stören, dass Fleischkonsum klimaschädlich ist.

Die BBC-Autor:innen befürchten, dass das Leck nun die Ernsthaftigkeit der anstehenden Weltklimakonferenz in Glasgow infrage stelle. Nur kommen die meisten Beispiele nicht gerade überraschend. Es sind Positionen, die die genannten Regierungen bisher längst auch öffentlich preisgegeben haben.

Und dass die meisten Staaten trotz gegenteiliger Beteuerungen nicht genug tun, ist auch bekannt. Das Klimasekretariat der Vereinten Nationen hatte kürzlich ausgerechnet, dass die aktuell im Rahmen des Paris-Abkommens eingereichten Klimaziele bis 2100 noch auf 2,7 Grad Erderhitzung gegenüber vorindustriellen Zeiten hinauslaufen würden. Ziel ist ja eigentlich, dass bei deutlich unter 2 Grad Schluss ist.

Dass Regierungen die Berichte des IPCC kommentieren, ist indes auch nicht neu – es gehört sogar offiziell zum Prüfprozess des zwischenstaatlichen Gremiums. Für seine Berichte treten Tausende Wis­sen­schaft­le­r:in­nen von Unis und Instituten weltweit zusammen, um den aktuellen Sachstand der Klimaforschung zusammenzutragen. Die Ergebnisse werden erst unbeteiligten Fach­kol­le­g:in­nen vorgelegt, dann Kli­ma­ex­per­t:in­nen der Regierungen. Heraus kommen Tausende Kommentare. Berücksichtigen müssen die Au­to­r:in­nen nichts davon.

Etwas anders ist es bei den sogenannten Zusammenfassungen für politische Entscheidungsträger:innen. In tagelangen Sitzungen gehen die Wis­sen­schaft­le­r:in­nen die Kurzfassungen Satz für Satz mit den Regierungen der Vereinten Nationen durch. Ziel dieses doch absonderlichen Prozederes ist es, Formulierungen zu finden, die Regierungen auch verstehen – denn Sinn und Zweck des IPCC ist es, die Grundlage für wissenschaftsbasierte Politik zu liefern. Dabei ist die ursprüngliche Wortwahl auch schon verwässert worden.

Der Weltklimarat hat also durchaus politische Aspekte. Dass die Berichte demnächst fälschlicherweise aussagen, dass Steaks und Öl gut fürs Klima sind, ist aber eher nicht zu befürchten.

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